«Die Küsnachter Schüler sind keine Ausnahmetäter»
Von Thomas Knellwolf. Aktualisiert am 10.07.2009 65 Kommentare
«Wieso wartet man trotz Urteilen so lange, bis man griffigere Instrumente anwendet?»: Renato Rossi, Arxhof-Chef. (Bild: Keystone)
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Viele junge Täter werden rückfällig
Zwei Drittel der jungen Gewalttäter, die in einem Massnahmezentrum eine Ausbildung und eine Therapie abschliessen, lassen sich in den Jahren nach Strafverbüssung nichts mehr zuschulden kommen. Massnahmen ersetzen bei bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 25 Jahren oft Haftstrafen. Anders formuliert: jeder Dritte junge Gewalttäter wird trotz Abschluss einer solchen Massnahme rückfällig. Die Hälfte davon begeht ein Verbrechen, das zu einer Freiheitsstrafe von mehr als drei Jahren führen kann. Dies geht aus einer Erhebung zu 443 jungen Männern hervor, die zwischen 1994 und 2003 in den früheren Arbeitserziehungsanstalten und heutigen Massnahmenzentren Arxhof BL und Uitikon ZH eingewiesen wurden.
Laut den Arxhof-Verantwortlichen zeigt ihre gestern präsentierte Studie trotzdem, dass die Massnahmen erfolgreich sind. Das Risiko erneuter Straffälligkeit liegt bei jungen Männer, die ihre Massnahme abbrechen, fast doppelt so hoch wie bei Nichtabbrechern. Von den Abbrechern wurden über die Hälfte bald wieder wegen Verbrechen verurteilt. Als «erfreulich» bezeichnen die Studienautoren das Resultat, dass von den regulär ausgetretenen Männern «nur 33 Prozent» mit einem «beliebigen Verbrechen wie zum Beispiel einem Gewaltverbrechen, einem Verbrechen gegen das Betäubungsmittelgesetz, Bestechung oder Diebstahl» rückfällig wurden. Wegen Gewaltdelikten werden 6,2 Prozent der Nichtabbrecher und 24,9 Prozent der Abbrecher verurteilt. (tok)
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Drei Küsnachter Schüler, die in München Menschen verprügelten, sind vorbestraft. Hätte man die Gefahr früher erkennen können?
Das ist schwierig zu sagen, ohne Details zu kennen. Ich habe ab und zu den Eindruck, dass Jugendanwaltschaften blauäugig, nett und nachsichtig sind.
Wie kommen Sie darauf?
Bei langen Fallgeschichten zeigt sich oft, dass die Gefährlichkeit von Jugendlichen unterschätzt wird. Wieso wartet man trotz Urteilen so lange, bis man griffigere Instrumente anwendet? Den Tätern von München ging es um die Lust an der Gewalt. Das deutet auf schwere Störungen der Persönlichkeiten hin, auf die man hätte reagieren müssen.
Den Küsnachter Schülern drohen Haftstrafen bis zu zehn Jahren. Ist das richtig?
Ich verstehe, dass die Bevölkerung Sühne verlangt. Aus Sicht der Opfer ist eine angemessene Strafe unerlässlich. Wichtiger ist aber die Frage, ob die Gesellschaft sicherer wird. Zehn Jahre hinter Gitter machen niemanden besser – schon gar nicht junge Täter. Die Rückfallquoten nach deutschen Jugendgefängnissen betragen 80 Prozent. Die Straftaten nach der Haft werden in der Regel schwerer und nicht leichter. Bei uns ist es umgekehrt.
Wer so redet, setzt sich dem Vorwurf der Kuscheljustiz aus.
Wer den Alltag auf dem Arxhof erlebt hat, weiss, dass wir eher das Gegenteil leben. Die Abläufe sind durchstrukturiert. Die Täter setzen sich mit der Tat auseinander. Nachhaltig.
Das Schlägertrio wären also richtig hier?
Ja, aber wir nehmen erst 17-Jährige. In der Schweiz kämen sie als 16-Jährige ins Jugendheim mit geschlossener Abteilung. Abgesehen vom Alter würden sie gut hierher passen. Diese Küsnachter Schüler sind keine Ausnahmetäter.
Obwohl sie wahllos drauflos prügelten?
Solche Täter gibt es in der Schweiz einige. Sie haben keine oder nur eine sehr unterentwickelte Instanz, die Gewissen heisst. Mit ihnen gälte es zuerst, die Empathiefähigkeit zu entwickeln.
Und wie soll das klappen?
Gemäss Medienberichten handelt es sich bei den Dreien nicht um Psychopathen. Obs im Einzelfall klappt, lässt sich aus der Distanz nicht beurteilen. Bei unserer schweren Klientel haben wir aber nur wenig gewalttätige Rückfälle.
Zu den Rückfällen gehört Daniel H., der im Frühjahr das Aupair Lucie ermordete.
In seinem Fall konnten wir frühkindliche Störungen und Traumata nicht korrigieren. Daniel H. ist eine Hochrisikoperson, bei der man in der Bewährung einiges noch hätte besser machen können. Vor seiner Tat fingen wir an, unser Risikomanagement zu verbessern. Wir versuchen auch noch mehr, das soziale Netz unserer Abgänger zu stärken.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.07.2009, 09:48 Uhr
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65 Kommentare
Vergessen wir nicht: Daniel H., der Killer von Lucie wurde auch im Arxhof therapiert. Es ist einfach unbegreiflich, dass diese hohen Risiken immer die Bevölkerung tragen muss. Wie viele Tote Lucies braucht es noch, bis ein Umdenken stattfindet und Straftäter nicht mehr so schnell freikommen? Antworten
