Mitten in der Lügenaffäre schreibt Maudet im «Blick» über Wahrheit

Obwohl er politisch schwer angeschlagen ist, darf Pierre Maudet seine Kolumne im Boulevardblatt behalten. Heute gab er sein Comeback.

Pierre Maudet (FDP), «Blick»-Kolumnist und Genfer Regierungsrat. Foto: Salvatore di Nolfi (Keystone)

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Ein Regierungsrat, der Journalisten während zwei Jahren wiederholt anlügt und gegen den nun die eigene Staatsanwaltschaft wegen Vorteilsannahme im Amt ein Strafverfahren führt: Eine solche Story liesse sich keine Boulevardzeitung entgehen. Doch das Boulevardblatt «Blick» hält sich in der Affäre um den Genfer Regierungspräsidenten Pierre Maudet und dessen Falschaussagen zu seiner Reise nach Abu Dhabi seit Tagen zurück. Mit markigen Worten fallen andere Medien auf. Die NZZ kommentierte: «Eine Regierung mit einem Präsidenten im Visier der Justiz gibt ein Bild ab, das sich kein Kanton wünscht. Ein Glück, dass er nicht in den Bundesrat gewählt worden ist.» Die «NZZ am Sonntag» fordert gar den Rücktritt des FDP-Politikers.

In der Printausgabe des «Blick» erschienen zur Affäre Maudet in den letzten Tagen lediglich zwei Kurzmeldungen. Einmal informierte die Zeitung: «Die Staatsanwaltschaft will gegen Maudet ermitteln.» Ein anderes Mal: «Pierre Maudet nur noch halber Regierungschef.» Die Meldungen waren insgesamt kaum zehn Sätze lang.

Er mag dicke Spaghetti

Eine Erklärung für die Zurückhaltung und Loyalität gegenüber dem Genfer ist, dass Pierre Maudet seit Anfang Jahr Kolumnist beim «Blick» ist. Jeden zweiten Mittwoch erklärt er den Deutschschweizern die Romandie oder mischt sich in die nationale Politik ein. Den selbstbewussten Genfer entdeckt hat Chefredaktor Christian Dorer vor einem Jahr, damals war Maudet Bundesratskandidat. Dorer interviewte ihn persönlich. «Auf Bundesebene werden immer wieder Sachen beschlossen, die nicht sehr sinnvoll sind», betonte Maudet damals. Dorer seinerseits strich Maudets «Schwäche für dicke Spaghetti und Bruce Springsteen» heraus. Sie mochten sich offensichtlich.

So wurde Maudet Mitarbeiter beim «Blick» und nutzt diese Plattform nun, seine Botschaften zu platzieren. Mitte August klärte er die Leser auf, dass «Souveränität nur noch gemeinsam geht» und «oberste Priorität in einem Staat die Sicherheit der Bevölkerung hat». Zögen «nationale Polizeikorps» nicht am selben Stricke, nütze dies Kriminellen sogar, warnte der 40-Jährige. Im Juni knöpfte er sich die bundesrätliche EU-Politik vor: «In der Politik wird man sich in letzter Zeit vor allem in einem Punkt einig: dass man sich nicht einig wird.»

«Sache der Redaktion»

«Die Kolumne von Pierre Maudet wird weiter wie gewohnt erscheinen», sagte Ringier-Sprecher Manuel Bucher gestern auf Anfrage. Genfs teilentmachteter Regierungsratspräsident sei «weiter unser Kolumnist aus der Westschweiz». Den Eindruck, der «Blick» schütze Maudet in der Berichterstattung über die aktuelle Affäre, weist der Sprecher zurück. Die «Blick»-Leserinnen und -Leser sind gemäss Bucher «über die Angelegenheit informiert» worden, in der Zeitung, aber auch auf der Website. Die Gewichtung der Berichterstattung über die Affäre Maudet werde «je nach Fall von der Redaktion festgelegt».

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