«Das Mittelmeer ist ein Massengrab, kein Idyll»

Noch nie hat eine Einzelausstellung im Kunstmuseum Bern neun Räume auf zwei Stockwerken eingenommen. Was nicht einmal Hodler schaffte, gelingt Miriam Cahn mit ihrer Schau «Ich als Mensch», die am Freitag eröffnet wird.

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Es gibt Künstlerinnen, denen ein Ruf vorauseilt. Miriam Cahns Ruf wurde laut, als sie 1982 an die Documenta, die bedeutendste Ausstellungsreihe für zeitgenössische Kunst, nach Kassel eingeladen wurde und ihre Werke noch vor der Eröffnung wieder abhängte. Der Kurator hatte in ihre Hängung eingegriffen, was für die junge Basler Künstlerin gar nicht ging – und noch heute nicht geht.

Auch im Kunstmuseum Bern, der ersten Station ihrer grossen Werkschau «Ich als Mensch», richtet sie die Räume selbst ein und hält die Kuratorin Kathleen Bühler auf Trab. Ein Rundgang mit den beiden durch die noch unfertige Ausstellung gibt Einblick in diesen Prozess.

Körperlichkeit

«Man wird schwarz, wenn man diese Bilder aufhängt», erzählt Kathleen Bühler durchaus begeistert und weist auf Grossformate älteren Datums hin, die im Obergeschoss zu sehen sind.

Mit schwarzer Kohle und wild entschlossenem Strich hat Miriam Cahn die Sicht eines Bombers auf eine angeflogene Stadt oder ein leeres Bett auf riesige, dünne Papiere gebracht. Diese lagen in ihrem Atelier auf dem Boden, sie bezeichnete und bemalte sie liegend, kriechend, setzte den ganzen Körper ein, der für sie «ein technisches Instrument» sei.

Manchmal arbeite sie auch mit geschlossenen Augen, erklärt Cahn, Wege etwa, die sie am Schilthorn erwandert hat, und die Bergkette, die von dort aus zu sehen war. Nun hängt dieses schwarzweisse Berner Oberländer Panorama im Kunstmuseum von der Decke bis zum Boden, unzimperlich mit Bostitch an die Wand geheftet.

Gleichwertigkeit

Die Bilder im «Sexraum», einem Kabinett mit jüngeren Werken, hat Miriam Cahn stehend gemalt. Unausweichlich hat sie das provokativste Bild gegenüber dem Eingang platziert – eine Frau mit hochgeschobener Burka, deren hingespreiztes Geschlecht das berühmte Vagina-Bild «L’origine du monde» von Gustave Courbet zitiert.

«‹L’origine du monde› schaut zurück», kommentiert Cahn und weist darauf hin, dass bei Courbet die Klitoris fehle. In ihrer eigenen Bildgestaltung hat sie das weibliche Geschlecht um diesen wichtigen Teil, das Lustzentrum, ergänzt.

«Ich bin nicht gegen Pornografie», hält die Feministin fest, die sich schon als Jugendliche «ihre eigene Pornografie» in nun erstmals ausgestellte Skizzenhefte gezeichnet hat, «es geht mir vielmehr um Gleichwertigkeit».

Gleichwertig müssen für Miriam Cahn Mann und Frau sein, aber auch alle, die weder noch sind – oder beides. Von Hermaphrodit bis Transmensch, alle hat sie gemalt. Sie finde es gut, dass die Geschlechter sich allmählich auflösen würden, meint Cahn.

Mit der Schau «Ich als Mensch» bespielt sie im Kunstmuseum neun Räume sowie die Treppenhalle – das hat nicht einmal Ferdinand Hodler geschafft, der Säulenheilige der Schweizer Kunst, der einst «keine Weiber» in seinem Künstlerverband haben wollte.

«Weiberraum» hat Miriam Cahn ein weiteres Kabinett genannt, aber erst nach der Hängung, die schnell und intuitiv passiert wie das Malen der Bilder selbst. Auch hier ist viel Nacktheit zu sehen, verletzlich und aufdringlich zugleich.

Rosa quillt das Fleisch, rot zuweilen, an Francis Bacon erinnernd, den Cahn sehr schätzt. Und immer schauen die Abgebildeten die Betrachtenden direkt an. Alle Menschenbilder sind auf Augenhöhe gehängt, das ist der Künstlerin wichtig.

Gnadenlosigkeit

Wichtig ist Miriam Cahn auch, dass sie richtig verstanden wird. Da ist sie gnadenlos, und das mit Lust. Die Gebilde, die auf Aquarellen in Knallfarben wässrig nach unten verlaufen, sind Atompilze, keine Wolken, keine Blumen! Die Schemen langgezogener Körper im leuchtend blauen Meer sind ertrinkende Flüchtlinge, keine tauchenden Kinder, wie es eine Familie interpretiert habe, die das Bild anderswo bestaunte.

«Miriam, du verführst erst mit Schönheit und servierst dann Realität.»Kathleen Bühler Kuratorin Kunstmuseum Bern

«Das musste ich natürlich korrigieren», ärgert sich Cahn. «Das Mittelmeer ist ein Massengrab, kein Idyll. Immer wollen sie Idyllen!» – «Du verführst erst mit Schönheit», kontert Kuratorin Bühler, «und servierst dann Realität.»

Wird Miriam Cahn dem Ruf, der ihr vorauseilt, gerecht? Fast scheint es auf diesem Rundgang, dass sie sich immer mal wieder empört, um an ihr legendäres Rebellentum zu erinnern.

Das hätte sie nicht nötig angesichts ihres imposanten Werks: Zeichnung, Malerei, Plastik, Fotografie und Videoarbeiten sind ab Freitag in Bern zu sehen, danach zieht die Schau weiter nach München und Warschau.

Es ist ein Miriam-Cahn-Jahr, mit Ausstellungen auch in Bregenz und Madrid. Die Künstlerin, die 2017 ein triumphales Comeback an der Documenta feierte, wird 70 – weise vielleicht, aber sicher nicht leise.

Ausstellung bis 16. Juni.

Berner Zeitung

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