Eltern von Schreibabys brauchen Hilfe

Früher glaubte man, dass Dreimonatskoliken manche Säuglinge ohne Unterlass schreien liessen. Doch das stimmt nicht. Fachleute raten betroffenen Eltern, frühzeitig Hilfe zu suchen und nicht zu warten, bis sie mit den Nerven völlig am Ende sind. Denn darüber geht wertvolle Zeit verloren.

In den ersten drei Monaten schreien 20 Prozent aller Säuglinge übermässig und belasten damit die Nerven ihrer Eltern aufs Äusserste.

In den ersten drei Monaten schreien 20 Prozent aller Säuglinge übermässig und belasten damit die Nerven ihrer Eltern aufs Äusserste.

(Bild: Colourbox)

Juliane Lutz@JulianeLutz

Ist die Geburt erst einmal überstanden, ist das Schlimmste vorbei. So denken nicht wenige Eltern, denn es wird von der Gesellschaft suggeriert, dass Babys zu haben nur ein weiteres Projekt ist. Stillen, wickeln – und anschliessend ist das Kleine zufrieden. Und alle sind froh. Dazu passt, dass von den Seiten diverser Medien meist glückliche kleine Pausbacken lächeln und ehrliche Geständnisse über Albträume den Nachwuchs betreffend eher selten das Bild trüben.

Doch der Schein trügt: Rund 20 Prozent aller Säuglinge sind alles andere als pflegeleicht. Sie schreien ohne Unterlass, selbst wenn scheinbar alle Bedürfnisse gestillt sind. Und machen das Leben für ihre Eltern zur Hölle.

Schreien führt zu Blähungen

Als Schreibabys gelten Kinder, die mehr als drei Stunden an drei Tagen über drei Monate hinweg schreien. Allerdings halten Fachfrauen wie die Hebammenexpertin Patricia Blöchlinger von der Frauenklinik des Inselspitals diesen international geltenden Standard für zu statisch. «Auch zwei Stunden Weinen am Stück kann für manche Eltern schon zu viel sein.» Die Schmerzgrenzen, bei denen sich bei Eltern die Muskeln stressbedingt verkrampfen, seien individuell verschieden.

Zwar schreien nach ihrer Beobachtung kleine Buben mehr als Mädchen, doch der Grund sind vermutlich nicht die gefürchteten Dreimonatskoliken. Die gelten mittlerweile als Mythos. Es ist vielmehr so, dass ein Baby aus verschiedenen Gründen unablässig schreit, dabei übermässig viel Luft einatmet und als Folge Blähungen bekommt. Diese führen zu Schmerzen, die das Kind wiederum zum Weinen bringen.

Die Gründe, warum manche Säuglinge sich gar nicht mehr beruhigen lassen, sind vielschichtig. Einer davon lautet, dass ihnen die Ankunft auf der Welt derart zu schaffen macht, dass sie ständig brüllen müssen. «Nach der Geburt etabliert sich das Verdauungssystem, und das Baby muss sich mit neuen Bedürfnissen wie Schlaf und Hunger auseinandersetzen», sagt Sabrina Schatzmann, Psychologin in der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Kinderklinik Bern. Diese sogenannten Anpassungsleistungen führten dazu, dass Säuglinge in den ersten drei Monaten viel schreien. Weiter vermuten Forscher, dass diese Babys sehr empfänglich sind für all das, was auf sie einströmt. Als Folge reagieren sie schnell überreizt.

Bei Dauerstress: Handeln!

Dass betroffene Eltern nicht abwarten sollten, bis sich das Ganze von selbst wieder gibt, legen Vermutungen verschiedener Wissenschaftler nahe. «Diese Säuglinge haben vermutlich ein erhöhtes Risiko für langfristige Probleme der Verhaltensregulation und für Entwicklungsbeeinträchtigungen», sagt Oskar Jenni, Leiter der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich.

Aber auch um der Sicherheit des Kindes willen sollten Mütter und Väter bei bestimmten Signalen Hilfe suchen, um nicht wegen Dauerstresses irgendwann die Nerven zu verlieren und das Baby zu schütteln. Leider kamen auf diese Weise schon manche Kinder zu Tode. «Entwickelt man Aggressionen dem Kleinen gegenüber, fühlt man sich von ihm bewusst angeschrien, oder schleppt man sich nur noch mühsam durch den Tag, ist es höchste Zeit, sich helfen zu lassen», sagt Schatzmann. Es sei absolut legitim, sich Hilfe zu holen, macht auch Hebammenexpertin Patricia Blöchlinger Mut. Von keiner Mutter werde verlangt, dass sie sich rund um die Uhr um ihr Kind kümmern müsse.

Erst Abklärung beim Pädiater

Bei Schreibabys sollte an erster Stelle die Abklärung möglicher körperlicher Ursachen wie etwa Kuhmilchproteinunverträglichkeit oder Reflux beim Kinderarzt stehen. Doch diese sind eher selten. «Weniger als fünf Prozent dieser Kinder sind krank», sagt Schatzmann.

Hat der Pädiater nichts gefunden, hilft sie Eltern von Säuglingen mit Regulationsstörungen, so der Fachausdruck für Schreibabys. «Ideal ist es, wenn Mutter und Vater kommen, denn ein Schreibaby betrifft beide Elternteile und kann auch zu Spannungen in der Beziehung führen», so Schatzmann. Sie lässt sich die jeweilige Situation schildern, geht auf die Bedürfnisse der Mütter und Väter ein, die in dieser Situation oft zu kurz kommen und gibt ihnen je nach Lage Empfehlungen, etwa das Kind so wenig Reizen wie möglich auszusetzen und ihm einen festen Tagesrhythmus zu geben. Ein wichtiger Ansatz ihrer Arbeit ist auch, den Eltern zu helfen, in dieser Krisensituation selbst wieder etwas zur Ruhe kommen. Etwa durch Atemübungen. «Man kann mit einem Baby nur feinfühlig umgehen und den für die Bindung wichtigen Körperkontakt aufnehmen, wenn man selbst entspannt ist», sagt Schatzmann.

Traumata als Grund

Studien deuten auch darauf hin, dass Kinder nach traumatischen Geburtserlebnissen oder deren Mütter unter Depressionen oder schwierigen sozialen Situationen litten, eher zum übermässigen Schreien neigen.

Das deckt sich mit den Beobachtungen von Christine Weibel Isler, die 2010 mit Barbara Klopfenstein-Schmid die Fachstelle Schwangerschaft Geburt Säugling in Thun gründete. «Verläuft die Entbindung unproblematisch, sodass sich danach die primäre Bindung zwischen Mutter und Kind ungestört entwickeln kann, werden Säuglinge nicht zu Schreibabys», sagt die langjährige Hebamme, die sich unter anderem in körperorientierter Psychotherapie bei Thomas Harms ausbilden liess. Der Bremer Psychotherapeut entwickelte ein Konzept der Emotionellen Ersten Hilfe zum Beispiel für Eltern von Schreikindern.

«Ist eine Mutter während der Schwangerschaft belastet und verläuft die Geburt schwierig, hinterlässt das Verletzungen bei Mutter und Kind», sagt Weibel Isler. Oft bleibt der Organismus in einem Schockzustand, was eine entspannte innige Beziehung unmöglich macht. Als Folge schaukelt sich die Stressspirale immer weiter hoch. Das Baby schreit und schreit, lässt sich nicht beruhigen und stösst dieEltern von sich weg, die sich abgelehnt fühlen. Dies kann gerade Mütter in einen Zustand der inneren Isolation, Erschöpfung oder Depression führen.

Anleitung zur Selbsthilfe

«Wer sich in einer solchen Krise befindet, braucht Hilfe durch eine Fachperson, die Sicherheit, Orientierung und das Gefühl vermittelt, nicht mehr alleine zu sein», sagt Weibel Isler. Sie analysiert mit Betroffenen das Geschehen und hilft stärkende Lösungen zu finden, etwa in Form von Visualisierungstechniken. Haben die Eltern selbst wieder Halt gefunden, können sie mit dem Kind anders umgehen.

Weibel Isler fällt auf, dass die Ansicht, dass gefüttert, gewickelt und dass das Kind doch jetzt ruhig sein muss, sehr verbreitet sei. Doch ein Säugling lasse sich nicht einfach hinlegen. Das entspreche nicht seinen biologischen Erwartungshaltungen. «Meiner Erfahrung nach sind die häufigsten Gründe, warum ein Baby übermässig schreit, sein Bedürfnis nach emotionaler Zuwendung und Sicherheit, aber auch unverarbeitete Belastungen wie eine schmerzvolle Geburt.»

Weiter stellt die Fachberaterin fest, dass Mütter von Schreibabys oft Schuldgefühle entwickeln. «Sie glauben zu versagen, da die Gesellschaft suggeriert, dass das Leben mit einem Baby doch einfach ist.» Da sie meinen, die Krise alleine schaffen zu müssen, aber auch wegen der Mär der Dreimonatskoliken, suchen viele erst Hilfe, wenn sie völlig erschöpft sind. Weibel Isler rät jedoch, möglichst früh zu kommen, denn es sei doch schade, wenn man die erste Zeit mit dem Kind nicht geniessen könne.

Berner Zeitung

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