Wegen der Klimaerwärmung werden die Bergwinter kühler

HintergrundDie Winter in den Schweizer Alpen sind in den vergangenen zwanzig Jahren kälter geworden. Eine mögliche Ursache liegt in der Eisschmelze der Arktis.

Die Schneedecke wird immer dicker: Eingeschneite Ställe in Langwies GR.

Die Schneedecke wird immer dicker: Eingeschneite Ställe in Langwies GR. Bild: Keystone

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Wer denkt in diesen eiskalten Tagen schon an den Klimawandel. Manche wünschen sich vielleicht die milderen Winter, welche die meisten Klimamodelle für die Nordhemisphäre, von den hohen bis zu den mittleren Breiten voraussagen. Beobachtungen der letzten zwanzig Jahre bestätigen diese Trendrechnungen bis heute jedoch nicht.

Die Bergwinter in der Schweiz sind jedenfalls nicht milder geworden, wie eine neue Studie von Meteo Schweiz zeigt. Zwar wurde es Ende der 80er-Jahre im Winter auf allen Höhenstufen wärmer. Doch seither zeigt der Trend im Hochgebirge in die andere Richtung. «Die Bergwinter sind in den vergangenen zwanzig Jahren 2 Grad kühler geworden», heisst es im Bericht.

Mehr Kaltluft-Wetterlagen

Die Klimatologen von Meteo Schweiz zeigen auf, dass in der kühlen Jahreszeit das Wechselspiel der in die Schweiz einfliessenden Luftmassen eine grosse Rolle spielt. Mild wird es im Winter in den Alpen, wenn bei Hochdrucklagen relativ warme Luftmassen vom mittleren oder subtropischen Atlantik zu den Alpen fliessen. Bei solchen Wetterlagen waren die Wintertemperaturen zum Beispiel auf dem Jungfraujoch in der Messperiode zwischen 1959 und 2011 im Durchschnitt 2,7 bis 4,5 Grad über dem langjährigen Mittel von 1961 bis 1990. Flossen jedoch kalte Luftmassen aus dem hohen Norden in die Schweiz, so sanken die Temperaturen bei derselben Messstation durchschnittlich 4,2 bis 5,2 Grad unter die Norm.

Die Wissenschaftler studierten den Zusammenhang zwischen Wetterlagen und Temperaturen auch für die Messstationen Weissfluhjoch, Säntis und Grosser St. Bernhard. Und sie kamen zum Schluss: Die Schwankungen im Schweizer Bergklima sind eng an die «periodischen Änderungen im atmosphärischen Strömungsmuster» gekoppelt. So ist die winterliche Abkühlung der letzten zwanzig Jahre mit der Zunahme von Kaltluftwetterlagen erklärbar. Das gilt nicht für die «warmen» Winter von 2006/07 und 2007/08, die durch Warmluftwetterlagen geprägt wurden.

Eisschmelze bringt mehr Schnee

Eine Erklärung, weshalb die Atmosphäre ihr winterliches Strömungssystem ab und zu über Europa umstelle, sei nicht gefunden, schreiben die Klimatologen von Meteo Schweiz in ihrem Bericht. Helfen könnte möglicherweise eine neue Studie amerikanischer Wissenschaftler vom Forschungs- und Beratungsunternehmen für Atmospheric and Environmental Research (AER) in Lexington und der Universität Massachusetts. Ihre Analysen von Wetterdaten der Nordhemisphäre und der Arktis zeigen deutliche Abkühlungstrends im Winter in den letzten zwanzig Jahren im Osten der USA, in Südkanada und in Nordeuropa – obwohl es auf der Nordhalbkugel stetig wärmer wird. Dies sei nicht allein mit natürlichen Schwankungen zu erklären und würde nicht zur traditionellen Theorie der globalen Erderwärmung passen, schreiben die Autoren in den «Environmental Research Letters».

Einen Grund dafür sehen sie in der starken Erwärmung der hohen Breiten während des Spätsommers und im Herbst, welche die arktische Eisdecke im Herbst dramatisch schmelzen lässt. Dadurch verändert sich der Wärmehaushalt in dieser Region. «Das offene Wasser im arktischen Ozean führt dazu, dass mehr Feuchtigkeit in die Atmosphäre verdunstet und es zu mehr Niederschlägen kommt», sagt Judah Cohen vom AER. Tatsächlich hat die durchschnittliche Schneedecke im Oktober in Eurasien in den letzten zwanzig Jahren zugenommen. Dies hat laut den Wissenschaftlern einen Einfluss auf die Druckverhältnisse zwischen der Arktis und den mittleren Breiten, die Arktische Oszillation. Ist sie negativ, fliesst kalte polare Luft weiter nach Süden, das bringt Europa kalte Winter. In einer positiven Phase strömt wärmere Atlantikluft Richtung Sibirien. Der Trend zu negativen Phasen hat in den letzten Jahren aufgrund des Schneezuwachses laut den Forschern zugenommen.

Resultate passen auf Studien

Die Beobachtungen der amerikanischen Forscher könnten eine Ursache für die Schwankungen des Schweizer Bergklimas sein. «Solche Entwicklungen können die veränderten Wetterlagen erklären», sagt Stephan Bader, Hauptautor der Studie von Meteo Schweiz. Für die Wissenschaftler des Klimainstituts PIK in Potsdam passen die Resultate der amerikanischen Studie bestens ins Bild: Ihre Klimamodelle zeigen ebenfalls eine deutliche Zunahme extrem kalter Winter in Europa und Nordasien in diesem Jahrhundert. «Die Wahrscheinlichkeit dafür steigt, wenn die arktische Eisdecke durch die Erderwärmung weiter schrumpft», sagt Vladimir Petoukhov vom PIK. Der Klimaforscher ist gespannt, welche Resultate das Klimamodell dieses Jahr errechnen wird. «Die arktische Eisdecke war im September extrem gering.»

Urs Neu von ProClim, der Klimaplattform der Schweizerischen Akademie der Wissenschaften, ist skeptisch, ob die Druckschwankungen der Arktischen Oszillation das Klima tatsächlich längerfristig beeinflussen. «Die Datenreihe ist noch zu kurz und zu unklar, um beurteilen zu können, ob dieser Effekt im Vergleich zu anderen eine dominante Rolle spielen wird.» Die Oszillation könne schwanken, ohne dass ein physikalischer Grund dafür erkennbar wäre. So sehen zum Beispiel britische Forscher des Hadley Center und der Universität Oxford einen möglichen Zusammenhang zwischen geringer Sonnenaktivität und kalter Winter.

Dieser Winter jedenfalls könnte bereits eine Ausnahme in der Theorie sein. Obwohl die Ausdehnung der arktischen Eisfläche im Herbst so gering wie selten war, zeichnet sich – trotz der aktuellen Kältewelle – ein milder Winter ab. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.02.2012, 11:51 Uhr)

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