Mehrere Aufstellungsvarianten sind denkbar
Kein Einsatz gegen Spanien: Alex Frei (sitzend) und Valon Behrami können am ersten WM-Spiel der Schweizer in Südafrika nicht teilnehmen. (Bild: Keystone )
Wenig Tore und kaum Spektakel
Die Schweiz ist an WM- und EM-Startspielen solid, aber selten erfolgreich.Der letzte Sieg gelang 1954 an der Heim-WM.
1:1, 1:1, 0:0, 0:0, 0:1: Das sind keine Resultate aus internen Trainingsspielchen der Italiener – es sind die letzten fünf Startspiele der Schweizer an Welt- und Europameisterschaften seit 1994. Einzig an der Heim-Euro vor zwei Jahren gegen Tschechien also verlor die Schweiz ihren ersten Auftritt, aber zu einem Sieg hatte es zuvor auch gegen die USA, England, Kroatien und Frankreich nicht gereicht. In diesen fünf Partien erzielten die Schweizer bloss zwei Tore, einen herrlichen Freistoss durch Georges Bregy an der WM 1994 gegen die USA sowie einen Elfmeter von Kubilay Türkyilmaz an der EM 1996 gegen England. In beiden Partien holte die Schweiz ein 1:1 gegen den Gastgeber. Aus dem Spiel heraus aber haben die Schweizer seit Jahrzehnten in keinem Startspiel mehr getroffen. Und letztmals siegten die Schweizer in der ersten Begegnung an der WM 1954 im eigenen Land (2:1 gegen Italien).
Gegen Spanien kaum 0:0
In Eröffnungsspielen agieren Mannschaften ja häufig abwartend, es gilt Rhythmus und Sicherheit zu finden. Und deshalb enden überdurchschnittlich viele Startspiele unentschieden, zudem sind Torfestivals selten. «Ein guter Start ins Turnier ist wichtig. Und im Zweifelsfall ist ein 0:0 ein guter Start. Dann ist noch alles möglich», sagte der Schweizer Nationaltrainer Köbi Kuhn vor der EM 2004 in Portugal. Es gab dann tatsächlich ein Null-zu-null gegen Kroatien in einer furchtbar langweiligen Partie bei hohen Temperaturen. Damit waren beide Mannschaften noch gut im Rennen, aber die weiteren Gegner Frankreich und England dann viel zu stark für die enttäuschenden Schweizer.
In diesem Jahr, an der WM 2010, ist die Konstellation ähnlich wie an der Weltmeisterschaft vor vier Jahren. Auch damals traf die Schweiz im ersten Gruppenspiel auf den deutlich stärksten Kontrahenten in der Vorrunde. Gegen den späteren Finalisten Frankreich resultierte ein 0:0, und mit 2:0-Siegen gegen das schwächer eingestufte Togo sowie Südkorea realisierte die Schweiz den Sprung in den Achtelfinal. Ein 0:0 gegen Europameister Spanien wäre morgen unbestritten ein fantastisches Resultat, aber auch Coach Ottmar Hitzfeld hat erkannt: «Gegen Spanien schafft man es fast nicht, zu null zu spielen.»
Zwei Tage vor dem WM-Start verblüffte der Schweizer Coach mit neuen taktischen Überlegungen. Möglich, dass Hitzfeld am Mittwoch gegen die spielstarken Spanier das Mittelfeld verstärkt und einem Reservisten wie Pirmin Schwegler das Vertrauen schenkt.
Vier Tage hatte es gedauert, bis Ottmar Hitzfeld in Vanderbijlpark doch noch den Weg vor die Mikrofone fand. Gestern Mittag, Stunden vor dem Abflug nach Durban, war es so weit. Doch der 61-jährige Lörracher wartete zunächst mit wenig erfreulichen Nachrichten auf. «Alex Frei und Valon Behrami werden gegen Spanien nicht spielen», sagte Hitzfeld mit ziemlich grimmigem Gesichtsausdruck.
Damit ist definitiv klar, dass die taktischen Pläne des Coachs über den Haufen geworfen worden sind. Der Bluterguss im Knöchel Freis sowie die Muskelverletzung Behramis lassen keine Einsätze auf diesem Niveau zu. Fitspritzen ist im Falle des Captains aus medizinischen Gründen nicht möglich, und beim Tessiner will Hitzfeld nichts riskieren. «Im schlimmsten Fall fängt er sich einen Muskelfaserriss ein, dann ist die WM gelaufen», denkt Hitzfeld. Bei beiden Leistungsträgern heisst das nächste Ziel nun, im zweiten Gruppenspiel gegen Chile am Montag fit und bereit zu sein. «Ab Donnerstag wird Alex wahrscheinlich voll belasten und mit der Mannschaft trainieren können», kündigt der Chef an.
Barnetta nach rechts
Als erste Anwärter auf die zwei freien Plätze im rechten Mittelfeld und als hängende Spitze galten bis gestern um 12.40 Uhr Tranquillo Barnetta und Eren Derdiyok. Während sich der Einsatz Barnettas nach den Trainingseindrücken verfestigt hat, zieht Hitzfeld bei der Besetzung der offensiven Zentrale alle Register seines Könnens. Er beginnt zu tricksen – und legt jede Menge falsche Spuren. Den Namen Derdiyok will er nicht gestrichen haben, aber in der Verlosung sind neu auch Pirmin Schwegler, Xherdan Shaqiri, Marco Padalino und sogar Hakan Yakin.
Bemerkenswert sind dazu einige Aussagen von Hitzfeld. Nominiert er Derdiyok oder Yakin, den er zuvor wochenlang als «idealen Joker» bezeichnete, setzt er auf die offensivere Variante. Dafür spräche laut dem Trainer die Tatsache, «dass wir zwei Tore schiessen müssen. Die Spanier sind enorm stark im Angriff. » Legt man Hitzfelds Sätze kritisch aus, könnte man demnach die Frage in den Raum stellen: Traut er seiner eigenen Abwehr nicht?
Auf das Gefühl achten
Wahrscheinlicher ist, dass Hitzfeld gegen den Europameister die Variante «safety first» wählt: ein 4-2-3-1-System mit Nkufo als einziger Spitze. Dafür bräuchte es einen zusätzlichen Abräumer im zentralen Mittelfeld vor oder hinter dem Duo Inler/Huggel. «Das könnte Pirmin Schwegler sein», wiegelt der Coach ab. Schwegler? In keinem Spiel testeten die Schweizer bislang diese Variante mit dem talentierten Frankfurt-Profi. Dass Hitzfeld gar FCB-Youngster Xherdan Shaqiri (18) oder Marco Padalino nominiert, scheint sehr unwahrscheinlich – ausschliessen mochte er es nicht.
Also alles nur Bluff? Spätestens am Mittwochmorgen will Hitzfeld «auf mein Gefühl» achten und dann den Entscheid fällen. «In einem Spiel ist Spanien schlagbar», sagt er entschlossen, «wenn jeder von uns an seine Grenzen geht.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 15.06.2010, 08:15 Uhr




