Theater als Bad im Piranhabecken

Thun

Mit «Nichts, was im Leben wichtig ist» wagt sich die Junge Bühne Thun an ein Szenario von beunruhigender Vehemenz. Die Premiere im Berner Theater Remise verlangte auf beiden Seiten des Zuschauerraums viel Kraft.

Das Stück «Nichts, was im Leben wichtig ist» der Jungen Bühne Thun wühlt die Zuschauer emotional auf. Foto: PD

Das Stück «Nichts, was im Leben wichtig ist» der Jungen Bühne Thun wühlt die Zuschauer emotional auf. Foto: PD

Agnes liebt ihre roten Sandalen, Gerda ihren Hamster Klein Oskar. Der fromme Kay hängt an seinem Gesangbuch, und Laura mag ihre Flamingo-Ohrringe nicht hergeben. Eine Klasse mit zwanzig Schülern quält die Frage, was im Leben von Bedeutung ist. Angestachelt von ihrer Mitschülerin Pierrette, die sich alles verweigernd auf einen Pflaumenbaum verzogen hat und behauptet: «Alles ist egal.

Das Leben ist die Mühe nicht wert.» Es beginnt ein Spiel, das zum Bad im Piranhabecken mutiert. Zunächst versucht die Gruppe, Pierrette mit Gewalt zu besiegen. Dann kommt ihnen die Idee, in einem stillgelegten Sägewerk einen Berg der Bedeutung zu errichten, auf dem sie liebgewordene Dinge opfern.

Der oder die Entbehrende legt jeweils fest, wer als Nächstes entsagen muss. Je schmerzlicher der Verzicht ist, desto fieser fällt die nächste Opferaufgabe aus. Was harmlos mit Lauras kopfloser Puppe beginnt, schaukelt sich hoch in grausame Opfergaben. Ein Hund wird geköpft, ein Mitschüler verstümmelt und ein totes Kind ausgegraben. Am Ende geht das Sägewerk samt Pierrette in Flammen auf.

Jugendliche als Fanatiker

Im Erwachsenenalter erzeugen Menschen in ihrem Tun viel Lärm, um dieses Nichts mit mannigfaltigen Anschauungen zu übertönen. Allenfalls in Lebenskrisen fällt ihnen die Frage nach dem Sinn des Lebens auf die Füsse. Die Jugendlichen werden in «Nichts, was im Leben wichtig ist» zu Fanatikern wie so viele Erwachsene, die mit ihren religiösen oder anderweitigen Wahrheiten den Zweifel zu überdröhnen versuchen.

Regisseur Alex Truffer und der Präsident der Jungen Bühne Thun, Markus Rudin, faszinierte der Roman von Janne Teller (*1964) schon eine Weile. Im Erscheinungsjahr 2000 und die Jahre danach wurde das Buch heftig von Pädagogen diskutiert.

In Dänemark löste es einen Skandal aus. Vor allem die Frage, ob man einer jungen Leserschaft zumuten könne, sie mit seelischer und körperlicher Grausamkeit unter Kindern zu konfrontieren, erhitzte die Gemüter. In vielen Schulen in Dänemark, Frankreich und Norwegen darf das Buch nicht gelesen werden.

Unbedingter Wille zu spüren

Das Ensemble der Jungen Bühne Thun stellte sich der beinharten Aufgabe, «Nichts» auf die Bühne zu bringen, die sie grandios löste. Das Theaterstück wurde aus dem Hochdeutschen von den Akteuren selbst während der Proben in Mundart übersetzt. Einzig Anna Reschetko in der Rolle der Pierrette spricht Hochdeutsch.

«Dieses Projekt verlangt von den Schauspielerinnen und Schauspielern viel Kraft und den Willen, über sich hinauszuwachsen», weiss Truffer. Dieser unbedingte Wille war an der Premiere mehr als deutlich zu spüren. Patrik Aebischer, Jeannine Greber, Lionel Romero Lanz, Anna Reschetko, Luca Daniel Rindisbacher, Raphael Rudin, Aliena Schweizer und Celine Studer schlugen, brüllten, litten und weinten in Mehrfachrollen in einer Intensität, die das Publikum emotional Glasscherben kauen liess.

So erschöpft das Ensemble sich nach der Premiere zeigte, so betroffen wirkte auch das Publikum. Das Stück «Nichts, was im Leben wichtig ist» ist für Menschen unter 14 Jahren nicht geeignet. Aber es eignet sich für alle ­Theaterfans, die gegen Gewalt, Mobbing und Extremismus kämpfen.

Vorstellungen von «Nichts, was im Leben wichtig ist»: Theater Remise, Laupenstrasse 51, Bern, 10. und 11. Mai, 20 Uhr, 12. Mai, 17 Uhr. Theater Alte Oele, Thun, 15., 17., 18. und 22. Mai, 20 Uhr, 19. Mai, 17 Uhr. Reservierungen online unter www.jungebuehnethun.ch.

Berner Zeitung

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