Schweizer Meisterin des Stadt-Land-Spagats

40 Jahre Berner Zeitung

Ab 1979 mischte die grosse Fusionszeitung das damals sehr bürgerliche Bern und die Schweizer Medienszene auf. Bis heute ist die Nähe zur Berner Welt vor der Haustür die Stärke der BZ.

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Stefan von Bergen@StefanvonBergen.

Das feuerrote Kürzel BZ auf der Titelseite stach ins Auge, als am 3. Januar 1979 die erste Ausgabe der «Berner Zeitung» erschien. Im noch sehr grauen Layout damaliger Zeitungen wirkte die Farbe wie ein Alarmsignal. Und im noch sehr bürgerlichen Bern rätselte man misstrauisch, ob das Rot nun für einen Linkskurs der Zeitung oder aber für den blutroten Anstrich eines Boulevardmediums stehe.

Das neue Blatt aus Bern fiel auch in der Medienhauptstadt Zürich auf. Als potenzielle Konkurrentin. Mit einer Auflage von über 100'000 Exemplaren war die BZ auf Anhieb die drittgrösste Schweizer Tageszeitung. Sie ging aus einer Fusion hervor. Die «Berner Nachrichten» mit Standorten in Münsingen und Langnau schlossen sich mit der konservativen Stadtzeitung «Berner Tagblatt» zusammen.

Erfindung der Regionalsplits

Das neue Organ fiel durch seine Innovationen auf. Die BZ war die erste Heirat einer Land- mit einer Stadtzeitung. Ihre Macher erkannten den Stadt-Land-Graben als ökonomische Chance. Damit die BZ möglichst nah bei den Lesern war, erfand sie regionale Splitausgaben. Erstellt wurden die Regionalteile in den Aussenredaktionen Münsingen und Langnau, später auch in Langenthal, Thun und Burgdorf.

Überdies war die BZ eine der ersten Forumszeitungen. Anders als die damals noch verbreiteten Parteiblätter bot sie unterschiedlichen politischen Positionen Raum. «Überparteilich und unabhängig» stand auf ihrer Frontseite. Berner Skeptiker fanden, das Blatt habe keine fassbare Haltung. Überhaupt schien die moderne BZ mit ihrem Anspruch, Marktführerin zu werden, nicht so recht in das wenig risikofreudige Bern zu passen.

Verleger von Graffenried

Auch der kühne Erfinder des Blatts eckte in der Bundesstadt an. Fürsprecher Charles von Graffenried stammte aus einer alten Patrizierfamilie, war aber ein ganz unbernischer, wettbewerbsfreudiger Unternehmer. Der in strategischem Denken geschulte Panzeroberst hatte einen Riecher für die Zukunft.

Das Notariats- und Sachwalterbüro seines Vaters, das die Vermögen nobler Berner Familien verwaltete, baute von Graffenried kraftvoll zu einer gewinnbringenden Holding aus. Unter einem Dach vereinigt sie bis heute eine Rechtsabteilung, eine Privatbank und eine Immobilienverwaltung. In Bern wurde der kühle Rechner bald gefürchtet und beneidet.

1976 hatte das Berner Tagblatt den forschen, gerade 50-jährigen Notar in seinen Verwaltungsrat geholt. Von Graffenried legte dort los mit einer Energie, die man nur als jugendlich bezeichnen kann. Als absoluter Novize im Mediengeschäft und ohne hinderliche Bindungen an eine Druckerei- und Verlagsdynastie erkannte er bald, dass man im Druck- und Mediengewerbe nur mit Grösse überleben konnte.

Deal im Holländerturm

Im Sommer 1977 bot er die Eigner der «Berner Nachrichten» aus Münsingen und Langnau zu Geheimverhandlungen auf. Man traf sich unter dem Codewort Forte in der Turmstube des Holländerturms am Berner Waisenhausplatz. Das ehrgeizige Ziel: Zwei mittelgrosse Blätter zu einer grossen Zeitung machen, die den Berner Leser- und Inseratemarkt dominieren sollte.

Der Holländerturm war von Graffenrieds Kommandoposten mit Ausblick. Er hatte das historische Gebäude, in dem einst in Holland dienende Altberner Offiziere dem Tabakkonsum frönten, gekauft und saniert. Das Fusionsblatt, dessen Architektur im Turm gezimmert wurde, trug von Graffenrieds starke Handschrift.

Obwohl sein Berner Tagblatt bloss 50 Prozent der Stimmen und eine Minderheit der Aktien in der neu formierten AG der Berner Zeitung besass. Der Start des Blatts am 3. Januar vor 40 Jahren wirkte im wohlgeordneten Bern wie ein kleines Erdbeben.

Widerspruch als Business

Der BZ-Redaktion liess von Graffenried freie Hand. Nur einmal zog er die Reissleine, als er 1985 unter dem Druck des Berner Establishments Chefredaktor Urs P. Gasche abberief. Dieser liess in kritischen Reporten die Atomenergie, den Chemieeinsatz in der Landwirtschaft oder das im Berner Finanzskandal aufgeflogene Gebaren der Kantonspolitiker durchleuchten. Die Polit- und Wirtschaftselite des Agrarkantons Bern sah sich in ihrer Befürchtung bestätigt, dass die BZ die innerbernische Harmonie mit einem Linkskurs bedrohe.

Charles von Graffenried dachte aber nicht daran, die BZ auf einen stramm bürgerlichen Kurs einzuschwören. In einem Interview rechnete er kühl vor, Bern sei zu 60 Prozent bürgerlich und zu 40 Prozent links. Daraus folgerte er, dass 50 Prozent der BZ-Seiten der bürgerlichen und 40 Prozent der linken Sicht gewidmet sein müssten. Die restlichen 10 Prozent aber Randgruppen, weil diese neue Impulse bringen würden. Von Graffenrieds Prozentrechnung war vorab ökonomischer Natur: Er begriff früh, dass der freie Wettbewerb der Argumente ein einträglicheres Geschäft war als die erwartbaren Verlautbarungen traditioneller Parteiblätter.

Die BZ wurde dezentral in den Redaktionen und Druckereien in Bern, Münsingen und Langnau produziert. Von Graffenried sann auf eine kostensparende Zentralisierung. Obwohl er eine Aktienminderheit vertrat, setzte er sich bei seinen Landpartnern durch. 1985 wurde das neue Redaktions- und Druckereigebäude am Dammweg im Stadtberner Lorrainequartier bezogen, in dem noch heute die Lokalredaktionen von Berner Zeitung und «Bund» untergebracht sind.

Auf ihrem Expansionskurs griff die Berner Zeitung zu Werbemethoden, die auf dem Berner Medienplatz noch ungewohnt waren. Die BZ-Marketingabteilung verteilte Jugendlichen an Anlässen Mützen mit BZ-Signet, sie sponserte Anlässe und war dort mit grossflächiger Werbung präsent. Das Berner Establishment rümpfte über die kommerzielle Offensive die Nase.

Zürich im Nacken

1987 mischte der BZ-Verlag national mit und übernahm einen 15-Prozent-Anteil der «SonntagsZeitung» aus dem «Tages-Anzeiger»-Verlag. Ab 1988 legte die BZ ihrer Samstagsausgabe das «Magazin» des «Tages-Anzeigers» bei. Es war der Anfang einer nicht reibungsfreien Kooperation mit der grossen Mitstreiterin aus Zürich.

Im Februar 1990 schreckte ein unangenehmer Anruf aus Zürich von Graffenried in seinem Chalet «Drossel» in Wengen auf. «Tages-Anzeiger»-Konzernchef Heinrich Hächler eröffnete ihm, dass ihm die BZ-Landpartner aus Langnau und Münsingen ihre Aktienmehrheit verkauft hätten. Von Graffenried empörte das Manöver hinter seinem Rücken. 

Bei den Verhandlungen mit den Zürchern im Interlakner Hotel Victoria-Jungfrau lief er zur Hochform auf. Er setzte durch, dass die BZ-Gruppe eine Mehrheit von 51 Prozent behielt. Von Graffenried konnte die Berner Unabhängigkeit sichern, er spürte aber fortan den Zürcher Verlag als starken Minderheitsaktionär im Nacken.

Seinen Deal präsentierte der BZ-Verleger unter dem Motto «Berner Medien den Bernern». Er enthüllte auch, dass nicht er selber, sondern ein anderer Berner der Hauptaktionär der BZ-Gruppe war: Erwin Reinhard-Scherz aus der gleichnamigen Papierfabrikdynastie. Von Graffenrieds wachsende Medienmacht weckte in Bern dennoch Misstrauen. Auch weil die BZ das kriselnde Traditionsblatt «Bund» zusehends überrundete.

Geburt des Berner Modells

Für viele Bernerinnen und Berner war der «Bund» mehr als eine Zeitung. Er war ein Organ der bernischen Selbstversicherung. «Es steht im Bund» – dieser Satz bedeutete für «Bund»-Leser auch: «Es ist wahr, es ist seriös.» Was in der traditionslosen, kommerziellen Berner Zeitung stand, kam «Bund»-Verfechtern bisweilen laut und aufgeregt vor. Die journalistische Qualität der BZ, die anders als die Stadtzeitung «Bund» einen Stadt-Land-Spagat leistete, war in der Tat bisweilen schwankend. Anfänglich wurde der BZ ein abschätziges Etikett angehängt. Meist von Kritikern, die sie gar nicht lasen.

1993 verkaufte der «Bund» ein Aktienpaket an den Zürcher Ringier-Verlag. Erfolglos legte Charles von Graffenried 1994 in seinem Berner Büro dem Verlegerkollegen Michael Ringer ein «Berner Modell» mit zwei konkurrierenden Zeitungen unter einem Verlagsdach vor. Die «Bund»-Verantwortlichen trauten von Graffenried nicht. Als sich der Ringier-Verlag wieder aus Bern zurückzog, gab er seine Aktien an den NZZ-Verlag ab.

Auch die 1992 neu gewählte rot-grüne Berner Stadtregierung sah die grosse BZ skeptisch. 1995 vergab sie die Lizenz des Berner Stadtanzeigers an den «Bund»-Verlag. Die AG der Berner Zeitung reagierte mit der Lancierung eines Gegenanzeigers, dem zahllose Berner mit einem Kleber den Zugang zu ihrem Briefkasten verweigerten. Man sprach vom «Berner Anzeigerkrieg».

Expansion ins Oberland

Die Wogen hatten sich wieder geglättet, als das Verhandlungstalent Charles von Graffenried 2001 die Expansion des BZ-Verlags ins Berner Oberland verkündete. Auch der «Bund» hatte die Herausgeber des «Thuner Tagblatts» und des Berner Oberländers umworben. Er hätte die beiden Blätter aber geschluckt. Von Graffenried bot ihnen nach dem Prinzip der lokalen Splitausgaben schlau ein regionales Eigenleben unter ihrem bisherigen Namen in einem BZ-Mantel an.

Von Graffenrieds Gruppe nannte sich neu Espace Media. Die BZ war ihre Geldkuh, die mit Quersubventionierungen auch das Lokalradio Extra Bern, den TV-Sender Telebärn oder die Online-Plattform Espace.ch unterstützte. 2004 überliess die NZZ einen Teil ihrer «Bund»-Anteile doch noch der Espace Media. Von Graffenried hielt Wort und realisierte nun sein Modell mit zwei Zeitungen unter einem Dach. Der «Bund» blieb am Leben.

Es waren Wendejahre in der Schweizer Medienszene. Die Inserateerträge sind seit 2001 von Jahr zu Jahr rückläufig. Das Leseverhalten wurde durch die Digitalisierung grundlegend verändert. Die Abonnententreue zu einer bestimmten Zeitung ist im multioptionalen Internet stark unter Druck geraten. Die beglaubigte Auflage des BZ-Verbunds ist deshalb von einst über 160'000 auf zuletzt 90'000 gedruckte Exemplare gesunken.

3600 Personen haben mittlerweile die Digitalausgabe der BZ abonniert, und ihre Zahl ist in den letzten Monaten um 60 Prozent gewachsen. Längst produziert die BZ-Online-Redaktion alle Inhalte digital. 562'000 Leserinnen und Leser wählten im Monat November einzelne Artikel auf Bernerzeitung.ch an. 

Verkauf an Tamedia

Der vorausschauende Charles von Graffenried erkannte früh genug, dass seine Espace-Media-Gruppe den Alleingang im multimedialen Zeitalter nicht leisten konnte. 2007 verkauften er und Mehrheitsaktionär Erwin Reinhard-Scherz ihren Verlag an den langjährigen Mitstreiter und Konkurrenten Tamedia in Zürich. Dessen Verwaltungsratspräsidenten Pietro Supino und den damaligen CEO Martin Kall lud von Graffenried zur Vertragsunterzeichung auf sein Schloss in Worb. Vor der kraftvollen Kulisse der Berner Alpen wurde das Ende der medialen Berner Unabhängigkeit vollzogen.

Für die BZ, die fast 30 Jahre lang das Flaggschiff eines Verlags gewesen war, bedeutete der Verkauf eine Herabstufung. Gleichzeitig aber auch die Integration in einen grossen Medienverbund mit neuen Möglichkeiten des Austauschs. Bevor er 2012 starb, erlebte Charles von Graffenried noch, dass die Tamedia-Verantwortlichen sein Berner Modell mit zwei konkurrierenden Zeitungen weiterführten. Ab 2009 bezog der «Bund» überregionale Stoffe vom Zürcher «Tages-Anzeiger». Die BZ behielt ihre Vollredaktion, wurde aber nun regionaler positioniert.

Rückbesinnung aufs Lokale

2010 setzte der damalige BZ-Chefredaktor Michael Hug diese Neupositionierung konsequent um und veränderte die Zeitungsarchitektur nach dem Motto «die Region zuerst». Die BZ war eine der ersten grossen Tageszeitungen, die dem lokalen Interesse der Leser Rechnung trug und den Lokalteil vor der Berichterstattung über In- und Ausland platzierte. Wieder bewies die BZ ihre Verwandlungs- und Innovationsfähigkeit.

Ab 2014 lieferte die BZ ihren überregionalen Teil mit Inland, Ausland und Wirtschaft an die Zürcher Regionalzeitungen der Tamedia, schon vorher hatte sie ihn an die Freiburger Nachrichten und das Bieler Tagblatt verkauft. Obwohl ihre Ressourcen deutlich schmaler waren als die des Tagesanzeigers, zog die BZ mit ihrem formal und thematisch vielfältigen Mantelteil ein nationales Netzwerk und Geschäftsmodell auf.

Angesichts stark rückläufiger Inserateerträge beliefert der Tamedia-Verlag seit Anfang 2018 all seine Zeitungen mit einem überregionalen Mantel aus einer Zentralredaktion. Die BZ verlor deshalb ihre Vollredaktion. Die nationale Tamedia-Zentrale hat aber auch in Bern einen Stützpunkt. Und im Regionalbereich lebt die Konkurrenz zweier Berner Zeitungen – und in Bern eine lokale Meinungsvielfalt weiter. Die BZ behauptet mit ihrem lokaljournalistischen Know-how ihre Position im neuen Tamedia-Verbund. Und sie besinnt sich auf ihre DNA: die auseinanderdriftenden Welten von Stadt und Land zusammenzuführen. 

Berner Zeitung

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