Der erste Blick in den neuen Berner Casinosaal

Bern

Im Casino Bern geht es den Bausünden des 20. Jahrhunderts an den Kragen. Die Zeit drängt: In einem halben Jahr ist Schlüsselübergabe. Ein Besuch mit Chefarchitekt Claudio Campanile auf der schönsten Baustelle in Bern.

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Michael Feller@mikefelloni

Claudio Campanile hat bereits in vielen historischen Gebäuden nach ihrem «Geist» gesucht, wie er sagt. Nach dem Ursprung, nach der Stimmung der Architektur. Aber das Kultur-Casino, das ab seiner Eröffnung Ende August schlicht den Namen Casino Bern tragen wird, das ist eine andere Nummer.

«Sicher die komplexeste Sanierung» seiner Karriere – und das in einem Haus, in dem sich auch persönlich Entscheidendes zugetragen hat. Campanile kennt die Geschichte des burgerlichen Prunkbaus.

Im Casino hustet er noch, der Geist. Fräs- und Schleifgeräusche, untermalt von der Hitmusik einer lokalen Radiostation, erzeugen jenes Gefühl von Aufbruch, das Freunden der gepflegten Bautätigkeit das Herz höherschlagen lässt. Dutzende Arbeiterinnen und Arbeiter gehen ihrer Aufgabe nach.

Und wie bei jeder Grossbaustelle scheint erstaunlich, dass dieser Ameisenhaufen wohlorganisiert nach dem gemeinsamen Ganzen strebt. Am 4. September wird das Gebäude übergeben. Bis dahin gibt es noch viel zu tun. Während da schon das Parkett geschliffen wird, klaffen dort noch grosse Lücken. «Das ist üblich bei der Sanierung historischer Gebäude», sagt Claudio Campanile.

60 bis 90 cm höhere Räume

Dass selbst im Vorzeigebau der traditionsbewussten Burgergemeinde der Zeitgeist dem Hausgeist bisweilen gehörig im Weg steht, zeigt sich im Erdgeschoss des 1908 erbauten Gebäudes. Da, wo auch nach der Sanierung das Restaurant eingerichtet wird, war von 1958 bis 1983 das Dancing Happy Lights untergebracht. «Ich muss gestehen, ich war damals mehr im Happy als im Konzertsaal», sagt Campanile, ein Schmunzeln huscht über seine Lippen.

Er schaut hoch zur gewölbten Decke des hohen Raumes. Bis vor kurzem hing einen knappen Meter tiefer eine flache Leuchtendecke, darüber waren Lüftungsleitungen verstaut. Auch eine dicke Schallschutzbetonwand verringerte die Raumhöhe. Aus gutem Grund: Während unten getanzt wurde, fanden oben im Grossen Saal die Konzerte des Berner Symphonieorchesters statt. Jetzt wird der ursprüngliche Stuck wieder sichtbar.

Das Beispiel zeigt, wie durch jede neue Nutzung die Architektur angepasst wurde. In der 110-jährigen Geschichte des Hauses wurde 25-mal punktuell umgebaut. 54 Belüftungssysteme wucherten zuletzt durchs Haus. Überall wurden im Laufe der Zeit die Decken heruntergesetzt, um die ganze Haustechnik zu verstauen. Nun wird das alles zurückgebaut. Die Räume erhalten so 60 bis 90 Zentimeter Höhe zurück.

«Eine grosse, festliche Einheit» soll das Casino laut Campanile wieder werden. Im Treppenhaus wird an den Wänden die klassizistische Natursteinverkleidung im Louis-XVI-Stil von den Farbschichten befreit, die im letzten Jahrhundert darübergepinselt wurden. «Man hat mit vielen kleinen Eingriffen die Gesamtvision des Casinos aus den Augen verloren», sagt Campanile.

So ist auch die Legende des «Casino-Grau» entstanden. «Als ich mich mit dem Gebäude zu befassen begann, hat man mir immer wieder von diesem speziellen Casino-Grau erzählt, das man im Gebäude überall vorfinde», sagt Campanile.

In einem Zimmer hinter dem Konzertsaal zeigt er, wie wenig der Grauton mit dem Ursprung zu tun hat. Auf einem Wandstück liess er Grauschicht um Grauschicht abtragen.

Zuunterst kam kein Grau zum Vorschein, sondern ein Elfenbeinton, mit dem nun wieder gearbeitet wird. Das helle Zimmer, das im Laufe der Jahrzehnte zur Abstellkammer des Hauswarts verkommen ist, soll von nun an den Musikern als Einspielzimmer dienen.

Stuhl für alle Fälle

Im Konzertsaal wartet der grosse Kronleuchter in Holz verschalt noch immer auf seine Sanierung. Die Arbeiten sind fortgeschritten, der neue Bühnenboden ist eingebaut. Und doch erinnert hier noch nichts an ein Konzert. Die Stühle fehlen. In diesen Tagen entscheidet sich die Burgergemeinde für ein neues Modell, das sie zusammen mit einer Sesselmanufaktur entwickelt hat.

Der Casino-Stuhl soll nicht nur Sitzkomfort beim Konzert bieten, sondern auch für Bankette geeignet sein. Eine Quadratur des Kreises. «Ja, diesen Stuhl sind wir gerade am Erfinden. Wir suchen eine Lösung, auf der sich kleine, grosse, dicke und dünne Frauen und Männer wohl fühlen.»

«Der Zeitplan ist noch immer gleich knapp wie am ersten Tag.»Claudio Campanile

Einige Treppen weiter oben zeigt sich das atemberaubende Ausmass des Daches. Hier wird ein grosser Teil der Haustechnik untergebracht. Darüber entsteht das Verwaltungs-Grossraumbüro. Davon ist noch nichts zusehen.

Wie gut liegt die Baustelle im Plan? «Der Plan ist noch immer gleich knapp wie am ersten Tag», sagt Campanile, «78 Millionen in zwei Jahren in einem historischen Gebäude zu verbauen, ist etwas anderes, als auf der grünen Wiese einen Neubau aus dem Boden zu stampfen.»

Vor wenigen Tagen hat die Bauherrin Mehrausgaben von 4 Millionen Franken genehmigt. Damit soll sichergestellt sein, dass das Haus auf dem technisch neusten Stand ist. Schliesslich will man die Räume auch vermieten können, damit der Betrieb rentabel bleibt.

Was, wenn die Zeit nicht reicht? «Die Frage habe ich mir verboten. Wir haben gar keine Wahl, das Gebäude muss im August einfach fertig sein», sagt Campanile. Ist das routinierte Gelassenheit oder erfolgreiches Verdrängen? «Ich gestehe: In gewissen Bereichen ist das Ende absehbarer als in anderen», sagt Campanile.

Zurück im Erdgeschoss taucht der Architekt in Gedanken noch einmal tief zurück ins 20. Jahrhundert, ins Happy Light. «Hier habe ich meine Frau kennen gelernt», sagt er. «Dort, beim Eingang, stand sie, als ich sie zum ersten Mal sah.» Ein wenig speziell sei das schon, dass er jetzt die letzten Spuren des Dancings beseitigen lasse.

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