Vom Liebefeld aus die Bankenwelt erobern

Ein IT-Dienstleister will vom Liebefeld aus Finanzinstitute im In- und Ausland als Kunden gewinnen.

Sie schreiben mit 300 Mitarbeitern ein neues Kapitel: Michel Döringer (l.) und Marc Brogle. Foto: Nicole Philipp

Sie schreiben mit 300 Mitarbeitern ein neues Kapitel: Michel Döringer (l.) und Marc Brogle. Foto: Nicole Philipp

Julian Witschi

Kürzlich hat die Berner Kantonalbank ihre einstige Softwaretochter RTC aufgelöst. Doch die Geschichte ist nicht zu Ende. In den ehemaligen Räumen von RTC in einem Bürokomplex im Liebefeld hat sich DXC Technology angesiedelt, ein IT-Dienstleistungs- und Beratungsunternehmen mit Hauptsitz in den USA. «Wir sind das europäische Bankenservicezentrum von DXC», sagt Michel Döringer. Er leitet den Standort und das Banken-IT-Geschäft von DXC in der Schweiz.

Döringer führt in das Gebäude, nach einer grosszügigen Eingangshalle geht es nur mit Batch weiter durch eine Glasdrehtür, dann hinauf zu den auf zwei Etagen verteilten Büroräumen durch eine weitere Schleuse. Im Keller befinden sich die Grossrechner für das Datenzentrum. Hier dürfen nur wenige Leute rein, und dies einzig per Iris-Erkennung.

300 Arbeitsplätze

250 IT-Spezialisten arbeiten im Liebefeld für DXC. Hinzu kommen 50 IT-Berater, deren wichtigste Kunden öffentliche Verwaltungen und Verkehrsunternehmen wie die SBB sind. «Wir wollen wachsen, einige weitere Stellen schaffen und in der Schweiz und im Ausland neue Kunden gewinnen», sagt Döringer. Es geht nicht einfach um Software.

Sondern um die sogenannte Kernbankenlösung, also die ganze IT-Palette von Rechenzentren und Serversystemen über Computer für das Bankpersonal, Kontoführung, Zahlungsverkehr und Risikomanagement bis hin zu mobilen Applikationen. Alles ist verbunden, es ist quasi der Blutkreislauf der Banken, wie Döringer erklärt.

Lange Zeit hatte es für den Standort nicht gut ausgesehen. Anfang der 2000er-Jahre waren zwar noch 62 Banken Kunden von RTC gewesen. Dann setzte ein Exodus ein, viele Banken wechselten zu Konkurrenten wie Avaloq oder Finnova. Die Kernbankenlösung von RTC galt damals als erneuerungsbedürftig. RTC blieben die Berner Kantonalbank als Hauptkunde und Eigentümer sowie eine paar wenige regionale Banken.

2010 lagerte die Berner Kantonalbank ihre Informatik und 400 Beschäftigte von RTC an den Computerkonzern Hewlett Packard Schweiz aus. Sie behielt aber die Eigentumsrechte an IBIS, der von RTC entwickelten Bankensoftware. 2017 kündigte die Kantonalbank den Vertrag vorsorglich auf. Weil Hewlett Packard das Unternehmenskundengeschäft vom Rest abspaltete und dessen Services-Sparte mit dem US-Konzern CSC fusionierte: zur neuen Gesellschaft DXC Technology.

Die Kantonalbank prüfte Alternativen. In mehrmonatigen, intensiven Verhandlungen ist es Döringer und seinem Team gelungen, dass sie Kunde von DXC bleibt. Sonst wären nur die Sparkasse des Bundes, die Spar- und Leihkasse Gürbetal und die DC Bank übrig geblieben. Das ist keine Grundlage fürs Überleben. DXC hat der Kantonalbank nun die Eigentumsrechte an der Bankensoftware IBIS abgekauft. Der Preis dafür wird nicht genannt. Die Kantonalbank kann ihre IT-Kosten senken und DXC mit IBIS expandieren.

Für Digitalisierung gerüstet

Warum glaubt Döringer, dass sein Unternehmen erfolgreicher sein wird als RTC und HP Schweiz? «Wir entwickeln eine neue Generation, IBIS4-Digital, die digitale Bankenplattform», sagt er. Denn auch die Bankenwelt wird digital. Die Kunden haben Smartphones und Tablets, mit denen sie ihre Bankgeschäfte erledigen und sich beraten lassen wollen. Und Onlinegiganten wie Amazon drängen ins Bankengeschäft.

Die heutigen Informatikplattformen seien zu wenig flexibel dafür, neue Applikationen rasch einzubinden, sagt Döringer. Das liege daran, dass die gängigen Konkurrenzprodukte alle aus den 1980er-Jahren stammten: «Das sind monolitische Architekturen mit einem grossen System aus einem Guss. Die erst 2012 fertiggestellte dritte IBIS-Generation ist dagegen ein modulares System, bei dem einzelne Teile schnell verändert und neuen Anforderungen angepasst werden können.»

Döringer macht ein Beispiel: In nur drei Wochen konnte sein Team den virtuellen Bancomaten der Zürcher Jungfirma Sonect einbinden. Damit kann man etwa in einem Restaurant Bargeld beziehen. Das Restaurant erhält dabei auf seinem Bankkonto den Betrag vom Bankkonto des Bezügers gutgeschrieben.

Offen für Trendsetter

Es gibt immer mehr solche in­novativen Fintech-Spezialisten, sagt Marc Brogle, Technologiechef von DXC für das Banken­geschäft. «An IBIS können diese Trendsetter sehr einfach angebunden werden. Man muss nicht warten, bis eine Schnittstelle speziell dafür entwickelt ist.» IBIS werde daher laufend weiterentwickelt. Und es sei kein Big Bang nötig, also keine komplette Systemumstellung zu einem bestimmten Zeitpunkt.

IT-Experten von Banken geben DXC durchaus Chancen. Aber die Branche und die Anwendungen entwickeln sich rasend. So sehen Brogle und Döringer einen grossen Vorteil darin, im Liebefeld über viele erfahrene IT-Fachleute zu verfügen, die sich immer im Bankenumfeld bewegt haben.

Der Standort ist zwar durch die Nähe zur Kantonalbank entstanden. Abseits von den weltgrössten Bankenplätzen. Aber DXC hat keine Pläne wegzuziehen. Schliesslich bedeutet Digitalisierung auch, dass ein Rechenzentrum überall stehen kann: «Wir können von Bern aus die IT einer Frankfurter Bank betreiben», sagt Döringer. Und die dafür benötigte Infrastruktur wird auch immer kleiner.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt