In Japan gibt es viele schwere Beben, wo sie am wenigsten erwartet werden
Von Bruno Loretz. Aktualisiert am 16.04.2011 2 Kommentare
Die Kinder werden auf den Ernstfall vorbereitet: Japanische Schülerinnen bei einer Erdbeben-Schutzübung. (Bild: Keystone )
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Die japanische Regierung solle zugeben, dass ihre Erdbebenprognosen der letzten dreissig Jahre gescheitert sind. Dieses Eingeständnis fordert der renommierte Seismologe Robert Geller, Professor an der Universität Tokio, in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts «Nature». Damit dürfte er gerade jetzt in Japan für erhitzte Gemüter sorgen. Seine Aussagen sind ein direkter Angriff auf Japans Behörden, die seit Jahren vorgeben, das genaue Risiko für Beben in jedem Winkel des Landes zu kennen. Laut Geller sieht die Realität völlig anders aus.
Japan veröffentlicht jedes Jahr unter Mitwirkung international anerkannter Experten eine nationale Erdbebengefahrenkarte. Als besonders gefährdet gilt darauf die Region Tokai rund dreihundert Kilometer südwestlich von Tokio am Pazifik. Experten erwarten in dieser Region schon seit Mitte der 70er-Jahre ein Erdbeben von mindestens der Magnitude 8. Wegen der Vorhersage wird in der Öffentlichkeit und den Medien permanent Angst geschürt, was nach Ansicht Gellers zu einer fast panikartigen Stimmung in der Bevölkerung geführt hat.
Krasse Fehlprognosen
Schnell hatte sich die Bezeichnung «Tokai-Erdbeben» eingebürgert. Doch ist dieses bis heute ausgeblieben. Seit dreissig Jahren hat sich in dieser Region kein einziges nennenswertes Beben ereignet. Und während sich Tokai in dieser Zeit quasi im anhaltenden Ausnahmezustand befand, haben sich Japans Regionen mit vermeintlich tiefem Risiko nur mangelhaft vorbereitet. Aber gerade sie wurden besonders heftig getroffen. «Dies zeigt klar, dass die Gefahrenkarten und die benutzten Modelle fehlerhaft sind und verworfen werden müssen», sagt Geller. Tokai ist dabei kein Ausnahmefall: Die schwersten Erdbeben seit 1979 fanden alle in Regionen mit tiefem Risiko statt.
«Die Situation in Japan gibt uns seit längerem Rätsel auf», sagt auch Domenico Giardini, der Direktor des Schweizerischen Erdbebendienstes. «In Japan ereigneten sich in den vergangenen zehn Jahren fast alle starken Erdbeben dort, wo nur wenige erwartet wurden. Hingegen war die Erde da ruhig, wo man mit starken Beben rechnete.» Sind die in der Erdbebenforschung benutzten Modelle also tatsächlich fehlerhaft? Diese Frage stellt sich auch dann, wenn man berücksichtigt, dass jede Vorhersage nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit hat. Deshalb wäre es nichts Aussergewöhnliches, wenn einzelne Beben für einmal in einer nicht erwarteten Region stattfinden. Im Fall von Japan sind krasse Fehlvorhersagen jedoch fast die Regel. Für Geller muss ein solches Auseinanderdriften von Vorhersage und Realität in jeder quantitativen Wissenschaft zu einer ernsthaften Krise und zu einem gründlichen Überdenken der benutzen Modelle und Methoden führen.
Verantwortlich für die Fehlprognosen ist laut Geller die sogenannte Seismic Gap Theory. Diese ist seit den 70er-Jahren die Grundlage bei der Erstellung der Gefahrenkarten. «Bei dieser Theorie wird angenommen, dass die Regionen besonders gefährdet sind, in denen seit längerer Zeit kein Beben mehr stattgefunden hat», sagt Geller. Damit schramme die Seismic Gap Theory aber deutlich an der Wirklichkeit vorbei. Der Seismologe kann seine These dabei anhand verschiedener Beispiele aus Japan und den anderen seismisch aktiven Zonen der Welt belegen. Seine Forderung: Es sei an der Zeit, der Öffentlichkeit klar mitzuteilen, dass die zeitliche und selbst die örtliche Vorhersage von Erdbeben weitgehend unmöglich ist; die Bevölkerung müsse sich auf das schlicht Unvorhersehbare vorbereiten. Es ist das Eingeständnis, dass der aktuelle Forschungsstand dem Naturphänomen Erdbeben immer noch weitgehend ratlos gegenübersteht.
Schweiz muss über die Bücher
Der Schweizer Seismologe Giardini stützt im Wesentlichen die Botschaft Gellers: «Man darf solchen Gefährdungskarten nicht übermässig viel Gewicht beimessen.» Für die Schweiz heisst dies, dass man sich in Zonen mit gering eingestufter Gefährdung – wie etwa die Region Zürich – ebenfalls vermehrt schützen sollte. «Auch dort kann sich jederzeit ein Beben mit verheerenden ökonomischen Schäden ereignen», warnt Giardini. Die Schweiz ist aber punkto Heftigkeit nicht mit Japan zu vergleichen. Hierzulande erwartet man Beben mit einer Magnitude von maximal 6,5, und das etwa alle 500 Jahre.
Die Seismic Gap Theory ist bei uns ohnehin nur von untergeordneter Bedeutung. Sie wird vorwiegend in tektonisch hochaktiven Zonen wie Japan oder Kalifornien angewandt. Trotzdem muss man sich auch in der Schweiz in der Zukunft die Frage nach der Gewichtung der Risiken stellen. Giardini: «Es wäre fahrlässig, wenn man die Risiken alleine auf der Basis der Gefährdungskarten beurteilen und dabei die grossen urbanen Ballungsräume wie Bern und Zürich mit grossem Schadenspotenzial vernachlässigen würde.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.04.2011, 10:30 Uhr
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2 Kommentare
Eben unsere AKW Befürworter wollen uns auch ständig solchen Stuss verkaufen. Die Realität ist eine andere. Das heisst nun aber nicht, dass wir 500 Jahre Zeit hätten, sondern dass ein schweres Beben eher wahrscheinlich ist. Wir sollten uns besser vorsorgen. Kommt keines, so haben wir Glück. Aber das Glück soll man nicht fordern. Zum Nulltarif gibt es nichts. Und Panik hilft auch nicht weiter. Antworten
Die Erdbebenkarten und Voraussagen sind schlicht und einfach Scharlatanerie! Es ist grob fahrlässig zu behaupten, dass in Zürich ein Erdbeben der Stärke 8 oder mehr nicht möglich sei! Immerhin befinden wir uns in Zürich zwichen Alpen und Jura, Gebirge die entstanden, weil hier Afrika auf Europa trifft! Zu verstehen, dass auch schwerste Beben hier denkbar sind, dazu braucht es keiner Forschung! Antworten
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