Erstmals äussert sich die Polizei zu einem vermuteten Problem im Bereich häuslicher Gewalt: Von den 310 registrierten Fällen waren 63 Prozent der Täter Ausländer. Und auch bei den Opfern sind 56 Prozent ausländischer Herkunft. In der Basler Wohnbevölkerung beträgt der Anteil der Ausländer 32 Prozent. Peter Gill, Sprecher der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt, nennt einen entscheidenden Grund: «Die Gewalt hat in diesen Kulturkreisen innerhalb der Familie einen anderen Stellenwert.»
Prioritäres Thema
Bei der Polizei und der Staatsanwaltschaft hat das Thema häusliche Gewalt grosse Priorität. Seit 2007 muss die Polizei von Amtes wegen einschreiten, wenn sie Kenntnis von einem Fall von häuslicher Gewalt hat. Also auch dann, wenn eine Drittperson Anzeige erstattet. Gerade bei Frauen ausländischer Herkunft sei dies immer wieder der Fall. «Wir stellen fest, dass Frauen, die nicht aus unserem Kulturkreis stammen, eine höhere Hemmschwelle haben, die Polizei zu verständigen. Das wird ihnen von der Familie oder Sippe als Verrat vorgeworfen», sagt Peter Gill. «Wenn sie es tun, haben sie eine lange Leidensgeschichte hinter sich, mit schlimmen Übergriffen.» Oft würden es die dominanten Ehemänner nicht zulassen, dass sie sich in Basel integrieren könnten. «Viele wissen deshalb nicht, an wen sie sich wenden müssen», sagt Gill. Die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt vermutet daher eine deutlich höhere Dunkelziffer.
Im Zuge der Offizialisierung hat der Kanton Basel-Stadt das Polizeigesetz angepasst. Gemäss Paragraf 37a. können die Beamten eine Person, von der weiterhin Gefahr ausgeht, für 12 Tage aus der Wohnung wegweisen. Und auch hier sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache: 2011 wurden 46 Wegweisungen ausgesprochen. Davon waren 30 Personen ausländischer Herkunft. Ähnlich zeigt sich die Situation im Kanton Basel-Land. Von den insgesamt 81 ausgesprochenen Wegweisungen waren in 55 Fällen Ausländer betroffen.
Drei von vier Tätern sind Väter
Der Kanton Zürich veröffentlichte Anfang April eine grosse Studie zum Thema häusliche Gewalt. Es ist die schweizweit umfangreichste Arbeit auf dem Gebiet. 2800 Fälle wurden ausgewertet. Das Ergebnis: Der Anteil an Ausländern ist mit 57 Prozent auch hier überdurchschnittlich hoch.
Die Wissenschaftler um den renommierten Zürcher Gerichtspsychiater Frank Urbaniok kamen in ihrer Studie zudem zu folgenden Schlüssen:
- Über die Hälfte der Täter sind verheiratet, knapp zwei Drittel sind Väter.
- Muslime und Konfessionslose sind stark übervertreten.
- In drei von vier Fällen üben Männer physische Gewalt aus. Andere Formen von häuslicher Gewalt sind Stalking oder Drohungen.
- In jedem vierten Fall spielt Alkohol eine Rolle.
- Über 70 Prozent der Täter sind bereits im Strafregister verzeichnet.
Polizei stellt Rückgang fest
Bei der Polizei Basel-Stadt stellt man einen Rückgang der als häusliche Gewalt dokumentierten Fälle fest. 2008 waren es noch 425 Fälle, 2011 310. Das gleiche Bild zeigt sich auch im Baselbiet. Von 497 Fällen 2008 senkte sich die Zahl auf 445 im letzten Jahr. Davon gelangt jedoch nur ein verschwindend kleiner Teil vor Gericht. 2011 wurden lediglich zehn gewalttätige Männer angeklagt und 27 Fälle mit einem Strafbefehl abgeschlossen. In 185 Fällen wurde das Verfahren eingestellt. Davon in 86 Fällen, weil das Opfer eine Einstellung des Verfahrens wünschte, wozu es nach Strafgesetzbuch in gewissen Fällen berechtigt ist.