Ihr Körper ist ihr Kapital

Langenthal

Tanzen, das ist Beruf und Berufung für die Langenthalerin Rahel Neuenschwander (30). Als freischaffende zeitgenössische Tänzerin versucht sie, ihren Weg in der kleinen, überschaubaren Schweizer Tanzszene zu gehen.

Rahel Neuenschwander in ihrem aktuellen Stück «Gfaue»: Am Wochenende hat sie es im Rahmen der «L’Art» in Langenthal aufgeführt.

Rahel Neuenschwander in ihrem aktuellen Stück «Gfaue»: Am Wochenende hat sie es im Rahmen der «L’Art» in Langenthal aufgeführt.

(Bild: Walter Pfäffli)

Wenn Rahel Neuenschwander spricht, dann tut sie das mit Bedacht. Ihre Hände ruhen im Schoss, schnelle, fahrige Gesten passen nicht zu der schmalen Person, die im Gespräch zurückhaltend wirkt. Kaum zu glauben, dass Neuenschwanders Körper im Berufsalltag niemals ruht. Denn ihr Körper ist ihr wichtigstes Arbeitsinstrument, ihr Kapital. Tägliche Bewegungen – manche für das normale Auge fast unmenschlich – sind für sie ein Muss: «Ich kann nicht anders.»

Rahel Neuenschwander ist Tänzerin. Und auf der Bühne, im Licht der Scheinwerfer, wird aus der kleinen, zierlichen Person eine Athletin, die keine Herausforderungen scheut, ihre pure Muskelkraft einsetzt, viel Raum einnimmt. Und sie fürchtet die Blicke der Zuschauer nicht, auch wenn es manchmal nur noch Farbe und durchsichtige Wäsche ist, die ihren Körper bedeckt – wie in ihrem Tanztheaterstück «Gfaue», das sie am Wochenende im Rahmen der «L’Art» in Langenthal aufgeführt hat.

Ausbildung in Berlin

Schon als kleines Mädchen ging Rahel Neuenschwander tanzend durchs Leben. «Ich musste einfach, etwas anderes kam nicht infrage.» Nicht ein Muss, weil die Eltern es wollten: «Niemals fühle ich mich lebendiger, als wenn ich tanze.» In Klaus Stauffers ehemaligem Dance Center nahm sie Ballettunterricht, bald kamen Jazz- und Streetdance hinzu. Als sich die Frage der Berufswahl stellte, hörte sie von allen Seiten dasselbe: «Tanzen ist nichts, womit man Geld verdienen kann. Lern was Richtiges.» Damals existierte noch das Lehrerseminar, Neuenschwander erschien die Ausbildung als die einfachste Möglichkeit, nebenher weiter trainieren zu können.

Nach dem Patent schliesslich widmete die junge Frau ihre Ausbildung vollkommen dem Tanz. Für eine Karriere im klassischen Tanz war es zu spät: «Die Tänzer, die später im Stadttheater arbeiten, trainieren ab 12 Jahren praktisch nur noch. In dieser wichtigen Zeit sitzen wir anderen in der Schule.» Dank eines Stipendiums des Kantons Bern und der Stadt Langenthal erlernte Neuenschwander in Berlin in einer dreieinhalbjährigen Ausbildung den Beruf der zeitgenössischen Bühnentänzerin. Nach dem Abschluss 2010 folgte ein erstes Engagement in Wien, das auf einen Sommer befristet war. Bezeichnend für die Situation vieler Tänzer: Oft hangeln sie sich von Projekt zu Projekt, Garantien gibt es keine, Konstanz selten.

Der Liebe wegen zog Rahel Neuenschwander vor eineinhalb Jahren zurück in die Schweiz, nach Bern. Heute versucht sie sich in der kleinen, überschaubaren Schweizer Tanzszene über Wasser zu halten. Kein einfaches Unterfangen. Viermal wöchentlich unterrichtet sie zeitgenössischen Tanz und Improvisation, hinzu kommen Tanzprojekte, die ab und zu eine Gage abwerfen. Viele zeitgenössische Tänzer verdienen sich ihr Brot vor allem mit Unterrichten, Subventionen für Eigenproduktionen sind nicht einfach zu erhalten.

Das hat auch Neuenschwander schon erfahren. Von der Stadt Langenthal hat sie vor einiger Zeit einen Betrag von 1000 Franken erhalten für die Produktion des Stücks «Gfaue». Als sie das Tanzstück an der «L’Art » erneut zeigen wollte, reichte sie wiederum ein Budget ein: «Techniker, Musiker, das Equipment, alles muss ich ja wieder bezahlen, wenn ich ein Stück erneut aufführe.» Sie erhielt die Antwort, ihr Budget sei «neben den Schuhen». Einerseits verstehe sie, dass bei vielen das Bewusstsein noch fehle, welche Arbeit für eine Tänzerin hinter der Kreation eines Tanzstücks stecke. Aber: «Auch ich muss meinen Unterhalt irgendwie finanzieren.»

Zukunft mit Tanz

Selten vergeht ein Tag, ohne dass Neuenschwander sich bewegt, übt, choreografiert. Mit bald 31 Jahren gehört sie als Tänzerin schon beinahe zum alten Eisen – zumindest was den Körper betrifft. Sie hat das Glück, einen sehr flexiblen Körper zu haben: «Umso mehr muss ich darauf achten, sorgfältig mit ihm umzugehen.» An den Mythos, dass eine Tänzerin ab 30 keine Zukunft mehr hat, glaubt sie nicht. Im Gegenteil: «Mit zunehmendem Alter gewinnen Tänzer an Ausdruck und technischen Fähigkeiten.»

Im Haus von Urs Hug am Mühleweg 13 in Langenthal tritt Rahel Neuenschwander am Sonntag, 2.September, um 10.30 und 17 Uhr auf.

Berner Zeitung

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