Vollgas in Vail, Blamage in Bormio, Arktis in Are

Ehe am Dienstag die Titelkämpfe in St. Moritz beginnen werden, blicken wir auf die letzten 30 WM-Jahre zurück. In Erinnerung geblieben sind Sieger und Verlierer, coole Typen und grosse Redner.

  • loading indicator
Philipp Rindlisbacher

1987, Crans-Montana: Schweizer Festspiele

Nie zuvor und nie danach hat eine Nation eine WM derart dominiert: Die Einheimischen räumen im Wallis ab, sichern sich acht von zehn Titeln. Nach jedem Frauenrennen steht eine Schweizerin zuoberst auf dem Podest.

Pirmin Zurbriggen, Maria Walliser, Vreni Schneider (sie gewann den ­Riesenslalom ohne Helm auf dem Kopf), Michela Figini, Erika Hess, Peter Müller und Konsorten sorgen für eine gewaltige ­Euphorie. In der Männerabfahrt wird Franz Heinzer Vierter – als viertbester Schweizer.

1989, Vail: Die Klapperschlangengasse

Jungspund Paul Accola holt Kombinationssilber und wiederholt seinen Standardsatz: «Die Kombi interessiert doch eh keinen Schwanz.» Für eine deutsche Sternstunde sorgt Hansjörg Tauscher. Der Polizeihauptmeister narrt am Rosenmontag in der ­Abfahrt sämtliche Topathleten. Tauscher selbst gehört nicht mal zum erweiterten Favoritenkreis, liegt bei den Zwischenzeiten hinten.

«Die Kombi interessiert doch eh keinen Schwanz.»Paul Accola zu seinem Kombinationssilber 1989

Doch dann findet er in der «Rattle Snake Alley» (Klapperschlangengasse), einer Bobbahnähnlichen Doppel-S-Kurve, irgendwie eine Abkürzung. Pirmin Zurbriggen muss nach einem üblen Trainingssturz zuschauen, er musste bei viel zu viel Wind losfahren. Der an und für sich besonnene Walliser sagt: «Die Jury ist unfähig. Und unprofessionell.»

1991, Saalbach: Geplatzte Eröffnungsfeier

Es ist die Sonnenschein-WM, blauer Himmel vom ersten bis zum letzten Tag. Politisch jedoch stehen die Zeichen auf Sturm. Der Golfkrieg ist soeben ausgebrochen, im österreichischen Nationalrat wird sogar über eine Absage diskutiert. Aufgrund der kritischen Sicherheitslage findet die Eröffnungsfeier nicht statt.

Die Walliserin Chantal Bournissen gewinnt überraschend die Kombination, im Slalom haut sie alle Stangen mit der gleichen Hand aus dem Weg. Franz Heinzer holt Abfahrtsgold, telefoniert danach im Schweizer Fernsehen mit seiner Mama. Die Schweizer liefern auch negative Schlagzeilen: Trainer Karl Frehsner und Leistungssportchef Paul Berlinger tragen ihren Machtkampf in der Öffentlichkeit aus.

1993, Morioka: Chaos-WM schlechthin

Eigentlich war es ein Witz, die Titelkämpfe an die nahe der Stadt Morioka gelegene Wintersportstation Shizukuishi zu vergeben. Es handelte sich um einen Marketinggag, neue Märkte sollten erschlossen werden. Ein japanischer Grossindustrieller kaufte sich die WM; in Erinnerung ­geblieben sind peinliche Organisationspannen, triste Stimmung und Wetterkapriolen.

Nur ein Rennen wird plangemäss durchgeführt.

Während zehn Tagen wechseln sich Schnee, Regen und Wind im Stundenrhythmus ab, was in diesem Gebiet nicht die Ausnahme, sondern die Regel darstellt. Nur ein Rennen wird plangemäss durchgeführt, der Super-G der Männer als erstes WM-Rennen in der Geschichte gar abgesagt. Die fünfmal verschobene Abfahrt, welche kaum technische Schwierigkeiten aufweist, gewinnt sensationell Urs Lehmann. Im Weltcup steht der Aargauer nie auf dem Podest.

1996, Sierra Nevada: Ein Jahr danach

Das Theater geht weiter. Bei der Vergabe setzte sich die Sierra Nevada gegen Laax durch – was vielen spanisch vorkam. Tatsächlich: Auf der Iberischen Halbinsel, im südlichsten Skigebiet Europas, liegt 1995 kein Schnee. Weshalb die Titelkämpfe erstmals in der Geschichte um ein Jahr verschoben werden. Hoteliers und Geschäftsleute stürzten in den Ruin.

12 Monate später holen Alberto Tomba und Marc Girardelli ihre letzten Titel. Michael von Grünigen beendet den Riesenslalom und überraschend den Slalom als Dritter. Die Abfahrt verläuft einmal mehr skurril: Das einzige Training findet am Morgen des Rennens statt, die Strecke ist äusserst kurvenarm. Zu sehen ist minutenlanges Fahren in Hockeposition. Sieger Patrick Ortlieb sagt: «Schwierig war es nicht.»

1997, Sestriere: «Brunoli» und die Banchetta

Für die Banchetta-Piste erntet Erbauer Bernhard Russi von den Abfahrern Kritik: «Zu langsam», befindet Favorit Luc Alphand; «das reicht maximal für einen Super-G», moniert Peter Runggaldier. Bruno Kernen lässt dem Silbergewinn in der Kombination den Sieg in der Abfahrt folgen, nachdem er in der Weltcupsaison nie besser als Siebter gewesen ist. In Anlehnung an den gleichnamigen Schönrieder, der 1983 in Kitzbühel reüssierte, wird der Reutiger in den Startlisten als Kernen Bruno II geführt, vom ahnungs­losen Speaker daher «Brunoli» genannt. Vier Tage später gewinnt Michael von Grünigen, wie Kernen I Schönrieder, den Riesenslalom – aus Berner Optik hätte die WM kaum besser verlaufen können. Für Alphand hingegen endete die Abfahrt mit einem Sturz.

1999, Vail: Legendäres Interview

Zweimal Gold, dreimal Silber – in den USA gewinnt der Norweger Lasse Kjus in sämtlichen Disziplinen eine Medaille, was an einer WM bis heute keinem anderen Fahrer gelungen ist. Mit zwei bronzenen Auszeichnungen liegt die Schweiz im Medaillenspiegel hinter Australien und Liechtenstein.

Paul Accola wird Dritter in der Kombination, richtig Vollgas gibt der streitbare Bündner aber erst danach: Im Liveinterview mit dem Schweizer Fernsehen fordert er unmissverständlich den Rücktritt von Chefcoach Theo Nadig und Verbandsdirektor Josef Zenhäusern. Nach der Siegerehrung verschwindet Accola sofort ins Österreicherhaus.

2001, St. Anton: Accola zum Dritten

Hermann Maier lächelt süffisant in die TV-Kameras, als Daron Rahlves seinem ungeliebten Konkurrenten Stefan Eberharter überraschend Super-G-Gold wegschnappt – und löst damit in Österreich hitzige Diskussionen aus. Von Grünigen krönt seine Karriere mit Riesenslalomgold.

«Bringt nix, schadet nix.»Paul Accola nach Kombinationsbronze 2001

Die erste Schweizer Auszeichnung holt jedoch wie zwei Jahre zuvor Accola – wieder ist es Kombinationsbronze. Seine Pressekonferenz ist an Originalität abermals kaum zu überbieten: Die Medaille bedeute ihm nicht viel, sagt der Team-Oldie, «bringt nix, schadet nix». Den Podestplatz habe er für sich erreicht, nicht für die Schweiz, hält er fest.

2003, St. Moritz: Hippie statt Noblesse

38‘000 Zuschauer werden bei der Abfahrt der Männer registriert, das Engadin ist übervölkert – aber nur am Tag. In den Nobelherbergen bleiben viele Betten leer, weil die reichen Stammgäste den WM-Rummel fürchten, sich anderswo vergnügen. Auch im Schnee kommt es zu einem Kulturwandel. Von Grünigen, der stille Meister des Riesenslaloms, verabschiedet sich mit Rang 7 von der grossen Bühne.

«Im Tennis hätte ich es sicher in die Top Ten geschafft.»Bode Miller, 2003 in St.?Moritz

In der Basisdisziplin reüssiert der Amerikaner Bode Miller, welcher in ­verwaschenen Jeans durch die Hotelhallen schlendert, an der Medienkonferenz über seine Hippie-Kindheit («zu Hause sassen wir alle zusammen am Boden und hörten Songs von Bob Dylan») plaudert, seine Vielseitigkeit betont und dabei festhält: «Im Tennis hätte ich es sicher in die Top Ten geschafft.»

2005, Bormio: Streik wegen Parkplätzen

Die Schweizer TV-Zuschauer wähnen sich am Concours Eurovision de la Chanson, die Darbietungen der eigenen Athleten sind durchzogen bis unterirdisch – ein Medaillengewinn bleibt aus. Ähnliches lässt sich über die Planung der Teamleitung schreiben. Fränzi Aufdenblatten, längst wieder zu Hause in Zermatt weilend, muss ins Veltlin zurückbeordert werden, weil die Schweiz ansonsten nicht am erstmals im Programm stehenden Nationenwettkampf hätte teilnehmen können – Frauen-Cheftrainerin Marie-Theres Nadig hat das Reglement nicht oder zu spät gelesen.

Die italienischen TV-Techniker verweigern am Riesenslalomtag der Männer ihren Dienst, das Rennen muss verschoben werden. Tags darauf wird der Grund des Streiks bekannt; es geht um die unbefriedigende Parkplatzsituation am Sitz der RAI in Mailand.

2007, Are: Der Coup des Hardrockers

Der Sessellift am WM-Berg Are­skutan ist auf 24-Stunden-Betrieb geschaltet – damit nichts einfriert. Über eine Woche lang werden in Mittelschweden Temperaturen zwischen minus 25 und minus 30 Grad gemessen; ­gefahren wird trotzdem. Warm ist die Atmosphäre in der Unterkunft der Schweizer.

Daniel Al­brecht wird Weltmeister in der Superkombination, die Männer totalisieren fünf Medaillen – unter anderem dank Bruno Kernen, welcher im Super-G trotz keineswegs fehlerfreier Fahrt Bronze gewinnt. Der perfekte Ritt gelingt Patrick Staudacher; der Südtiroler, Bassist in einer Hardrockband, wird mit Gold ­belohnt. Es handelt sich um eine der grössten Überraschungen in der modernen Skigeschichte.

2009, Val-d’Isère: Versilberter Teenager

Das Schweizer Team hat den Schock von Kitzbühel zu verdauen, Albrecht liegt mit Gehirnblutung und Lungenquetschung im Koma. Trotzdem gelingt Swiss-Ski die (bis heute) wertvollste Ausbeute im 21. Jahrhundert. ­Lara Gut, zarte 17, rast in Abfahrt und Kombination zu Silber; bei der Tessinerin sieht alles spielerisch leicht aus.

Didier Cuche, stolze 34, lässt sich im Super-G das ersehnte erste Gold umhängen, erinnert an der Medienkonferenz an Albrecht, sagt, «der hätte hier auch gewinnen können». Am 12. Februar erwacht der Walliser aus dem Tiefschlaf, tags darauf triumphiert Carlo Janka im Riesenslalom. Der Bündner ballt kurz die Faust, schaut Richtung Himmel. Zwei Minuten später erweckt er den Eindruck, als wäre nichts geschehen. Was ihm den Übernamen «Iceman» beschert.

2011, Garmisch-Partenkirchen: Überall Riesch – und Höfl

Das Gesicht der Titelkämpfe ist Maria Riesch, die einen Monat später den Gesamtweltcup gewinnen wird. Die Einheimische tritt in praktisch jedem Rennen als Favoritin an, der Ertrag fällt mit zwei Bronzemedaillen eher bescheiden aus. Was aus zwei Gründen nicht erstaunt.

Erstens kämpft sie mit einer Grippe, zweitens ist sie im Rahmen­programm ebenso präsent wie auf der Hauptbühne. Sie gibt im Stadtzentrum Autogramme, wirbt für die Münchner Olympiabewerbung, posiert für eine Luxusuhrenmarke, verteilt am Valentinstag für ihren Kopfsponsor Schokoladenherzen – Riesch ist überall, nur nicht ganz oben auf dem Podest. Stets an ihrer Seite: der elf Jahre ältere Manager Marcus Höfl, den sie ein paar Monate später heiraten wird.

Hinter vorgehaltener Hand sind kritische Töne zu vernehmen. Die Vermarktung stehe über dem Sport, wird im deutschen Lager moniert. Singen, dann siegen, lautet die Devise von Elisabeth Görgl, welche an der Eröffnungsfeier den WM-Song «You Are the Hero» zum Besten gibt, ehe sie in Super-G und Abfahrt obenaus schwingen wird.

2013, Schladming: Siegesfeier im Bierzelt

Lara Gut wird im Super-G Zweite, bewahrt Swiss-Ski vor dem zweiten Nuller im 21. Jahrhundert. Bei den Männern passt wie im Weltcup wenig bis nichts zusammen. Wobei Sandro Viletta in der Kombinationsabfahrt ein Streckenposten in die Quere kommt, der Bündner geistesgegenwärtig reagiert, am Hindernis vorbeifährt. In der Endabrechnung ­fehlen ihm 25 Hundertstel zum Bronzegewinn. Lindsey Vonn geht im Super-G aufs Ganze, kommt zu Fall und zieht sich einen Kreuzbandriss zu – der Sturz sollte zum Auftakt einer langen Leidensgeschichte werden.

Tessa Worley feiert ihren Riesenslalomtriumph inmitten von Touristen in einem riesigen Bierzelt.

3400 Einwohner zählt die Skistation im Ennstal, drei- bis viermal so viele dürften sich abendlich in der Fanzone versammeln. Die Athleten lassen sich von der feuchtfröhlichen Partyatmosphäre anstecken, Tessa Worley beispielsweise feiert ihren Riesenslalomtriumph inmitten von Touristen in einem riesigen Bierzelt.

2015, Beaver Creek: Pizza zwischen Slalomläufen

Im Nobelskiort wird mehr geboten als die mit Bodenheizung ­versehene Fussgängerzone, welche den Millionärsgattinnen selbst bei zweistelligen Minustemperaturen das Tragen von High Heels ermöglicht. Bode Miller setzt im Super-G alles auf eine Karte, wird von der Birds of Prey unsanft abgeworfen, schafft es wahrscheinlich zum letzten Mal auf die Titelseite grosser US-Zeitungen, landet im Spital.

Mikaela Shiffrin, im nahen Avon aufgewachsen, genehmigt sich zwischen den beiden Slalomdurchgängen eine mit Salami und Schinken belegte Pizza, bleibt fehlerfrei und wiederholt einen Monat vor ihrem 20. Geburtstag den Triumph von Schladming. Trotzdem ist die Amerikanerin zu Hause nur die Nummer 3: Anna Fenninger und Tina Maze treiben sich auf 3000 Metern über Meer zu Höchstleistungen, beide reisen mit je zwei Goldmedaillen und einer silbernen Plakette im Gepäck nach Europa zurück.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt