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Die Häuser, die vom Himmel fallen

Ein Schweizer Architekt hat ein Haus entworfen, das über Katastrophengebieten abgeworfen werden kann. Nun gelangt er mit der Idee an UNO-Präsident Deiss.

Doppelte Hilfe: Aus dem Fallschirm wird erst ein Dach, dann ein Regenwassersammler. (PD)

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Die Flutopfer in Pakistan könnten von seiner Erfindung profitieren, ist Hansruedi Bolliger überzeugt. Der pensionierte Schweizer Architekt hat eine Notunterkunft entworfen, die per Fallschirm in sonst unzugängliche Gebiete gebracht werden könnte. Weite Teile Pakistans stehen noch unter Wasser, Strassen und Brücken sind weggespült. Gemäss Schätzungen der UNO verloren 5 Millionen Menschen ihre Häuser.

Bolliger nennt seine Erfindung «Lebensretterhaus». Das Prinzip ist einfach: Das ganze Haus hat Platz in einem 3 Meter langen und 1,2 Meter breiten Rohr. Eine Küche mit Holzherd und eine mit Sonnenenergie betriebene Platte sind darin verstaut, zudem eine Toilette und ein Wassertank. Der Fallschirm wird nach der Landung in ein Zelt-, später in ein Hausdach und einen Regenwassersammler umfunktioniert.

Schwere Hilfe von oben

Alles zusammen wiegt stattliche 150 Kilo. Ist das nicht gefährlich, wenn plötzlich diese schweren Metallrohre vom Himmel fallen? Man müsse die Leute schon informieren, bevor man die Lebensretterhäuser abwerfe, sagt Bolliger.

Seine Idee existiert indes erst auf dem Papier. «Mir dreht es bei jeder Katastrophe den Magen um, weil das Lebensretterhaus nicht zum Einsatz kommt», sagt Bolliger, während er in seinem Haus in Thun die Pläne ausbreitet. Bisher hat das Geld gefehlt, um einen Prototyp herzustellen. Auf 60'000 bis 100'000 Franken schätzt er die Kosten für Bau und Probeabwurf aus einem Helikopter – eine Summe, die er nicht aufwerfen kann.

«Der Test klappte einwandfrei»

Deshalb hofft er, dass ein Hilfswerk oder eine internationale Organisation sein Projekt unterstützt. «Wenn die UNO zahlen würde, hätte das Lebensretterhaus eine echte Chance», ist der Architekt überzeugt. Von 1968 bis 1988 führte er in Meilen am Zürichsee ein Büro; 1978 brachte er seine Idee erstmals zu Papier. Und als er die Kirche von Meilen renovierte, nutzte er die Gelegenheit und liess ein Modell seines Lebensretterhauses im Massstab 1:10 vom Kirchturm segeln. «Der Test klappte einwandfrei.»

Trotzdem erhielt Bolliger keine Unterstützung. So bat er Prominente um Hilfe, schrieb den Bundesräten und reiste zu Jimmy Carter in die USA. Alle waren «begeistert», mehr aber nicht. Zuletzt erhielt er aufmunternde Schreiben aus den Departementen von Micheline Calmy-Rey und Doris Leuthard.

Das Rote Kreuz winkte ab

Beim Roten Kreuz und dem Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe (SKH) will es Bolliger nicht mehr versuchen. Die hätten schon vor Jahren abgewinkt. Vom «Tages-Anzeiger» darauf angesprochen, konnte sich SKH-Chef Toni Frisch nicht mehr ans Lebensretterhaus erinnern. In den letzten Jahrzehnten seien Hunderte Entwürfe für temporäre Unterkünfte eingegangen, liess er durch seinen Sprecher ausrichten. Obwohl solche Initiativen zu begrüssen seien, kämen die Projekte oft nicht zur Anwendung, weil sie nicht praktikabel oder zu teuer seien.

Bolliger hat jedoch nie aufgegeben. Vor allem weil die Unesco und die Internationale Union der Architekten 1987 seine Erfindung ausgezeichnet hatten. Längst ist das Lebensretterhaus zu Bolligers Lebenstraum geworden. Zwar freut er sich, dass ein junges Paar, eine Architektin und ein Bauführer, sein Projekt fortführen möchte. Lieber aber sähe der 76-Jährige seine Häuser selber noch fliegen. «Wie Schneeflocken kämen sie zu den Flutopfern in Pakistan.»

Deiss verspricht eine Antwort

Alle seine Hoffnungen ruhen nun auf Joseph Deiss, dem früheren Bundesrat und angehenden Präsidenten der UNO-Generalversammlung. Via Internet und mit Sammelbögen trägt Bolliger Unterschriften zusammen für eine Petition, die den Präsidenten bittet, den Bau eines Prototypen und eine Testserie zu finanzieren (www.lebensretterhaus.ch). Aus Meilemer Tagen bekannte Handwerker, ein Schlosser und ein Sanitär, haben für Bolliger einen Kostenvoranschlag für das Metallrohr mit Koch- und Wasserstelle vorgelegt. Die Sache «sei machbar» sagt der eine, aber wohl etwas teuer. Bolliger kümmert das nicht. «Wir müssen nur genug Lebensretterhäuser produzieren, dann wird es schon billiger.»

Petition, Pläne und Kostenvoranschlag will er am 10. September Joseph Deiss zukommen lassen. Vier Tage später beginnt die UNO-Generalversammlung. Als deren Präsident kann Deiss eigentlich nur Bittgesuche von Mitgliedsstaaten entgegennehmen. Ausserdem hat die Generalversammlung weder Exekutivgewalt, noch kann sie Projekte realisieren. Allenfalls liesse sich Bolligers Projekt von einer spezialisierten UNO-Unterorganisationen verwirklichen, hiess es in New York. Kurz vor seiner Abreise an den UNO-Hauptsitz bestätigte Deiss am Telefon, dass er von Bolligers Ansinnen gehört habe. «Wir müssen das Projekt zuerst anschauen. Aber dann werden wir ihm antworten.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2010, 16:24 Uhr

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13 Kommentare

Gene Amdahl

06.09.2010, 11:05 Uhr
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@Beni Reinhardt - absolut korrekt! Antworten


Matthias Kamber

05.09.2010, 12:26 Uhr
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Herr Bolliger ist ein praktizierender Idealist, im besten Sinne. Er ist kein Schwätzer, sondern ein Macher, ein engagierter obendrein. Ich bewundere die Zähheit, mit welcher er seiner inneren Verpflichtung folgt und sich nicht einfach abwimmeln lässt. Vielleicht war die Welt bisher einfach noch nicht reif, das Gute von oben zu empfangen? Oder ist seine Erfindung manchen einfach zu gut? Antworten


Peter Weierstrass

05.09.2010, 03:19 Uhr
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Ich sehe gerade nicht ein, was ein "Haus" bringt, das keine Seitenwände hat. Der Abwurf von einem Flugzeug aus ist ausserdem ziemlich teuer, weshalb man nur dringendste Hilfsgüter so transportiert. Wenn schon, warum nicht gewöhnliche Zelte abwerfen? Man kann eben nicht alle Probleme mit unserer tollen, westlichen Technik lösen. Antworten


Rudolf Stransky

04.09.2010, 23:35 Uhr
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Ich würde dieses "Lebensretterhaus", so wie es hier skizziert ist, nicht verkaufen wollen, Es müsste noch allerlei daran vereinfacht oder geändert werden um es von "wishful thinking" zu "praktisch wertvoll und realisierbar" zu bringen. Wieso 150 kilo schwer ? Wassertank und Klo aus PVC wiegen nicht viel, eine einfache Feuerstelle, der Solarofen aus Aluminium, Zeltstangen aus Bambus ebenso. Antworten


Rudolf Baumann

04.09.2010, 21:58 Uhr
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Sorry, aber ich halte nicht viel davon. Bis zu 100'000 Franken soll das Lebensretterhaus kosten. Mit 100'000 Franken ist man in Haiti, Pakistan und vielen anderen Ländern der Welt ein reicher Mann/ eine reiche Frau. Die UNO soll das Geld lieber den Leuten direkt geben, davon kann sich jede(r) ein schönes Haus bauen und ein Auto kaufen, und daneben noch ein existenzsicherndes Geschäft aufbauen. Antworten


Mari Wunderli

04.09.2010, 15:48 Uhr
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ist da ein einfaches Zelt nicht billiger und sinnvoller? Antworten


Karin Gut

04.09.2010, 15:38 Uhr
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Kürzlich sind 5 abgewiesene Asylbewerber für 110'000.- nach Afrika gefolgen worden und wieder zurück, weil sie dort nicht willkommen waren. Ein einziger Asylbewerber-Rundflug weniger und Bolliger könnte seinen Prototypen bauen... Antworten


Klaus Niggli

04.09.2010, 14:10 Uhr
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Interessante Idee! Entwicklungsorganisationen könnten ja einen Erfindungswettbewerb ausschreiben? Ganz wichtig aber, dass auch die Erfahrung aus der Feldarbeit mit einfliesst! Sonst hat man zwar eine geniale Lösung, die aber in der Praxis untauglich ist. Ob dieser Vorschlag schon die Lösung ist..? 3m und 150kg pro Haus ist viel! Wie soll eine Familie das im Feld je transportieren können? Antworten


Rosa Stein

04.09.2010, 13:18 Uhr
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Sehr lobenswert. Die Kosten für die Herstellung und Distribution vom Lebensretterhaus müssten aber niedriger sein, als für die Herstellung von einem Backsteinhaus in Pakistan und ich bezweifle, dass dies der Fall ist. Die Kosten könnte man nur so niedrig drücken, wenn die Rohmaterialien in Asien oder Afrika unter unwürdigen Bedingungen hergestellt würden. Hört sich alles sehr weltfremd an. Antworten


Max Wartenberg

04.09.2010, 13:03 Uhr
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Herr Bolliger fragen sie doch mal Green Peace an. Mit den vorhandenen Ressourcen kann Green Peace den Prototyp aus der "Znünikasse" bezahlen und einen spektakulären Auftritt mit dem Lebensretterhaus wird sich schon mal organisieren lassen. Antworten


Hans Meier

04.09.2010, 11:18 Uhr
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Nette Idee, aber ist es nicht wahrscheinlicher, dass sich andere Leute das Zelt unter den Nagel reissen und bei der nächsten Gelegenheit ganz oder in Teilen verkaufen? Die Opfer brauchen Geld für Essen und Wasser; Komfort ist zweitrangig. Bzw.: bei 150kg kann man vielleicht 7 Zelten verteilen, oder halt Essen für ein ganzes Dorf. Wenn man schon ein paar hundert Kilometer hinausfliegt... Antworten


Beni Reinhardt

04.09.2010, 10:30 Uhr
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erstaunlich, wie wir schweizer es schaffen, uns international so humanitär zu präsentieren, während wir im eigenen land immer mehr menschlichkeit vermissen lassen... Antworten


Alois Losil

04.09.2010, 09:19 Uhr
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Da werden bei Katastrophen Millionen und Millionen aufgeworfen und gesammelt, die zum Teil dann auch irgendwo versanden. Und da soll es nicht möglich sein 60'000-100'000 Fr. einzusetzen, wenn die Prüfung der Pläne sich als realisierbar erweist. Antworten



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