Zwischen Wohnstube und Spacelab

Blind Butcher aus Luzern sind eine tolle Band. Besonders, wenn sie im Thuner Café Mokka spielen.

Bestangezogener Mann vor Ort: Christian Aregger.

Bestangezogener Mann vor Ort: Christian Aregger.

(Bild: Samuel Mumenthaler)

«Staubsaugerbaby» singt der grosse Mann im reich bestickten Anzug. Die Augen hinter dem Haarvorhang hält er geschlossen, die rote Gibson-Gitarre tätschelt er zärtlich. Passend zum Thema steigt Trockeneisnebel auf, wie der Staub in einem lange ungelüfteten Estrichzimmer bei Durchzug. Neben dem langen hämmert ein etwas kürzerer, ebenfalls waghalsig gekleideter Mann mit Bart auf sein Drumset, präzis wie eine Maschine, aber mit der Leidenschaft des Besessenen. Mit nacktem Fuss drückt er die Basspedale, dann löst er auf einem Elektropad ein paar Handclaps aus.

Die Lautstärke ist gewaltig, der Beat fährt auf der Direttissima in die Knochen – auch dem zahlreichen Publikum, das in dieser feuchtkalten Märznacht den Weg ins Thuner Café Mokka gefunden hat, um dem Luzerner Duo Blind Butcher die Reverenz zu erweisen. Immer ist jemand in Bewegung, am Schluss jedes Songs wird frenetisch applaudiert.

Blind Butcher - «Staubsaugerbaby».
(Quelle: Youtube/VOODOO RHYTHM RECORDS)

Blind Butcher sind eine tolle Band. Das findet auch Marc Schär, der seit zwei Jahren den Kulturbetrieb im Mokka leitet. Das Musikprogramm sei braver geworden, werde ihm manchmal vorgehalten, meint Schär in seiner Ansage. Doch das Mokka sei immer noch ein Musiktempel, und Bands wie Blind Butcher, welche die schillernde Seite des Rock’n’Roll zelebrierten, hätten hier einen sicheren Hafen. Eine kleine Reminiszenz an den grossen Abwesenden, der Blind Butcher mit seinem exzentrischen Erscheinungsbild perfekt zu einem Trio ergänzt hätte.

Beat «Pädu» Anliker war nicht nur der Master of Ceremony, sondern die Seele des Mokka. Doch seit seinem Tod 2016 ist die Zeit nicht stillgestanden. Die Show musste weitergehen. Der Geist von «Mokka-Pädu» ist überall, auch wenn ein paar Gegenstände aus seinem Kuriositätenkabinett weggeräumt wurden. Und der Konzertraum ist noch immer eine einzigartige Mischung aus Wohnstube und Spacelab.

In diesem gemütlich futuristischen Ambiente fühlen sich Blind Butcher offensichtlich wohl. Die beiden Stör-Metzger Christian Aregger und Roland Bucher lassen Disco, Krautrock, Blues, Rockabilly, Pop und Punk durch den Fleischwolf und verwursten das, was unten herauskommt, gekonnt und fingerfertig zu etwas Neuem. Ihr hypnotischer Elektrorock braucht nicht viel Worte, und wenn, darf jeder etwas anderes verstehen. «Alawalawa» heisst der Titelsong ihres aktuellen Albums – «saba», «issa» und «hattottitsch» bilden das Vokabular. Wuchtige Stammestrommeln treffen auf sphärische Gitarren, dazu pumpen die synthetischen Bässe und zirpen die elektronischen Störgeräusche. So konzentriert und kompakt dieser Auftritt ist, so unterschwellig ironisch ist die Musik von Blind Butcher, die vor nichts haltmacht. Kult halt. Bestens geeignet für ein Kultlokal wie das Café Mokka.

Berner Zeitung

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