«Die HIV-Infektion hängt wie eine dunkle Wolke über den Betroffenen»

Bern

Hansjakob Furrer, Professor für Infektiologie am Inselspital Bern, kennt die Opfer des «Heilers» und weiss, wie schwierig ihr Leben heute mit der HIV-Infektion ist.

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Markus Ehinger@ehiBE

Wie geht es den mit HIV infizierten Opfern heute körperlich? Professor Hansjakob Furrer: Die meisten Betroffenen müssen täglich Medikamente einnehmen, welche die Vermehrung von HIV unterdrücken. Die Behandlung ist in dieser Hinsicht erfolgreich, und ihr Abwehrsystem hat sich teilweise erholt. Sie sind nicht akut gefährdet, an Aids zu erkranken.

Wie sind die psychosozialen Auswirkungen? Der Umgang mit der stigmatisierenden Infektion HIV im täglichen Leben und auch in der Planung der beruflichen Karriere oder der Familiengründung ist ausserordentlich schwierig. Die HIV-Infektion hängt wie eine dunkle Wolke ständig über den Betroffenen.

Wo sind sie eingeschränkt? Eigentlich in allen Lebenslagen. Jedes Mal, wenn sie Medikamente schlucken müssen, werden sie an die Krankheit erinnert. Sie können häufig ihr privates und berufliches Leben nicht mehr so führen wie früher. Auch einen Partner zu finden, ist schwierig. Allerdings spricht heute angesichts der Fortschritte in der Behandlung und der verbesserten Lebenserwartung nichts dagegen, dass Menschen mit HIV eine Familie gründen.

Gibt es grössere Unterschiede zwischen den einzelnen Opfern? Bei vielen Betroffenen mussten die Medikamente gegen HIV im Verlauf wegen Nebenwirkungen oder auch ungenügender Wirksamkeit angepasst werden. Der Verlauf der HIV-Infektion ist individuell sehr unterschiedlich. Als hoch spezialisierte Ärzte sind wir aber meist in der Lage, in der Behandlung auf diese Unterschiede einzugehen. Das Wichtigste ist jedoch, dass die Betroffenen uns dabei helfen, dass sie die Behandlungsnotwendigkeit akzeptieren und bereit sind, mit uns das Beste aus ihrer schwierigen Situation zu machen.

Die allermeisten Opfer wurden gleichzeitig mit Hepatitis C angesteckt. Warum ist Hepatitis so schlimm? Das Hepatitis-C-Virus befällt die Leber und führt bei vielen Infizierten zu einer chronischen Leberentzündung, welche nach Jahren zu einer Leberzirrhose, Leberkrebs und zum Tod durch Leberversagen führen kann.

Was ist die Schwierigkeit bei der Behandlung von Hepatitis C? Die Behandlung ist kompliziert und beinhaltet wöchentliche Injektionen von Interferon und eine Einnahme von Medikamenten zwei- bis dreimal täglich. Diese Medikamente müssen im Allgemeinen ein Jahr lang eingenommen werden, lösen während dieser Zeit starke Nebenwirkungen aus, sind aber, je nach Typ des Hepatitis-C-Virus, nur in 30 bis 85 Prozent der Behandlungen erfolgreich. Am schlechtesten wirkt die Behandlung bei Viren des Genotyps 1 und 4. Während für den Genotyp 1 seit kurzem neue Medikamente, welche die Ansprechrate verbessern, auf dem Markt sind, fehlen diese für den Genotyp 4 noch. Unglücklicherweise sind die in diesem Gerichtsfall Betroffenen aber mit dem Genotyp 4 angesteckt.

Warum haben die Betroffenen überhaupt HIV und Hepatitis? HIV wird sexuell und über Blut übertragen, Hepatitis C praktisch nur über Blut und nicht durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr. Dass bei vielen Betroffenen dieses Falls Infektionen mit identischen Stämmen von HIV und Hepatitis C vorliegen, spricht stark für eine Ansteckung durch Blut oder Blutprodukte.

Welche Auswirkungen hat eine HIV-Infektion auf das Immunsystem? Das ist eine komplizierte Geschichte. Kurz gesagt führt HIV durch einen Befall des Dirigenten das Abwehrsystem zu einem Chaos in der Sinfonie des Abwehrsystems. Die Zellen des Abwehrsystems werden einerseits durch das Virus getötet, bringen sich anderseits im Abwehrchaos auch gegenseitig um. Darum verliert das Abwehrsystem an Kraft, es treten immer mehr Infektionen auf, und es kommt zu Aids und zum Tod.

Wie ist die Lebenserwartung? Wir versuchen, das HI-Virus zu stoppen, bevor es zu Aids kommt. Das gelingt uns ganz gut, aber nicht in 100 Prozent der Fälle. Die Lebenserwartung kann möglicherweise gegen normal gehen, falls rechtzeitig und richtig behandelt wird und keine anderen Krankheiten vorliegen. Allerdings schränkt eine gleichzeitige Hepatitis C die Lebenserwartung deutlich ein.

Wer übernimmt die Kosten der Behandlung? Die verschiedenen Substanzen, welche die Betroffenen einnehmen müssen, kosten pro Jahr zwischen 15'000 und 30'000 Franken. Die Kosten übernimmt die Krankenkasse.

Berner Zeitung

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