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Der Daniel DĂĽsentrieb des Unterwasserbaus
Alain Blumer sitzt in seinem Bagger, 6 Meter tief im reissenden, eiskalten Wasser der Reuss. Angeschnallt, im Taucheranzug, mit 20 Kilo Blei am Leib - damit ihn der Auftrieb nicht von den Hebeln wegzieht. Der Fluss soll hier zum Schutz vor Hochwasser 3 Meter tiefer werden. Blumer hackt mit dem Meissel des Baggers die Steinfundamente der Reuss-brücke ab und sägt die mächtigen Eichenpfeiler durch, damit es Platz gibt für neue Träger.
Wenn der Bagger kippt
Seine Unterwasserkabine teilt Blumer oft mit Schwärmen von Fischen, die bei ihm Schutz vor der Strömung suchen. Doch die Arbeit ist nicht ungefährlich. Der Bagger ist auch schon mal umgekippt. Blumer ist einer, der für einen solchen Nervenkitzel lebt. Er hält für machbar, was andere von vornherein verwerfen. Er erfindet wie die Disney-Figur Daniel Düsentrieb das nötige Werkzeug, und er gibt einfach nie auf: «‹Gibts nicht› gibt es bei mir nicht», sagt er. Freunde bezeichnen ihn gern als MacGyver - das ist der amerikanische TV-Serienheld, der mit Sackmesser, Klebband und Erfindergeist jede noch so knifflige Aufgabe löst.
Den Unterwasserbagger hat Blumer selber gebaut. Für die Hydraulik verwendet er abbaubares Bio-Öl. Sicherheitsbedenken der Suva hat der Tüftler entkräftet, indem er für den Fluchtweg die Kabinenscheibe entfernte und zudem eine Überwachungskamera einbaute. Wenn Blumer unter Wasser baggert, wird er von einem zweiten Taucher am Monitor überwacht. Die beiden lösen sich regelmässig ab, denn nach eineinhalb Stunden wird es in den ungeheizten Neoprenanzügen ohnehin zu kalt.
Ferrari der Boote gehoben
Die Reuss-Baggerung ist nicht das erste technische Abenteuer, das Blumer Bewunderung einbringt. Bei den Profi-Tauchern reicht ihm so schnell niemand das Wasser. 2006 zog er mit Tauchroboter und Seilwinden das gut 80 Tonnen schwere Schiff «Brisi» aus dem Walensee, in dem es in 135 Meter Tiefe lag. Schon den Transport des Rettungspontons den Linthkanal hinauf, über eine 1,5 Meter hohe Schleuse hinweg, hatte niemand für möglich gehalten.
Auch die Bergung einer versunkenen Riva Super Aquarama, Jahrgang 1967, aus dem Vierwaldstättersee vor Beckenried NW war ein technischer Coup. Die Riva ist ein zweimotoriges Edelschiff aus Italien. Mahagoni. Kostenpunkt um die 600 000 Franken - der Ferrari unter den Wasserspielzeugen der Reichen. Das Boot hatte Treibholz gerammt und war auf 213 Meter Tiefe gesunken. Als der deutschen Besitzerin die Bergung zu teuer war, kaufte ihr Blumer das Wrack für 25 000 Franken ab, hob es mit dem Roboter und einem dünnen Plasmaseil und verkaufte es mit gutem Gewinn.
«Ich hatte nie Geld als Junger und musste immer mit Schrott gegen die anderen antreten.» So erklärt sich Blumer seine Tüftlergaben. Als Sohn eines Flugzeugmechanikers in Stansstad aufgewachsen, trug er im See schon als Bub immer Flossen, denn er war ein schlechter Schwimmer.
In der Schule war er auch nicht der Beste - ein Tunichtgut. «Aus dir wird nie etwas Rechtes», hätten die Lehrer zu ihm gesagt. Ausser Töffli, grossen «Ami-Schlitten», Schiffen, Mädchen und Jacques-Cousteau-Filmen hatte Blumer nichts als Flausen im Kopf, bis ihn der Vater zum Onkel nach Schänis SG in die Automechanikerlehre schickte. Dort lernte er, zu tauchen und sich zu bewähren. Später sattelte er auf den Bootsbau um, bis er unter Wasser seine Berufung fand.
Ein Lastwagen unter Wasser
Ob sich sein gefährlicher Einsatz lohnt, ist eine andere Frage. Leute, die Blumer und seine Arbeit schätzen, bescheinigen ihm viel Eigenwilligkeit, Originalität und Innovation - aber seinen Geschäftssinn könnte er noch besser entwickeln. Mehr als ein Handwerker verdiene er nicht, sagt er selber. Was ihn viel mehr reizt als das Geld, ist die Herausforderung. Den Tiefbau in Seen und Flüssen treibt der 46-jährige Familienvater mit Fantasie und geschickten Händen zur Perfektion.
Blumer hat bereits neue Pläne: Als Nächstes will er einen Unterwasserlastwagen bauen. Einen vollmobilen Kipper, der den Motor in einem Schlitten auf dem Wasser hinter sich herzieht und Aushub über eine Rampe selber ans Ufer bringen kann. Blumers Augen leuchten, wenn er davon erzählt. Die Technik hat er bereits im Kopf. Ja, eines Tages werde er ein Buch über sich schreiben lassen, sagt Blumer, der selber seiner Lebtag noch kein Buch gelesen hat. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.02.2010, 12:24 Uhr
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