Wie sieht ein Wal die Welt?

Der Meeresbiologe Kurt de Swaaf hat ein aufrüttelndes Buch über den «Geist des Ozeans» geschrieben. Er ­schildert darin das Leben eines Pottwals – und lässt uns den Ozean aus dessen Perspektive entdecken.

Das Buch «Geist des Ozeans» ist aus der Perspektive eines Pottwals geschrieben.

Das Buch «Geist des Ozeans» ist aus der Perspektive eines Pottwals geschrieben.

(Bild: Keystone)

Mirjam Comtesse

Die Ozeane sind für uns wie ein fremder Planet. Wie erklärt man deren komplexes Ökosystem? Der Meeresbiologe und Wissenschaftsjournalist Kurt de Swaaf, der unter anderem für die NZZ und den österreichischen «Standard» schreibt, hat die perfekte Formel gefunden. Gerade ist sein Sachbuch «Der Geist des Ozeans» erschienen, das stellenweise auch Roman und Reportage ist. Der Autor verpackt darin naturwissenschaftliches Wissen geschickt in spannende und berührende Erlebnisberichte.

Kurt de Swaaf erklärt im Vorwort, wieso ausgerechnet der Pottwal für ihn «Der Geist des Ozeans» ist: «In wohl kaum einem Tier spiegelt sich die Magie des Ozeans so sehr wie in ihm.»

Phystys Rettung

Grundlage des Buchs bildet die teils erfundene, teils belegte Biografie des Pottwals Physty (als «Feisty» ausgesprochen). Wir erleben den Ozean durch seine Augen, sehen dessen Weite und Schönheit, aber auch dessen Gefährlichkeit. Zum Beispiel erfährt der Leser, wie es sich für einen Pottwal anfühlen muss, wenn sich ein Riesenkalmar mit seinen Saugnäpfen an ihm festklammert. Oft tragen die Wale von diesen Kämpfen lebenslang Narben davon.

Physty gibt es tatsächlich. Er wurde im April 1981 an die Südküste von Long Island im US-Bundesstaat New York angeschwemmt. Der damals rund sechsjährige Pottwal hatte eine Lungenentzündung, und sein Überleben stand auf Messers Schneide. Nach stundenlangem Bangen frass Physty schliesslich tote Tintenfische, die seine Helfer mit Antibiotika vollgestopft hatten – und überlebte.

Physty wurde zur Sensation: Unzählige Menschen nahmen Anteil an seinem Schicksal. Zwei Jahre nach dessen erfolgreicher Behandlung sahen Forscher den Pottwal nochmals – er hatte es offensichtlich geschafft.

De Swaaf geht zurück bis zur Geburt von Physty. Er beschreibt die Gefühle des Pottwals, wenn dieser zum ersten Mal an der Zitze seiner Mutter saugt, schildert, wie Physty mit seiner Familie und seinen Freunden kommunziert, und erzählt von natürlichen Feinden wie den Orcas. So erfährt man viel darüber, wie das Leben im Ozean funktioniert – und wie der Mensch dieses gefährdet.

Viele Jungtiere sterben früh

«Der Geist des Ozeans» ist aber mehr als ein biografisches Sachbuch. Der Autor begleitet auch die griechische Forscherin Kalliopi Gkikopoulou auf einer ihrer Reisen. Mit ihrem Team sucht sie im Mittelmeer nach Pottwalen. Diese gibt es im vergleichsweise kleinen Meer tatsächlich.

Auch in diesem reportageartigen Teil des Buchs wird deutlich, wie bedroht die Welt der Pottwale ist. Die Forscher stellen bei einer Teilpopulation am Hellenischen Tiefseegraben eine Jungensterblichkeit von über 40 Prozent fest. Die möglichen Ursachen: Tod durch Plastik, Ertrinken in illegalen Treibnetzen und Überfahrenwerden durch Schiffe.

De Swaaf fordert zwar in seinem Buch wiederholt zum Schutz der Natur auf, doch er tut dies nie auf penetrante Weise, sondern eher poetisch: «Die Ozeane mögen uns wie fremde Universen vorkommen, sie sind trotzdem die grössten zusammenhängenden Ökosysteme des Planeten und bestimmen tagtäglich sein Geschick. Unser aller Geschick.»

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt