Der Hahn im Korb

Nico Steffen (15) strebt an den Schweizer Meisterschaften im Eiskunstlauf eine Medaille an. Der Spiezer steht im Athleten-Pool für die Olympischen Jugend-Winterspiele 2020 in Lausanne.

Marco Spycher


Nico Steffen gibt alles, um seine Ziele zu erreichen.
(Christian Pfander)

Aus der Postfinance-Arena ertönen sanfte Klänge. Die Athleten vom Schlittschuhclub Bern absolvieren ihr Training – nicht die Eishockeyspieler, sondern die Eiskunstläuferinnen und Eiskunstläufer. Wobei es zu sagen gilt, dass sich auf dem Eis neun Frauen und lediglich ein Junge bewegen. Der einzige männliche Läufer ist der 15-jährige Nico Steffen.

Dass der Spiezer oft der Hahn im Korb ist, stört ihn nicht mehr. «Früher waren es noch mehr Jungs, leider haben viele aufgehört. Als diese gingen, war es am Anfang hart für mich, aber am Schluss muss sowieso jeder für sich schauen. Und mit den Mädchen aus dem Club verstehe ich mich sehr gut.» Nichtsdestotrotz gibt es noch zwei weitere männliche Läufer beim SC Bern, die aber entweder zu anderen Zeiten trainieren oder verletzt sind.

Mehr Training denn je

Einer dieser beiden ist sein älterer Bruder Micha, der die letzten drei Saisons aufgrund verschiedener Verletzungen aussetzen musste und noch immer nicht ganz fit ist. Auch Nico erlebte letzte Saison einen Dämpfer: Wegen der grossen Belastung und der vielen Sprünge wurden seine Adduktoren geschwächt, und er musste mehrere Monate pausieren. Die Verletzungen sind für Nico jedoch kein Grund, um mit dem Sport aufzuhören. «Es warf mich zwar zurück, aber ich habe den Einstieg in diese Saison gut gemeistert und bin zufrieden mit meinen Resultaten.»

Um den Rückstand aufzuholen, trainiert er fleissiger denn je. Sechs Mal pro Woche geht er aufs Eis. Um ein guter Läufer zu sein, reicht das Eistraining aber nicht. Einmal wöchentlich besucht er noch einen Ballettkurs, damit er mehr Kraft in die Beine bekommt. Und auch sonst übt er viel im Physio- und Kraftbereich. Das ständige Training mache ihm doch ab und zu zu schaffen. «Besonders im Sommer aufs Eis zu gehen, ist hart. Aber am Schluss macht es trotzdem Spass, wenn man die Fortschritte sieht.» Und Steffen ist sich sicher: «Jetzt könnte ich nicht mehr ohne das Eiskunstlaufen sein.»

Beruflich setzt sich Nico Steffen seine Ziele. Momentan absolviert er die 9. Klasse in Spiez. Danach will er an der Feusi in Bern die Handelsschule machen, damit er sich vorerst auf seine Karriere konzentrieren kann. Da es in der Schweiz aber schwierig ist, vom Eiskunstlaufen zu leben, weiss er auch schon, was er danach machen will. «Ich möchte einmal Physiotherapeut sein, so habe ich weiterhin Bezug zum Sport.»

Im Pool für die Jugendspiele

Zuerst stehen an diesem Wochenende die Schweizer Meisterschaften in Basel an. Dank guten Leistungen während der laufenden Saison qualifizierte sich der Spiezer in der Kategorie Nachwuchs. Bei seinen letzten Meisterschaften 2017 verpasste er das Podest nur knapp und wurde Vierter. Dieses Jahr will er es besser machen und strebt mindestens Platz 2 an. «Da ich über die Saison gesehen der Zweitbeste bin, habe ich sehr gute Chancen, mein Ziel zu erreichen.»

Auch sein Trainer, der ehemalige Profi-Eiskunstläufer Mikaël Rédin, traut ihm die erste Medaille an einer Schweizer Meisterschaft zu. «Er ist ein spannender Läufer, da seine körperlichen Voraussetzungen optimal sind. Und für sein Alter ist er schon sehr weit.» Er fügt hinzu: «Nico ist die grosse Medaillenhoffnung des SC Bern.»

Nach der Schweizer Meisterschaft weiss der 15-Jährige schon, wo sein Weg hingehen soll. Anfang August beginnt die Qualifikationsphase für die Olympischen Jugend-Winterspiele 2020 in Lausanne. Eine erste Hürde konnte der Spiezer bereits nehmen: Der Sprung in den Athleten-Pool ist ihm geglückt. Und bis zur Qualifikationsphase wird weiterhin hart trainiert – hauptsächlich mit Frauen –, um sich dann am olympischen Wettkampf mit Männern zu messen.

Berner Zeitung

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