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Die moderne Hochleistungskuh

Von Jürg Steiner. Aktualisiert am 16.04.2011

8000, teilweise sogar 10'000 Liter Milch gibt eine Schweizer Kuh pro Jahr im Schnitt. Das ist zu viel – für ihre Gesundheit, für uns Steuerzahler und Konsumenten. Zum heutigen Tag der Milch ein Blick in die Geschichte der Hochleistungskuh. Und ein Blick auf das, was nach Fukushima aus ihr werden könnte.

Bioreaktoren bei der Veredelung von Gras zu Milch. Weidekühe nutzen das Wiederkäuer-Verdauungssystem sehr effizient.

Bioreaktoren bei der Veredelung von Gras zu Milch. Weidekühe nutzen das Wiederkäuer-Verdauungssystem sehr effizient.
Bild: Bruno Stüdle

Das Euter einer Kuh, aus dem im Extremfall pro Jahr über 10'000 Liter Milch fliessen. (Bild: Keystone )

Es gibt Tage, da packt Werner Maurer noch heute der Zorn. Da würde der pensionierte Bauer am liebsten aus seiner kleinen Alterswohnung in Toffen im Gürbetal, die er mit seiner Frau bewohnt, nach Bern ins Bundesamt für Landwirtschaft fahren, nach Zollikofen an die landwirtschaftliche Hochschule oder nach Zürich an die ETH. Und dort seine Meinung deponieren, sein in Ordnern gesammeltes Wissen ausbreiten über ökologische Landwirtschaft, das auf jahrzehntelanger eigener Forschung und praktischer Erfahrung beruht. Die Probleme der heutigen Landwirtschaft, glaubt Maurer, wären kleiner, hätte man früher auch Kritiker aus der Praxis wie ihn zu Wort kommen lassen.

Stattdessen wurde der aufmüpfige Maurer zum Schweigen gebracht. Damals.

Die multifunktionale Kuh

Ein Zimmer in Werner Maurers heutiger Wohnung ist als Buurestube eingerichtet. An der Decke hängen Glocken, an der Wand Bilder aus früheren Zeiten, auf denen man Züchter Maurer sieht, umgeben von Simmentaler Rindern, an die er sein Herz verlor. Hier erzählt der leidenschaftliche Öko-Landwirt, was ihn antrieb, gegen die einseitige Hochleistungskultur in der schweizerischen Viehwirtschaft anzutreten.

Maurer, der auf dem Hof des legendären BGB-Bundesrats Rudolf Minger die Lehre gemacht hatte, bewirtschaftete bis 1990 als Pächter ein Heimet im hügeligen Mühlebach nahe Mühlethurnen im Gürbetal. Was er, der sich als einfühlsamer Spezialist für widerspenstige Stiere eine gewisse Prominenz in der Berner Bauernszene erwarb, in seiner Aktivzeit erlebte, kann man als technologische Revolution bezeichnen, die das Milchland Schweiz bis heute prägt – und vor Schwierigkeiten stellt: den Siegeszug der künstlichen Besamung und damit die Züchtung leistungsorientierter, aber einseitig auf Milch- oder Fleischleistung getunter Kuhrassen.

Man muss sich vorstellen, dass Kühe in der Schweiz bis ins 20. Jahrhundert ausschliesslich von Gras und Heu ernährt wurden und auf Mehrfachnutzung getrimmt waren – sie lieferten Fleisch und Milch und dienten als Zugtiere. Salopp gesagt: Kühe als Dreikämpfer. Sie waren in mehreren Disziplinen gut, aber in keiner absolute Spitze. Überdies wurden die traditionellen Rassengrenzen relativ rigide eingehalten, weil die Kühe, je nach Region, hügel- oder gar gebirgstauglich sein mussten.

Die industrialisierte Kuh

Als ab den 50er-Jahren Traktoren die Arbeitskraft der Kühe überflüssig machten, interessierten sich innovative Züchter aus dem Flachland aber immer stärker für die Spitzenmilchkühe aus den USA oder Holland. Dort hatten sich dank der schon länger angewendeten Technik der künstlichen Besamung Rassen entwickelt, die Rekordleistungen garantierten – aber nur in einer Sparte. Kühe wurden zu effizienten, schwergewichtigen, aber kaum mehr geländegängigen Hochleistungssportlern gezüchtet, die indessen nicht ohne Doping auskamen – in Form von Kraftfutter.

In der Schweiz löste die neue Möglichkeit, Erbgut von Milchrassen zu importieren, ab den 60er-Jahren einen ruralen Kulturkonflikt aus. Traditionelle Züchter fürchteten um ihre Traditionsrassen und die Doppelnutzungskuh (Milch/Fleisch), die Erneuerer erkannten im technologischen Fortschritt den Schlüssel, industrielle Logik auf die Viehwirtschaft zu übertragen. Massive Produktionssteigerungen würden ökonomische Vorteile bringen – günstigere Milch für die Konsumenten und besseres Einkommen für die Bauern.

Der Widerstand der Traditionalisten gegen die Kreuzung ihrer Rassen mit Hochleistungserbgut war vorerst gross. Deshalb entwickelte sich namentlich im Jura ein illegales, aber reges Samenschmuggel-Business über die grüne Grenze. Das schuf Realitäten, dem sich die offizielle schweizerische Landwirtschaftspolitik rasch beugte. Unter dem wissenschaftlichen Diktat der ETH-Agraringenieure setzte sich die Einkreuzungspraxis flächendeckend durch. Sperma beispielsweise von Red-Holsteiner-Spitzenmilchvieh aus Nordamerika begann man en gros einzuführen.

Die Hochleistungskuh

Traditionelle Rassen, die auf Milch- und Fleischproduktion ausgerichtet waren, gerieten damit heftig unter Druck, wie der Historiker Peter Moser, Leiter des Archivs für Agrargeschichte in Bern, in einer Abhandlung schreibt. Nur das Schweizer Braunvieh sowie das Simmentaler Fleckvieh vermochten sich bis heute zu erhalten, weil sich die Reinzüchter in eigenen Verbänden organisierten.

Auf dem Milchmarkt führte der Leistungsschub bei den Kühen zu einer abrupten Wende: Der akute Milchmangel der 40er-Jahre wurde schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg von kostspieligen Verwertungsproblemen abgelöst – die bis heute andauern.

Nicht aus Heimatschutz wurde der Simmentaler-Züchter Werner Maurer zum Rebellen gegen den Mainstream in der schweizerischen Landwirtschaft, wie er im Gespräch beteuert. Sondern weil er als Praktiker spürte, wie die Milchqualität schwand.

Die fettorientierte Kuh

Mit eigenen Messreihen versuchte Maurer in den 80er-Jahren nachzuweisen, dass die auf Leistung ausgerichtete Kreuzungspraxis bei den Kühen der Milch wichtige Nährwerte entzog. Knapp gesagt: Die Milch wurde nach Maurers Erkenntnissen ärmer an Eiweissen, namentlich an Kasein, das zu den gesundheitsfördernden Widerstandsspendern in der Milch gehört. Stattdessen fördere die einseitige Mengenorientierung der Milchwirtschaft und der dadurch nötige Kraftfuttereinsatz laut Maurer den Fettanteil in der Milch.

Und das Fett – auf dem die Milchpreisberechnung basiert – ist heute ein zentrales Problem der schweizerischen Milchwirtschaft: Es muss der Trinkmilch teilweise entzogen werden, weil die häufig mit Übergewicht kämpfenden Konsumenten zwar sonst reichlich Fett zu sich nehmen, es in der Milch aber lieber meiden. Das überschüssige Milchfett landet auf dem wachsenden Butterberg, der praktisch unverkäuflich ist und die Steuerzahler jährlich Dutzende von Millionen Franken kostet.

1987 wollte Maurer seine Erkenntnisse veröffentlichen, aber als Nichtwissenschaftler bekam er laut eigener Darstellung keine Chance. Auf Initiative des damaligen SVP-Nationalrats Fritz Hofmann, zu dieser Zeit Direktor des Milchproduzentenverbands, wurde der unnachgiebige Kritiker Maurer gemäss eigenen Angaben sogar polizeilich einvernommen. Den Koffer, in dem er seine Forschungsarbeiten aufbewahrte, habe er abgeben müssen. Er sah ihn nie wieder. Maurer sagt, ein ETH-Professor habe ihm später telefonisch zu seinen Ergebnissen gratuliert. Trotzdem wurde der Gürbetaler Landwirt nach eigener Darstellung verpflichtet, eine 20-jährige Schweigepflicht zu diesen Vorgängen einzuhalten.

«Man nahm mir mein Archiv weg und meine Identität, ich wurde mundtot gemacht», sagt Maurer im Rückblick. Der Stillhaltezwang ist heute vorbei, seine damaligen Kontrahenten leben nicht mehr. Maurer kämpft, soweit seine Energie reicht, weiter.

Die schweizerischen Milchbauern produzieren heute zu viel Milch, verdienen aber zu wenig daran. Sie stehen genau da, wo Maurer es prophezeite – was ihn aber nur mässig tröstet.

Die entfremdete Kuh

Allerdings wird das, was Maurer mit seiner Hobbyforschung vor 20 Jahren andachte, heute mit wissenschaftlicher Akribie weiterverfolgt. Peter Thomet, Dozent für Futterbau an der Hochschule für Landwirtschaft in Zollikofen, kennt Maurer zwar nicht. Aber er verficht seit Jahren mit grosser persönlicher Energie die Rückbesinnung der Milchwirtschaft auf eine standortgerechte und ressourcenorientierte Produktionsweise.

Thomet plädiert dafür, den Kühen weniger Kraftnahrung zu verfüttern, dafür praktisch nur noch das einheimische Futter von Wiesen und Weiden, und nicht mit importiertem Kraftfutter fremd zu gehen. Sie würden dann zwar etwas weniger Milch geben, diese hätte aber bessere Qualität.

Peter Thomet ist einer der hartnäckigsten Kritiker der Futtermittel- und Zuchtindustrie, die in seinen Augen nach wie vor eine einseitige Hochleistungsstrategie verfolge. Obwohl er oft angefeindet werde, sitzt Thomet jetzt blendend gelaunt in der Zollikofer Frühlingssonne und erläutert seine Vision.

Die überdimensionierte Kuh

«Ich glaube, wir befinden uns in einer Schlüsselphase, in der wir einen Richtungsentscheid fällen müssen», sagt Thomet. Ein kleiner Überblick zeigt, wie sehr ein Teil der heutigen Spitzenkühe zu überdimensionierten Milchmaschinen geworden sind. In der EU gibt es Rekordkühe, die pro Jahr über 20000 Liter Milch liefern. In der Schweiz liegen die Spitzenwerte bei gut 10000 Litern, was bei der Laktationszeit von 305 Tagen einer Tagesleistung von über 30 Litern entspricht. Es gibt Bauern, die ihre Kühe heute dreimal täglich mit Melkrobotern melken.

Die auf Milchleistung getrimmten Kühe sind in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich grösser geworden, sodass viele Landwirte ihre Ställe vergrössern müssen – und künstlich kühlen, weil die Spitzenkühe so viel Wärme entwickeln, dass ihr «Motor» zu überhitzen droht.

Überdies, erläutert nun Peter Thomet, sei der Körper dieser Kühe so extrem auf eine hohe Jahresleistung ausgelegt, dass sie nicht mehr optimal an die eigene Futtergrundlage angepasst seien. Die Energie, die moderne Kühe brauchen, um sich selber zu erhalten und gleichzeitig bis zu 10000 Liter Milch im Jahr zu geben, vermögen sie gar nicht mehr auf natürliche Art – in Form von Gras oder Heu – aufzunehmen.

Sie schöpfen ihr Potenzial nur aus, wenn sie grössere Menge Kraftfutter wie Getreide und Soja erhalten. Das allerdings kann ihr Wiederkäuerverdauungssystem aus der Balance bringen. Der akuten Übersäuerungsgefahr des Magens begegnet man deshalb mit der Beimischung von Kalk.

«Der Kraftfutterimport in die Schweiz hat sich von 1999 bis 2008 verdoppelt», sagt Thomet. Betriebswirtschaftlich für die Bauern wegen der sinkenden Importpreise und den nicht verfügbaren Flächen für eigene Futtermittelproduktion durchaus sinnvoll. Aber mittelfristig «eine Sackgasse», glaubt Thomet.

Denn: Das AKW-Unglück in Fukushima werde die globale Nachfrage nach Ackerbauprodukten zur Energieerzeugung ansteigen lassen. In boomenden Volkswirtschaften wie China oder Indien wachse zudem der Fleischkonsum rasant, was den Soja- und Mais-Bedarf für die Fleischproduktion ebenfalls in die Höhe treibe. Massive Preissteigerungen für Kraftfutter seien absehbar.

Die renaturierte Kuh

Grasland hingegen sei in der Schweiz im Überfluss vorhanden. «Kein anderes Land in Europa», sagt Thomet, «hat so gute Wachstumsbedingungen für Futter von Wiesen und Weiden wie die Schweiz.» Deshalb kämpft er dafür, sich in der Milchwirtschaft konsequent auf die Nutzung eigener Ressourcen auszurichten.

Thomet plant, demnächst gemeinsam mit IP Suisse eine speziell gekennzeichnete «grüne Milch» aus einheimischem Wiesenfutter auf den Markt zu bringen – was im Prinzip nichts Neues ist. Auch Biomilch stammt von Kühen, die zu 90 Prozent mit Raufutter ernährt werden. Die zehn Prozent Biokraftfutter allerdings, die erlaubt sind, stammen in der Regel aus China, Italien oder Rumänien.

Was Thomet vorschwebt, ist ein wenig wie früher. Aber er sei kein ökologischer Romantiker. Denn: Neue Forschungsergebnisse zeigten, wie der Verzicht auf Kraftfutter dazu führe, dass die Milch mehr ungesättigte Omega-3-Fettsäuren aufweise – sozusagen das Nonplusultra der modernen, gesundheitsorientierten Ernährungslehre. Und: Grasgefütterte Tiere geben zwar absolut weniger Milch – aber sie fressen auch weniger und verwerten das Raufutter besser. Pro Einheit Jahresfutter geben sie deshalb fast gleich viel Milch.

«Die Kuh», sagt Thomet, «arbeitet dann am effizientesten, wenn man sie bleiben lässt, was sie ist: ein Wiederkäuer und Bioreaktor.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.04.2011, 12:07 Uhr

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