Die zweite Ruhestätte
Von Barbara Reye. Aktualisiert am 19.03.2012 1 Kommentar
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An der Küste der kleinsten Provinz Kanadas strandete im Jahr 1987 ein 26 Meter langer, weiblicher Blauwal. Das Tier wurde in der Nähe der Stadt Tignish auf Prince Edward Island an Land gefunden. Damals wusste niemand, was man mit dem Riesen aus dem Meer anfangen sollte, und buddelte ihn ein. In der Hoffnung, dass man das Skelett vielleicht eines Tages für die Forschung gebrauchen könnte.
20 Jahre später hat sich die University of British Columbia (UBC) in Vancouver darangemacht, den Kadaver auszugraben und mit einem Spezialtransporter quer durch Kanada zu fahren. «Ich hätte nie gedacht, dass der gestrandete Blauwal nach zwei Jahrzehnten kaum verwest sein würde», sagt der Meeresbiologe Andrew Trites, der das Projekt leitete. Die Bergung des Tiers sei äusserst schwierig gewesen, da die Überbleibsel des Wals etwa 80 Tonnen wogen.
Wenige gestrandete Blauwale
Noch vor Ort entfernten Experten mit Spitzhacken, Schaufeln, Messern und anderen Werkzeugen die übrig gebliebene Haut, das Muskelfleisch und den Walspeck. Die Knochen wurden dann einzeln entnommen, gesäubert, nummeriert und in einen Container gepackt, bevor sie auf die lange Reise von rund 6000 Kilometern an die Westküste Kanadas gingen, wo sie nun seit Mitte 2010 im Beaty Biodiversity Museum von Vancouver ausgestellt sind.
Nur selten stranden die Giganten der Ozeane an den Küsten, sodass man weltweit nur wenige Exemplare besichtigen kann. In Europa sind sie in fünf Museen zu sehen, darunter ein 13 Meter langes, zehn Monate altes Jungtier aus dem Jahr 1881 in Kiel. «Dies ist vermutlich einer der ältesten Blauwal-Funde überhaupt», sagt Dirk Brandis vom Zoologischen Museum der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. «Wir nehmen an, dass sich der Wal damals in der Nordsee zwischen Amrum und Sylt verirrt hatte und durch die Ebbe nicht mehr zurück ins Meer kam.»
Gefährdeter Riese
Bis vor fast 50 Jahren konnten Blauwale gejagt werden, sodass ihre Population dadurch von geschätzten 350'000 Individuen auf 1000 bis 2000 sank. Erst ein Verbot im Jahr 1966 durch die Internationale Walfangkommission (IWC) trug zum Schutz der Tiere bei. Inzwischen gehen Fachleute davon aus, dass es heute um die 4500 Blauwale weltweit gibt. Dennoch stehen sie weiterhin auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten.
Mit der Ausstellung des grössten, vollständig frei hängenden Skeletts eines Blauwals sollen Besucher für das Thema Artenschutz noch mehr sensibilisiert werden. «Man muss sich mal vorstellen, dass das Herz von einem adulten Tier die Grösse eines Kleinwagens hat und die Zunge das Gewicht eines Elefanten», sagt Trites. Erstaunlich sei auch, dass ein ausgewachsener Blauwal aufgrund seiner enormen Grösse am Tag vier bis sechs Tonnen Krill fresse. Das seien umgerechnet rund 40 Millionen der nur etwa zwei Zentimeter grossen Kleinkrebse. Bis das Riesenexemplar in Vancouver jedoch gezeigt werden konnte, vergingen knapp drei Jahre. Eine der grössten Herausforderungen war es, den Geruch der Knochen nach altem, ranzigem Fett zu beseitigen. Denn Walknochen enthalten bis zu 60 Prozent Fett, wodurch sie im Wasser einen besseren Auftrieb haben. «Der Gestank war so schrecklich, dass etwa bei einem Stopp der Reise auf einem Parkplatz entlang des Highways andere Lastwagenfahrer sofort die Flucht ergriffen», erinnert sich Trites. Man habe es selbst kaum ausgehalten und mehrere Monate fast alles versucht, um ihn endlich loszuwerden.
Hartnäckig stinkende Knochen
Zuerst hat sein Forscherteam die Knochen in spezielle Entfettungstanks gelegt und mit einem biologischen Agens besprüht, um die Fettmoleküle abzubauen. Danach wurden die Knochen in ein mehrere Tausend Liter grosses Bad getaucht, das Bakterien enthielt, um die Stoffe weiter zu zersetzen. Um den Prozess zu beschleunigen, wurden letztlich nach sieben Monaten die Temperaturen in dem Becken erhöht und auch noch mit Dampf gearbeitet. Der Kieferknochen sei so gross gewesen, dass man extra einen Tank gebaut habe, sagt Trites.
«Im Meer bildet sich um einen Kadaver eines Blauwals am Ozeangrund eine vielfältige Lebensgemeinschaft», sagt Dirk Brandis. Zuerst legen Aasfresser die Knochen frei. Aus den fettreichen Walknochen stellen Schwefelbakterien anschliessend Substanzen her, die unzähligen anderen Lebewesen als Nahrungsgrundlage dienen. «Und in der Tiefsee bringt ein Blauwalkadaver mehr organische Stoffe dort unten hin als normalerweise in 1000 Jahren von der Oberfläche absinken», betont der Kieler Meeresbiologe. Denn kleine Nahrungsbrocken würden unterwegs bereits verwertet werden. In Vancouver hat vor allem auch der Zusammenbau des gut erhaltenen Skeletts, bei dem um die 500 gefundene Knochenteile aneinandergefügt werden mussten, nochmals viel Zeit gekostet. «Weil der riesige Schädel zerbrochen war, mussten wir ihn teilweise zwar nachmachen lassen, konnten gleichzeitig aber auch die Todesursache des damals 70-jährigen Weibchens feststellen», sagt Trites. Vor mehr als zwei Jahrzehnten habe ein Schiff den Wal angefahren. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.03.2012, 20:37 Uhr
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1 Kommentar
Auf Europatournee, ca. 1950, wurde in Zürich ein solcher Riesenwal ausgestellt. Er lag auf mehreren Güterwagen auf dem Industriegeleise am Sihlquai beim Hauptbahnhof zur Besichtigung. Unser Lehrer ging mit unserer Klasse zum Ansehen. Es roch auch, aber hauptsächlich nach Desinfektions- + Konservierungsmittel. Der Anblick war gewaltig. Zurück in der Schule stand ein franz. Aufsatz an: La Baleine. Antworten
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