«Viel mehr als ein Fruchtbarkeitsritual»

Bern

Heute ist Walpurgisnacht, die Nacht der wüsten Hexenfeste. Die Berner Pfarrerin Renate von Ballmoos erklärt, was es mit dem Fest auf sich hat und weshalb es kein Widerspruch zur Kirche ist.

Heute Nacht ist Walpurgisnacht - die Nacht der Hexen für die einen, die Nacht der Lebenskraft und -freude für die anderen.

Heute Nacht ist Walpurgisnacht - die Nacht der Hexen für die einen, die Nacht der Lebenskraft und -freude für die anderen.

(Bild: zVg Keystone)

Frau von Ballmoos, was ist eine Hexe? Eine Hexe war in alten Zeiten eine weise Frau, die kundig war in Heiltraditionen wie auch in spirituellen Belangen. Eine Hexe war zudem jemand, der die verschiedenen Welten, also das Jenseits und das Diesseits, miteinander verbinden konnte. In früheren Zeiten waren etwa Hebammen solche Frauen oder Frauen, die Sterbebegleitungen machten.

Sie bezeichnen sich als moderne Hexe, was heisst das? Für mich hat sich gegenüber der alten Definition nicht viel verändert. Der Begriff Hexe steht für mich noch immer für eine weise Frau. Also für jemanden, der damit Erfahrung hat, Menschen durch Krisen und die verschiedenen Phasen des Lebens zu begleiten.

Heute feiern Sie Walpurgisnacht – tut man da nicht alles, was Gott verboten hat? Nein, das ist nicht so. Die Walpurgisnacht ist ein Fest, an dem man traditionellerweise die weibliche Kraft feierte. Dabei geht es um Fruchtbarkeit, Sexualität und Lebensfreude, was in jeder patriarchalisch geprägten Religion verpönt war. Deshalb ist die Walpurgisnacht, oder Beltane wie das Fest bei den Kelten hiess, auch das einzige der acht Jahreskreisfeste, das die Kirche nicht übernommen hat. Andere, wie die Wintersonnenwende, die wir als Weihnachten feiern, hingegen schon.

Können auch Männer die Walpurgisnacht feiern? Natürlich, es geht ja darum die Lebenskraft, die schöpferische Kraft zu ehren. Zudem hat jeder Mann hat auch weibliche Kräfte in sich. Diese Feste sind allen offen.

Wo und wie feiern Sie die Walpurgisnacht heute Abend? Mit Trommeln, Gesang und Ritualen, welche die Frauen und Männer in ihrer eigenen Kraft bestärken. Ich habe das Fest in meinen Garten verlegt, weil wir dort ein grosses Feuer entfachen können.

Sie sind Pfarrerin, verträgt sich ein heidnisches Fruchtbarkeitsritual mit der Kirche? Die Walpurgisnacht ist heute viel mehr als ein Fruchtbarkeitsritual. Das Fest soll die Menschen in ihrer Kraft bestärken und ist damit nicht defizit-, sondern ressourcenorientiert. Es geht nicht nur um Kinder, sondern darum, was jeder einzelne mit seinen Fähigkeiten in die Gesellschaft einbringen kann.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt