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«Mir wäre dieser Fehler aufgefallen»

Von Martin Läubli. Aktualisiert am 11.02.2010

Der Weltklimarates steht wegen seiner unhaltbaren Aussagen zum Abschmelzen der Himalaja-Gletscher im Kreuzfeuer der Kritik. Laut ETH-Klimaforscher Andreas Fischlin sind die Fehler, die gemacht wurden, «beschämend».

Andreas Fischlin: Der ETH-Professor für Systemökologie ist seit 1993 Autor für den Weltklimarat (IPCC) und einer der Lead-Autoren der nun in die Kritik geratenen Arbeitsgruppe II.

Andreas Fischlin: Der ETH-Professor für Systemökologie ist seit 1993 Autor für den Weltklimarat (IPCC) und einer der Lead-Autoren der nun in die Kritik geratenen Arbeitsgruppe II. (Bild: Keystone)

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Sie sind seit Jahren hauptverantwortlicher Autor beim Weltklimarat (IPCC). Die harsche Kritik an der Arbeit des Uno-Gremiums in den letzten Wochen muss Ihnen wehtun.
Ja, das tut es. Dieser Fehler im letzten Bericht der Arbeitsgruppe II des IPCC, in dem es um die Folgen des Klimawandels geht, stört mich enorm. Es ist beschämend, als Wissenschaftler, als Mitglied dieser Arbeitsgruppe und weil es dem Ansehen des sonst ausgezeichnet arbeitenden IPCC schadet.

Sie sprechen von der fragwürdigen Aussage, dass die Himalaja-Gletscher bis 2035 praktisch vollständig abschmelzen, falls die Erderwärmung nicht gestoppt wird.
Diese Panne wäre nicht passiert, wenn die Aussage in diesem Kapitel beim sogenannten Peer-Review-Verfahren durch aussenstehende Experten besser geprüft worden wäre. Die Autoren hätten wissen müssen, dass allein ein WWF-Bericht nicht genügt. Der Himalaja ist ja das Wasserschloss Asiens, genau wie dies die Alpen für Europa sind. Die Entwicklung der Himalaja-Gletscher ist für Millionen Menschen von vitaler Bedeutung und verdiente eine sorgfältige Behandlung. Das wussten alle Beteiligten und haben trotzdem die Regeln missachtet.

Das müssen Sie erklären.
Ich habe die gesamte Chronologie der Kommentare und Textversionen zusammengestellt. Die sind übrigens für jedermann einsehbar, da der IPCC mit grösstmöglicher Transparenz arbeitet. Mein Fazit: Es gab zu wenige Kommentare, Begründungen waren ungenügend, und keiner hat die entscheidende Kritik angebracht.

Begutachten denn die Autoren innerhalb der Arbeitsgruppen die Arbeiten nicht?
Hier liegt ein Schwachpunkt. Wir sind zwar dazu aufgefordert, aber letztlich fehlt uns die Zeit, weil wir mit den eigenen Kapiteln schon genug zu tun haben. Mein Team zum Beispiel, welches das Wissen über die Klimafolgen für Ökosysteme weltweit studierte, sichtete über 3000 wissenschaftliche Arbeiten. Fast alle davon sind durch den Peer-Review-Prozess gelaufen, wovon wir 915 zitierten. In meinem Kapitel haben wir die IPCC-Regeln strengstens eingehalten und sind mit Unsicherheiten sorgfältig umgegangen. Auch ich bin nicht dazu gekommen, andere Kapitel des Berichts eingehend zu begutachten. Ich glaube, mir wäre dieser Fehler aufgefallen.

Die Autoren sind also zeitlich überfordert?
Ja. Ich möchte aber betonen, Panne hin oder her, dass der Qualitätsstandard des IPCC wesentlich höher ist als beim normalen Publizieren für wissenschaftliche Zeitschriften. In meinem Kapitel zum Beispiel hatten wir über 4000 Kommentare zu bewältigen, und wir nahmen regelkonform zu jedem Kommentar schriftlich Stellung, und alles wurde veröffentlicht. Zum Glück ist die unhaltbare Aussage über die Himalaja-Gletscher nur wenige Sätze lang und blieb ohne Auswirkungen auf die Kernaussagen. Sie fehlt auch in der Zusammenfassung für die politischen Entscheidungsträger völlig. Alle Kernaussagen des Berichts behalten also ihre Gültigkeit. Etwa, dass die Auswirkungen eines ungebremsten Klimawandels fatal wären.

Es gibt manche Forscher, die in der Arbeitsgruppe II die Schwäche des IPCC sehen.
Das ist mir zu ungenau und zudem unfair. Alle im IPCC haben die gleichen Arbeitsrichtlinien, und überall sind unter den Autoren die besten Wissenschaftler. Das Problem liegt meines Erachtens woanders. Für Kapitel zu den regionalen Auswirkungen wie das fehlerhafte Asienkapitel werden vor allem Autoren aus der Region miteinbezogen. Oft gelten für Wissenschaftler eines Entwicklungslandes leider nicht die gleichen Standards wie bei uns. Es würde mich nicht wundern, wenn weitere Unschönheiten in solchen Kapiteln auftauchten.

Für das Kapitel Himalaja seien praktisch keine Glaziologen zuständig gewesen, heisst es.
Das war wohl so. Deshalb muss die gegenseitige Begutachtung zwischen den Arbeitsgruppen verstärkt werden. Man darf die Arbeitsgruppen II und III, in denen die Vermeidung des Klimawandels erörtert wird, nicht als Nebensache betrachten. Im Fall des Himalaja-Abschnitts wäre es gut gewesen, wenn Experten der Arbeitsgruppe I, die sich mit Klimaphysik beschäftigen, das Asienkapitel geprüft oder mitgeschrieben hätten. Zumal die Forschungsresultate aus dieser Region wie nur zu oft auch aus anderen Entwicklungsländern lückenhaft sind.

Deshalb sind auch Berichte des WWF manchmal nützlich?
Ja, einige WWF-Studien sind interessant, besonders wenn sie von anerkannten Naturwissenschaftlern stammen. Auch wird der IPCC von aussen immer wieder aufgefordert, offen und breit alles miteinzubeziehen, was der wissenschaftlichen Überprüfung standhält. Zwar ziehen wir die durch den Peer-Review-Prozess abgestützte Literatur vor, obwohl es auch da Pannen gibt.

Ist die Arbeitsgruppe II anfälliger auf politischen Druck, weil es auch um mögliche Klimaauswirkungen auf die Gesellschaft geht.
Nein. Doch es trifft zu, dass Fragen um die Auswirkungen immer wichtiger werden.

Muss die Misere letztlich der IPCC- Vorsitzende Rajendra Pachauri verantworten?
Der Vorsitzende ist nicht dafür verantwortlich, dass jeder Satz des über 3000 Seiten starken Berichts fehlerfrei ist. Der IPCC unternimmt alle Anstrengungen, fehlerfrei zu sein. Nun hat sich gezeigt, dass dem nicht so ist. Einzelne der über 1350 Autoren haben Fehler gemacht, und den mehr als 2500 Gutachtern sind diese entgangen. Aber man muss die Relationen wahren. Wie gesagt, an den Kernaussagen hat sich nichts geändert. Rajendra Pachauri kann man aber ein falsches Verhalten in der Öffentlichkeit vorwerfen, falls stimmt, was ich gehört habe. Er soll zum Beispiel politische Aussagen gemacht haben, was der IPCC nie tun darf. Das gefährdet die Unabhängigkeit der Wissenschaft. Und es geht nicht an, Kritiker des Himalaja-Abschnitts als Voodoo-Wissenschaftler zu bezeichnen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.02.2010, 15:25 Uhr

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