Baustopp wegen eisiger Kälte
Von Elio Stamm
Horgen – Die Tiefgarage ist schon gut zu erkennen. Die Wände sind gezogen. Holzbalken deuten an, wo die Decke zu liegen kommt. Der Bauarbeiter aber, der dick eingepackt neben einem der Stützpfeiler steht, bereitet nicht die Betonierung der Decke vor. Er kratzt Eis von einem Brett am Boden.
Seit gestern Morgen ruhen die wichtigsten Arbeiten auf der Grossbaustelle auf dem Areal der ehemaligen Maschinenfabrik Stäubli an der Horgner Seestrasse. Es wird weder betoniert noch gemauert, obwohl genau dies bei den drei grössten der fünf geplanten Baukörper momentan angesagt wäre. 131 Wohn- und Gewerbeeinheiten lässt die Bauherrin, die Stäubli AG, hier erstellen. Der Zeitplan ist eng, im Mai 2013 sollen alle bezugsbereit sein.
Beheizte Leitungen
«Es ist schlicht zu kalt zum Arbeiten», sagt Bauleiter Patrick Rutishauser, der für den Generalunternehmer Allreal die Arbeiten vor Ort koordiniert. Beton- und Mauerarbeiten benötigen Wasser. Alle Arbeiten, die Wasser bedürften, könne man bei der aktuellen Kältewelle vergessen. Zwar seien die Leitungen, in denen das Wasser über die 450 Meter lange Baustelle transportiert wird, isoliert und teils sogar beheizt. Spätestens im Mörtel oder Zement aber würde das Wasser bei längeren Minustemperaturen gefrieren. Der Beton oder die Mauer, die so entstünden, wären instabil.
Lösen liesse sich dieses Problem einzig durch ein Zusatzmittel, mit dem auch bei unter null betoniert werden kann. «Dies sorgt aber für eine leichte Verfärbung», sagt Rutishauser. Für die Stäubli-Baustelle ist es deshalb keine Option, weil der Beton bei den fertigen Gebäuden noch sichtbar sein wird. Als weiteres Problem kommt die Rutschgefahr hinzu. Wo Wasser ist, ist auch Eis. Auf den Gerüsten und auf Armierungseisen erhöht dies das sowieso vorhandene Unfallrisiko auf einer Baustelle noch einmal gewaltig. Gleiches gilt für den Schnee, der die Sicht blockiert auf das, was sich unter ihm befindet und gefährlich sein könnte.
Trotz Betonier- und Mauerstopp wuseln am Donnerstag 35 Arbeiter zwischen den sieben Kränen umher. Es ist bitterkalt, aber sie scheinen nicht zu frieren. Laut Polier Beat Kälin aus Einsiedeln ist alles eine Sache der Kleidung. Während die einen auf dicke Jacken setzen, ziehe er sich möglichst viele dünne Schichten über. «So kann ich mich immer noch gut bewegen und je nach Bedarf Schichten abziehen oder neue anlegen.»
Isoliermatten für Wände
Kälin und seine Kollegen entsprechen rund zwei Dritteln des normalen Personalbestands in der aktuellen Bauphase. «Heute ist ein Übergangstag», sagt Bauleiter Patrick Rutishauser. Bis Mittwoch wurde noch betoniert und gemauert. Diese neuen Wände und Decken werden mit Isoliermatten für bis zu 48 Stunden vor der Kälte geschützt, bis der Beton seine absolute Festigkeit erreicht hat.
Arbeiter bleiben zu Hause
Daneben laufen bereits Vorbereitungsarbeiten für die Zeit nach der Kälteperiode. Im sogenannten Medienschacht, «dem Gehirn der Überbauung», wo alle Leitungen und Kabel der fünf Bauten zusammenlaufen werden, sprayt ein Bauarbeiter grüne Farbe auf die Stellen, an denen später Armierungseisen eingesetzt werden. Auf der Käpfnach zugewandten Baustellenseite, wo die Arbeiten weniger weit fortgeschritten sind, hebt zudem ein kleiner Bagger eine Mulde aus. Mühelos pflügt sich seine Schaufel durch die Erde, die bis zu 30 Zentimeter tief gefroren ist. Bald sind aber auch diese Arbeiten erledigt. Anfang kommender Woche wird ein Grossteil der Arbeiter zu Hause bleiben und auf wärmeres Wetter warten. Arbeitsrechtlich ist das wegen des Gesamtarbeitsvertrages, der eine Gesamtjahresarbeitszeit mit gleitenden Tagespensen ermöglicht, kein Problem. Die verlorene Zeit werden die Arbeiter dann nachholen, wenn es besonders viel zu tun gibt.
Momentan sei man mit den Arbeiten aber sogar leicht im Vorsprung, sagt Rutishauser. Dennoch könne man sich keine grossen Pausen erlauben. Im Gegensatz zu früher, als noch seltener im Winter gebaut wurde, gelte heute für die Baubranche dasselbe wie für die Gesellschaft allgemein: «Der Termindruck ist allgegenwärtig.»
Auf der Baustelle wachsen bereits Eiszapfen. Foto: Sabine Rock
Erstellt: 07.02.2012, 06:29 Uhr
