Dank ihm stand die Lok unter Strom

Burgdorf

45 Jahre unterrichtete er am Technikum Burgdorf, gehörte dem Gemeinderat an, lehrte an der Universität Bern und setzte sich für die Elektrifizierung der Burgdorf–Thun-Bahn ein: Emil Blattner.

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Urs Egli

Der Gründung des Technikums Burgdorf im Jahr 1892 ist es zu verdanken, dass Emil Blattner seine Wirkungsstätte vom Thurgau ins Emmental verlegte. Im Alter von 31 Jahren folgte er 1893 dem Ruf an das kantonalbernische Technikum in der Zähringerstadt. Dieser Zuzug sollte sich nicht nur für das Tech als Glücksfall erweisen, sondern auch für den Bau der Burgdorf–Thun-Bahn.

Nach dem Studium in Mathematik und Physik am eidgenössischen Polytechnikum in Zürich (heute ETH) warf Emil Blattner seine Absicht, Mathematiklehrer zu werden, über Bord und trat als junger Ingenieur mit Doktorhut in die damals weitherum bekannte Telegrafenwerkstätte Hipp in Neuenburg ein. Denn es war die damals noch in den Kinderschuhen steckende Elektrotechnik, die ihn in den Bann zog. Von Neuenburg wechselte der erst 25-jährige Wissenschaftler in die Zwinglistadt zur Zürcher Telefongesellschaft.

Diese baute und betrieb Telefonnetze in Belgien und Italien, erstellte elektrische Beleuchtungsanlagen in Fabriken, Theatern und Hotels sowie jene in den Gotthardbefestigungen. «Emil Blattner, der diese Arbeiten leitete, liebte es, aus jener wahrhaft heroischen Zeit zu erzählen, als es galt, gegen die Tücke des Objekts und die Unbill der Gebirgswelt zu kämpfen», heisst es in einem 1949 erschienenen Nachruf für den 1 Jahr zuvor – genau an seinem 86.Geburtstag – in Burgdorf verstorbenen Blattner.

Diese Begeisterung war es denn auch, die der in Ermatingen am Untersee geborene Elektroingenieur als Experte und Berater in die Projektierung und den Bau der Burgdorf–Thun-Bahn (BTB) eingebracht hatte. Für ihn stand von Anfang an fest, dass die 40 Kilometer lange Bahnstrecke nicht mit Dampf-, sondern mit Drehstromlokomotiven und Personentriebwagen befahren werden sollte.

Am 21.Juli 1899 wurde die BTB als europaweit erste elektrische Bahn mit Normalspur (wie heute die SBB) eröffnet. Mit Blattner freute sich auch die Bevölkerung, wie in einem im «Burgdorfer Jahrbuch 1950» veröffentlichten Bericht steht: «Wie sehr sich das Volk nach der neuen Bahnverbindung sehnte und wie gross die Freude an jenem Festtage war, überliefern die Berichterstatter verschiedener Zeitungen, indem sie erwähnten: ‹Der Eröffnungszug fuhr von Burgdorf bis Thun durch ein fortlaufendes farbenfrohes Volksfest›.»

Aufschwung und Wohlstand

50 Jahre später stellte das «Burgdorfer Jahrbuch» fest, die BTB habe «ihre Aufgabe in volkswirtschaftlicher Hinsicht ohne Zweifel erfüllt.» Die Bahn habe der von ihr bedienten Landesgegend «zu grossem Aufschwung und Wohlstand verholfen». Einzig den Aktionären habe die BTB «nicht das gebracht, was sonst landläufig von einer Erwerbsgesellschaft erwartet werden kann». Für Burgdorf wirkte sich positiv aus, dass sich der Weg ins Oberland – im Vergleich zur Eisenbahnlinie via Bern – um 14 Kilometer verkürzte und «der Fahrpreis hierfür um volle 25 Prozent niedriger wurde».

Privatdozent an der Uni Bern

Akzente setzte Emil Blattner nicht nur als Pionier der Bahnelektrifizierung – namentlich der Emmental-Burgdorf–Thun-Bahn sowie der Rhätischen Bahn – sondern auch als Hochschullehrer. Während nicht weniger als 45 Jahren unterrichtete er am Technikum Burgdorf. Zudem war er von 1906 bis 1922 Privatdozent für Elektrotechnik an der Universität Bern. «Es zeigte sich, dass Emil Blattner einer jener begnadeten Lehrer war, von denen es heisst, dass sie nicht nur berufen, sondern auserwählt seien», schrieb Hugo Marti in einem Nachruf des Schweizerischen Elektrotechnischen Vereins. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb Blattner bis ins Alter von 76 Jahren als Professor für Elektrotechnik am Tech tätig war.

Blattner stand zu Beginn seiner Lehrtätigkeit vor dem Problem, dass es am Technikum noch keinerlei Elektroniklehrbücher gab. Deshalb verfasste er selbst ein Werk: «Das Lehrbuch der Elektrotechnik», das er in zwei Bänden und in mehreren Auflagen herausgab. Für eine ganze Generation sollte dieses zum Standardwerk des noch jungen Berufszweiges werden.

Unter den Studenten wurde Professor Blattner nur Dökti genannt. Marti beschrieb ihn als zierliche Gestalt mit einer feinen Wesensart und einem «offenen Gesicht mit klaren und gütigen Augen». Selten habe er einen Schüler aufgegeben. Will heissen: «Oft, wenn seine Kollegen verzweifelten, war er derjenige, welcher mit feinem Verständnis, mit grosser Güte und dem Glauben an die Jugend so viel Positives auf die Waagschale zu legen wusste, dass das Zünglein doch noch auf die rettende Seite ausschlug.» Gelobt wurde von den Studenten Blattners «unübertreffliche» Lehrmethode. Wohl nicht zuletzt, weil ihm ein hohes Mass an Geduld mit den jungen Leuten attestiert wurde. Mehr als tausend Elektrotechniker wurden am Tech durch ihn ausgebildet.

Ehrendoktor der ETH

Zu akademischer Würde kam Emil Blattner, als ihm die ETH Zürich zu seinem 70.Geburtstag den Ehrendoktor der technischen Wissenschaften verlieh. Spuren hinterliess er auch in der Politik: 4 Jahre war er Mitglied des Burgdorfer Gemeinderates. Zudem präsidierte er während 27 Jahren die Genossenschaft Stau- und Kraftwerke Emmental. Heute erinnert der knapp 200 Meter lange Blattnerweg im Lerchenbühlquartier an den 1948 in Burgdorf verstorbenen Emil Blattner.

Quellen: «Burgdorfer Jahrbuch 1950», historisches Lexikon der Schweiz.

Berner Zeitung

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