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«Neuste Technik hätte Fukushima verhindert»

Von Matthias Meili. Aktualisiert am 07.04.2011 30 Kommentare

ETH-Forscher Horst-Michael Prasser sagt, mit modernen Systemen wäre es beim japanischen AKW nicht zur Katastrophe gekommen.

«Die Explosionen haben mich von der Piste geschossen», sagt Horst Prasser: Zerstörter Block 4 im AKW Fukushima.

«Die Explosionen haben mich von der Piste geschossen», sagt Horst Prasser: Zerstörter Block 4 im AKW Fukushima.
Bild: Reuters

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Herr Prasser, die Bilder der zerstörten Reaktorblöcke von Fukushima sind wohl das Schlimmste, was Sie seit Tschernobyl gesehen haben?
Der Anblick der Ruinen hat mich sehr mitgenommen. Die Ereignisse waren für mich eine emotionale Achterbahnfahrt. Am Sonntag und am Montag nach dem Tsunami sass ich da und dachte: Um Gottes willen. Die Explosionen haben mich wirklich von der Piste geschossen. Hoffnungsschimmer und Rückschläge folgten dann dicht aufeinander. Nach und nach begann die Hoffnung zu überwiegen.

Ab wann schöpften Sie Hoffnung?
Am Mittwoch nach dem Störfall, als die Meldung kam, dass die Einsatzkräfte die Reaktorbehälter mit Meerwasser kühlten und Wasserwerfer herangeführt wurden. Daraus konnte ich die positive Nachricht herauslesen, dass wieder Infrastruktur verfügbar war.

In den Medien folgte weiter eine schlechte Nachricht der anderen. Haben Sie als Nuklearingenieur und Befürworter der Atomkraft nicht die Tendenz, die Dinge zu optimistisch einzuschätzen?
Ich versuchte realistisch zu sein, nicht optimistisch. Es sieht jetzt aus wie ein totaler GAU auf Raten. Aber die Tatsache, dass nach dem Erdbeben noch einige Stunden Restwärme abgeführt werden konnte, hat den Operateuren Zeit für weitere Notmassnahmen gebracht. Dadurch ergab sich ein langsamer fortschreitender Kernschmelzprozess, in dem die geschmolzenen Brennstäbe durch die fortgesetzte Kühlung wahrscheinlich wieder erstarren konnten. Wenn der Reaktor wie in Tschernobyl hätte explodieren können, hätten keine Notfallkräfte der Welt die grossen Freisetzungen am Anfang begrenzen können.

Trotzdem tritt immer noch Radioaktivität aus.
Es zeichnet sich ab, dass die Auswirkungen nun zunehmend lokaler werden. Ein Teil der früher zurückgehaltenen Radioaktivität tritt mit den Leckagen aus, die derzeit ins Meer laufen. Die grossen atmosphärischen Freisetzungen wurden aber weitgehend eingedämmt. Wenn jetzt noch ein weiteres schweres Erdbeben passiert und die vorgeschädigte Anlage noch einmal trifft, könnte das Ganze trotzdem noch einmal schlimmer kommen.

Es ist also nicht das Schlimmste passiert in Fukushima?
Ich wurde immer wieder gefragt, was das Schlimmste sein könnte. Wenn die Bevölkerung rechtzeitig evakuiert wird, und das hat man in Japan getan, können weite Gebiete unbewohnbar werden und grosse Mengen an Lebensmitteln aus dem Verkehr zu ziehen sein. Das wird nun wahrscheinlich auch der Fall sein, jedoch lange nicht in dem Umfang wie nach Tschernobyl. Leider wird man solche Massnahmen noch lange aufrechterhalten müssen, um Spätfolgen der Strahlung einzudämmen.

Was ist in Fukushima denn wirklich kaputtgegangen?
In Japan geht man davon aus, dass in einem der Reaktoren Teile des Brennstoffs geschmolzen sind. Es gibt geteilte Meinungen darüber, ob die Reaktorbehälter noch intakt sind. Jedenfalls wird ein grosser Teil der Schmelze in der Anlage zurückgehalten, denn höchstwahrscheinlich ist sie wieder erstarrt. Ein Teil der radioaktiven Stoffe, die zu Beginn des Störfalls glücklicherweise noch in den torusförmigen Kondensationskammern zurückgehalten wurden, gelangte offensichtlich mittlerweile in andere Bereiche der Anlage und teilweise ins Meer. Heutige Grenzwertüberschreitungen werden noch immer vom Jod-131 dominiert, das innert 80 Tagen auf ein Tausendstel seiner Aktivität abklingt. Zurzeit nehmen die Dosiswerte deshalb kontinuierlich ab. Übrig bleibt das weniger stark strahlende, aber dafür langlebige Cäsium-137. Für eine Bilanz der realen Verstrahlungen ist es also zu früh.

Für die Einsatzkräfte ist die Lage immer noch hochdramatisch.
Vor Ort ist die Situation allerdings komplizierter geworden. Eben auch deshalb, weil die Einsatzkräfte nun immer weiter in die Anlage vordringen müssen, um weitere Fortschritte zu erzielen. Sie werden wahrscheinlich noch weitere gefährliche Überraschungen erleben. Jedoch besteht nach wie vor die reale Hoffnung, den Störfall ohne schwere akute Strahlenerkrankungen bei den Einsatzkräften und der Bevölkerung zu überstehen. Die Einsatzkräfte werden nicht bewusst verheizt, ganz im Gegensatz zu Tschernobyl.

Die Nuklearbranche hat jahrelang eine hohe Sicherheitskulturgepredigt, jetzt ist es zu einem schwerwiegenden Störfall gekommen. Wurden die Risiken eines solchen Ereignisses unterschätzt?
Wenn in Fukushima der neueste Stand der Technik zum Einsatz gekommen wäre, hätte es diese Katastrophe nicht gegeben. Viele werden diese Ansicht nicht teilen, aber ich bin bereit, die Einzelheiten zur Diskussion zu stellen. Kurz einige Punkte: Einige neue Typen haben Notstromaggregate, die genauso gut gebunkert sind wie das Containment. Andere haben passive Sicherheitssysteme, die ohne Strom funktionieren, und zwar für alles, was in Fukushima Probleme bereitet hat: Druckentlastung des Reaktors, Notbespeisung des Reaktors, Langzeitkühlung des Containments. Ausserdem haben alle neuen Typen einen Core Catcher, der im schlimmsten Fall den geschmolzenen Kern auffängt und eine grosse Freisetzung von radioaktiven Stoffen dadurch verhindert.

Hat die Bevölkerung nicht einen berechtigten Anspruch auf Nullrisiko, gerade weil die Risiken bei einem Unfall wie in Fukushima so hoch sind?
Ich verstehe den Wunsch nach Nullrisiko. Leider gibt es das in keinem Bereich des Lebens. Bleiben wir nüchtern: Vor zwei Wochen wurde ich gefragt, was mit den Menschen in Tokio geschieht. Ich hatte geantwortet, dass, wenn die gerade anlaufenden, improvisierten Kühlmassnahmen greifen, das Schlimmste vermieden werden kann. Das hat sich bewahrheitet, denn es zeichnet sich ab, dass die anfänglich grossen Freisetzungen in die Atmosphäre eingedämmt werden konnten. Ich schätze die Lage so ein, dass heute grosse Ballungszentren, wie Tokio, nicht mehr akut gefährdet sind.

Japan sitzt bekanntermassen auf einer seismisch heiklen Zone. Hätte man da nicht auf Atomkraftwerke verzichten sollen?
Ich sehe keine grundsätzlichen technischen Probleme darin, ein Kernkraftwerk gegen schwere Erdbeben und auch gegen extreme Überflutung zu schützen, wenn man die maximalen Lasten und die Fluthöhen kennt. Obwohl kein Erdbebenexperte, habe ich meine Zweifel, ob in Japan reale Tsunamis der Vergangenheit hier richtig ausgewertet wurden.

Hat die Katastrophe Ihre Einstellung zur Atomenergie geändert?
Ich bin vorsichtiger geworden in meiner Einschätzung. Bisher ist aber jeder Störfall gründlich ausgewertet worden und hat zu Veränderungen in der Technik und der Sicherheitskultur geführt, und das wird auch hier so sein.

Zeigt der Fall Fukushima nicht, dass die Menschheit selbst nach 50 Jahren Forschung die Urgewalt der Kernspaltung nicht im Griff hat?
In einer Sache hat sich mein Weltbild nicht verändert. Wir haben in Fukushima noch keinen physikalisch grundlegenden Prozess gesehen, der nicht in den letzten Jahrzehnten wirklich gründlich erforscht worden wäre. Gerade in meinem Labor am PSI gibt es Versuchsanlagen und Computermodelle zur Wasserstoffproblematik, zum Transport von Aerosolen, zur Rückhaltung von Jod und selbst zum Ablauf einer Kernschmelze. Das gleiche Wissen bildet die Basis neuer Kernkraftwerkstypen, die es heute gibt. Anwenden muss man es. Entweder man macht die Anlage stark genug, oder man lässt den Tsunami nicht an sie heran. Am besten beides. Eins von beidem hätte genügt, und man wäre in Fukushima nicht in die Bredouille gekommen.

Ihr Lehrstuhl wird von Swissnuclear gesponsert, der Fachgruppe der Schweizer Elektrizitätswerke für Kernenergie. Sind Sie dadurch nicht voreingenommen?
Ich habe ausgehend von meinen Erfahrungen mit dieser Technik schon vor Antritt der Professur mit keiner Sekunde verhehlt, dass ich die Kernenergie für gut halte. Wie wollen Sie sonst das Fach jungen Leuten vermitteln? Und akademischer Nachwuchs wird dringend gebraucht. Ich wurde auch nicht von der Industrie gewählt, sondern von einer akademischen Berufungskommission, in der ein einziger Vertreter der Industrie sass. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.04.2011, 21:16 Uhr

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30 Kommentare

Christian Grogg

07.04.2011, 08:56 Uhr
Melden 6 Empfehlung

Vielen Dank für diesen Artikel!
Im Zusammenhang mit Fukushima eine der ersten objektiven und sachlichen Analyse der Situation von einem echten Experten.
Nun zeigt sich, was ich schon lange Sage: Unsere AKWs lassen sich nicht mit FK vergleichen denn sie werden stets erneuert und dem Stand der Technik angepasst.
Antworten


Ueli Brunner

07.04.2011, 07:08 Uhr
Melden 6 Empfehlung

Ja sicher, mit modernen Anlagen wäre eine solche Katastrophe undenkbar! Wer jetzt nach dem dritten schweren Unglück immer noch nicht kapiert hat, dass unbeherschbare Technik in den Händen kommerzieller Unternehmen zwangsläufig zu Katastrophen führt, dem ist wohl nicht mehr zu helfen. Antworten



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