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TV-Kritik: Sex auf dem Pausenplatz und einzelne schwarze Schafe bei der Polizei

Von Simon Eppenberger. Aktualisiert am 17.09.2011 12 Kommentare

In einer gross angekündigten Serie berichtet das SF über das Leben an der Langstrasse, dem «verrücktesten Quartier der Schweiz». Dafür zog Reporterin Eva Wannenmacher sogar eine schusssichere Weste an.

1/4 Kämpfer für Recht und Ordnung: Die Polizisten Sarah und Tobias.
SF

   

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Der Einstieg ist erfrischend direkt: Gleich zu Beginn will es die Kulturplatz-Moderatorin Eva Wannenmacher wissen und schlüpft in eine Schutzweste. «Jetzt meinen sie es aber richtig ernst», sagt sie dabei zu Polizistin Sarah, die ihr das Ding verordnet. Wenn sie sich das überlege, «wird es ungemütlich», so die TV-Frau.

Dann fährt der Polizeiwagen los, in die Freitagnacht im «‹Chreis Cheib›, dem verrücktesten Quartier der Schweiz, das im ganzen Land den schlechtesten Ruf hat», wie die Stimme am Anfang sagt. Die erste Station ist noch harmlos: Der Biergarten beim Hotel Sonne, dem Bermudadreieck hinter dem Helvetiaplatz.

Dort sitzt das erste Highlight des Dok-Films: Ein Herr mit Schnauz und beigem Mantel, der zwei Anläufe braucht um zu sagen, er fände es das Grösste, dass er sich und seine Kollegen seit 40 Jahren im Biergarten wiederfindet. Denn dieser Ort war für ihn «seit jeher eine Institution». Was ihn auszeichnet ist seine Stimme: Sie klingt exakt wie Viktor Giaccobo, wenn er Fredi Hinz spielt.

Es könnte gefährlich werden

Die bierseelige Runde ist bald zu Ende, denn ein Funkspruch ruft Sarah und ihren Teamkollegen Tobias zum ersten echten Einsatz. Ein Betrunkener versuche vor der Toro-Bar, mit einem Auto wegzufahren. Sarah versteht den Namen der Bar zwar nicht, doch Tobias sitzt am Steuer und so sind die beiden schnell bei einem Smart, der blinkend auf dem Trottoir steht. Der Fahrer drückt aufs Gas, ist aber derart von der Rolle, dass die Kiste keinen Wank macht.

Jetzt könnte es gefährlich werden, denn im «Chreis Cheib», da haben «Leute oft Messer oder Flaschen griffbereit, wenn Polizisten auftauchen», so die Stimme aus dem Off. Der Mann im Smart flucht, doch ansonsten ist er harmlos. Er kann sich kaum auf den Beinen halten und wird aufs Revier geführt.

Dort hat Wannenmacher plötzlich keine Weste mehr an, denn sie redet jetzt mit dem bekanntesten Polizisten der Stadt, mit Medienchef Marco Cortesi. Die Überraschung ist gross: Mehrere Tests ergeben, dass der Mann weder Alkohol noch Drogen konsumiert hat. Cortesi vermutet, er könnte K.O.-Tropfen verabreicht bekommen haben. Wie der Mann sagt, habe er bei zwei Prostituierten einen Orangensaft getrunken.

Kondome hinter dem Schulhaus

Das Schicksal des Mannes wird Wannenmacher noch tief berühren, doch vorher tritt Hausabwart Dani Furer auf, der auf dem Pausenplatz seiner Primarschule gleich neben der Langstrasse Spritzen und Kondome einsammeln muss – Zeugen des nächtlichen Treibens. Allerdings war das mit dem Sex auf dem Pausenplatz früher, und die letzten Spritzen steckte er 2008 in einen Behälter mit einem Totenschädel drauf. «Mittlerweise ist es überhaupt nicht mehr schlimm», sagt er zufrieden und hebt eine leere Bierdose auf.

Danach hebt auch die Kamera ab zu einem schönen Flug über Zürich, zum Haus von Seidenkönig Andi Stutz. Er soll wohl den Kontrast zu all den K.O.-Smartfahrern und im Dreck wühlenden Arbeitern darstellen. Er ist kauzig und einer, der sich gerne filmen lässt und dabei erklärt, dass er es schätze, im Kreis 4 nicht in einer scheinheiligen Welt zu leben. «Aber zum Geschäftli machen, da muss ich manchmal die Sonntagsschuhe anziehen», sagt er lächelnd – und lässt sich in seine Filiale an der Bahnhofstrasse chauffieren.

Bevor dann die erste kritische Frage von Wannenmacher an Cortesi kommt, treten noch drei junge Männer auf, die an der Langstrasse eigenhändig ein Backpacker-Hotel einrichten, obwohl einer gar kein Handwerker ist und sein Chef mit seinem Startkapital von 200'000 Franken eigentlich lieber zehn Jahre reisen wollte.

Gekaufte Polizisten?

Dann besinnt sich Wannenmacher auf ihre investigative Zeit bei «10vor10» und fragt Cortesi, ob das Gerücht stimme, dass die Polizei mit dem Milieu unter einer Decke stecke. Dieser verneint, gibt auf ihr Nachhaken aber zu, dass es «bei der Polizei auch schwarze Schafe» habe. Von diesen müsse man sich dann eben trennen.

Dann wird Andi Stutz an der Bahnhofstrasse hungrig vom Anschauen der schönen Sachen (er bewunderte ein 25-Farben-Ätzdruck-Tuch), Hausabwart Furer flickt das Trottinett eines dunklen Mädchens (es sagt brav Danke) und Backpacker-Wirt Lukas Hofstetter nervt sich darüber, dass er erst in einem Monat eine Bewilligung für sein Hotel bekommt (deswegen hat er nicht gut geschlafen).

Wannenmacher wirds mulmig

Dann schalten die Polizisten plötzlich Sirene und Blaulicht ein, die Musik ist dramatisch und Wannenmacher wird es «mulmig», wie sie sagt. Denn der Smartfahrer mit den K.O.-Tropfen, der ist von Beruf Lastwagenfahrer und Sarah hat mit einem Telefonat rausgefunden, dass er wieder arbeitet, obwohl sein Führerausweis doch eingezogen wurde.

Also rasen sie los, erwischen ihn in flagranti, der arme Tropf weint fast, will sich an nichts erinnern und sein Chef will ihn suspendieren. Wannenmacher macht grosse Augen, «allen scheinen die Schilderungen des Mannes unter die Haut zu gehen», sagt die Off-Stimme. Und Sarah gibt später zu, ja, sie studiere manchmal schon darüber nach, was die Leute so anstellen. «Aber dann muss man wieder in den Vordergrund stellen, dass sie selber Schuld sind», sagt sie und tritt ab. Der erste Dok über die Langstrasse ist geschafft.

Fazit: SF hat im Vorfeld grosse Erwartungen geschürt von «einmaligen Geschichten», die man aus dem Kreis 4 erzählen wolle. Mit einem unglücklichen Freier geht der Dok zwar in diese Richtung, doch am Ende fehlen Tiefe und Relevanz. Statt eine Weisheit des Seidenkönigs zu hören hätte man lieber gewusst, mit welchen Problemen die Kinder im Primarschulhaus tatsächlich kämpfen, wieso die Jungunternehmer ihre Bewilligung nicht erhalten, wie die Polizei mit gewalttätigen Nachtschwärmern umspringt und wie die Gentrifizierung das Quartier verändert. Oder man hätte zumindest eine der schrägen Figuren kennengelernt, die einem tagtäglich begegnen, wenn man der Langstrasse entlanggeht.

Immerhin versuchen es die Dok-Filmer in der nächsten Folge mit echtem Sex. Am nächsten Freitag steht der Besuch bei Jenny an, einer Prostituierten, die einiges zu erzählen hat. Schliesslich ist sie seit 34 Jahren im Gewerbe. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.08.2011, 14:19 Uhr

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12 Kommentare

Hanspeter Schmid

27.08.2011, 08:47 Uhr
Melden 212 Empfehlung

Was glaubt der Verfasser dieses Artikels wohl, wieviele Leser wissen auf Anhieb was der Ausdruck "Gentrifizierung" bedeutet. Für wen schreibt Herr Eppenberger? Antworten


rudolf thoma

27.08.2011, 10:40 Uhr
Melden 148 Empfehlung

Wie sich die Sendungen doch immer wieder wiederholen...vor ein paar Jahren Jana Caniga und jetzt die Eva...
immer dasselbe einfach andere Moderatoren. Es lohnt sich effektiv nicht SFDRS zu schauen, ein langweiliger öder und einfallsloser Sender...
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