«Perücken für Transfrauen werden ja auch bezahlt»

Krankenkassen zahlen bei Transmännern nur einen Eingriff, bei dem aus eigenem Gewebe ein Penis geformt wird. Eine Prothese wird nicht übernommen. Dies stört die Betroffenen.

Der Gynäkologe Niklaus Flütsch.<p class='credit'>(Bild: zvg)</p>

Der Gynäkologe Niklaus Flütsch.

(Bild: zvg)

Nico Gaspari fühlt sich ungerecht behandelt. Anfang Monat ist der ehemalige Worber an die Öffentlichkeit getreten – und blickte zurück auf seinen Weg von der Frau, als die er vor 44 Jahren geboren wurde, zum Mann, als der er sich seit jeher fühlte. Dann machte er klar: Dass ihm seine Krankenkasse mit der Penisprothese das letzte Stück zu seiner wahren Identität verweigere, verstehe er nicht.

Krankenkasse zahlt nicht

Vom Gesetz her geht das aber in Ordnung. Eine sogenannte Epithese dürfe aus der Grundversicherung gar nicht vergütet werden, liess der Bund verlauten. Das sorgt nun für Unruhe: In der Community gehe die Angst um, dass künftig keine Krankenkasse mehr zahle, sagt der Gynäkologe Niklaus Flütsch, der im Praxisalltag regelmässig mit Transmenschen zu tun hat und als Betroffener über ein Sensorium für das Thema verfügt.

Dabei hätten die Kassen allen Grund, ohne Wenn und Aber zu zahlen, so Flütsch. Eine Frau bekomme nach einer Brustamputation ja auch ihre Prothese, eine Transfrau ja auch ihre Perücke vergütet. «Für das Selbstwertgefühl ist es wichtig, dass die äusserlichen Merkmale stimmen.»

Der Bund ist nur bei der Epithese so restriktiv. Den weit teureren chirurgischen Eingriff müssen die Kassen übernehmen. Doch längst nicht alle Betroffenen legen sich unters Messer. Der Entscheid, das Geschlechtsteil angleichen zu lassen, falle sehr individuell, sagt Flütsch. Jeder müsse für sich die Frage beantworten, ob ihm ein Penis aus eigenem Fleisch und Blut das Risiko der Operation wert sei.

Prothese statt Operation

Der Eingriff ist nicht ohne. Er macht eine grössere Entnahme von Gewebe aus Unterarm, Bauch oder Rücken nötig. Daraus wird der Penis geformt. Kunststoffimplantate, die mittels einer Pumpe versteift werden können, sorgen für Stabilität. Weil das Gewebe mit den Blut- und Nervenbahnen verbunden ist, sind Gefühle wie Wärme, Kälte oder Schmerz möglich – zum Preis, dass neben dem Genitalbereich auch Arm, Bauch oder Rücken verletzt werden.

Mit der Prothese bleibt der Körper unversehrt. Dafür ist der Penis ein Fremdkörper, der regelmässig abgenommen und wieder neu angeklebt wird. Urinieren im Stehen sowie Geschlechtsverkehr sind möglich.«Die einen werden mit der Operation glücklich, die anderen mit der Prothese», schliesst Flütsch. Prothesenträger seien aber in der Mehrheit – auch, weil es hierzulande kaum Chirurgen gebe, die den Eingriff routiniert vornehmen könnten.

Berner Zeitung

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