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Die Sprache der Affen verstehen

Von Barbara Reye. Aktualisiert am 24.01.2012 1 Kommentar

Der Zoologe Klaus Zuberbühler hat festgestellt, dass Affen ähnlich wie Menschen Laute kombinieren, um Informationen zu übermitteln. Und bei Gefahr wissen, wer aus ihrer Gruppe gewarnt werden muss.

Schimpansen kommunizieren gezielt und effizient: Schimpanse im Zürcher Zoo.

Schimpansen kommunizieren gezielt und effizient: Schimpanse im Zürcher Zoo.
Bild: Keystone

Klaus Zuberbühler: Der Schweizer Zoologe (47) ist Experte für nicht menschliche Primatenkommunikation. (Bild: PD)

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Mit wachsamem Blick geht der Schimpanse auf allen vieren über einen nassen Weg im Regenwald des Budongo Forest in Uganda. Immer auf der Lauer vor möglichen Gefahren des Dschungels schaut er nach rechts und nach links. Plötzlich schreckt er wie von einer Tarantel gestochen auf, schleudert beide Arme seitwärts in die Luft und stampft kräftig mit dem linken Fuss. Danach bleibt er ruhig am Ort stehen und warnt einen anderen Schimpansen mehrmals mit einem spezifischen Alarmruf.

«Im Busch hat er eine Giftschlange entdeckt», erklärt der Primatenforscher Klaus Zuberbühler von der Universität St. Andrews, der Mitte Januar an der Universität Neuenburg diese Video­aufnahme in seinem Vortrag gezeigt hat. Es sei keine echte Viper gewesen, sondern lediglich eine Attrappe, betont der Schweizer Zoologe.

Warum teilen sie es nicht allen mit?

Haben Affen eine geheime Sprache, mit der sie andere vor Gefahren warnen? Schliesslich fürchten sie sich vor Schlangen. Und warum teilen sie es nicht allen in der Gruppe mit, sondern nur bestimmten Artgenossen? Sind die anderen etwa nicht so wichtig? Oder ­mögen sie diese vielleicht nicht?

Zuberbühler sagt, es stecke etwas ganz anderes dahinter. Der Versuch im Dschungel Ostafrikas mit insgesamt 33 Schimpansen in freier Wildbahn zeige, dass sie gezielt nur diejenigen Tiere aus ihrer Gruppe intensiv warnen, welche die potenzielle Gefahrenquelle selbst noch nicht bemerkt haben. Die anderen werden weniger oder gar nicht informiert. Dies ergebe Sinn und sei sehr effizient.

Kommunikation im Busch

«Der Schimpanse weiss offenbar, ob die Information für den anderen relevant ist oder nicht», sagt Zuberbühler, der zusammen mit Mitarbeitern aus seinem Team und Kollegen in Leipzig die Studie über akustische Kommunikation der Schimpansen in Gefahrensituationen in der Fachzeitschrift «Current Biology» veröffentlicht hat. Dies sei eine völlig neue Erkenntnis, die zuvor noch keiner im Freiland experimentell gezeigt habe.

Bisher hat man solche für die Evolution der Sprache wichtigen Fähigkeiten nur der Spezies Homo sapiens zugeordnet. Nach den Ergebnissen der jetzigen Studie könnte aber bereits der gemeinsame Vorfahr von Schimpanse und Mensch, der vor rund sechs Millionen Jahren lebte, in der Lage gewesen sein, den Wissensstand des anderen zu erkennen und dementsprechend seine Lautäusserungen individuell anzupassen.

Achtung, ein Leopard!

Als der St.?Galler Verhaltensforscher das erste Mal in Afrika war, ausgerüstet mit Aufnahmegerät und Mikrofon, um dem Geplapper von Campbell- und Diana-Meerkatzen im Dickicht des Tai Forest in der Elfenbeinküste zu lauschen, waren deren Rufe für ihn nur unspezifische Schreie. Heute, mehr als zwei Jahrzehnte später, ist er ein international gefragter Experte im Bereich Kommunikation von Primaten und kann die verschiedenen Laute der in der Elfenbeinküste lebenden Meerkatzen mit ihren auffällig bunten Gesichtern sogar übersetzen.

«Krak, krak, krak» stehe für «Achtung, ein Leopard!» und «Hok, hok, hok» bedeute «Pass auf, ein Kronen­adler!», erklärte er seinem Publikum an der Universität Neuenburg, wo er ab März als Professor für Primatologie tätig sein wird und somit nach zehn Jahren Schottland, drei Jahren am Max-Planck-Institut in Leipzig und vier Jahren an der University of Pennsylvania in Philadelphia wieder in die Schweiz zurückkehrt. «Wir sind begeistert, dass er zu uns kommt und der Lehrstuhl extra für ihn geschaffen werden konnte», sagt der Verhaltensforscher Redouan Bshary von der Universität Neuenburg.

Zuberbühler hat am Anfang, als er noch Student an der Universität Zürich war, bei seiner Feldforschung alsbald erfahren müssen, dass seine Arbeit in der Wildnis Afrikas nicht ganz ungefährlich ist. «Ein Leopard hatte mich verfolgt», erzählt Zuberbühler später in der Cafeteria der Universität Neuenburg. «Ich habe es nur bemerkt, weil zuerst eine und dann noch eine Affengruppe mit ihren Rufen vor einem Leopard gewarnt haben.» Zum Glück sei die Raubkatze aber wieder abgehauen. Doch es dürfe nun nicht der falsche Eindruck entstehen: In Afrika sei nach wie vor das Autofahren ein grösseres Risiko als das Forschen im Freiland, sagt Zuberbühler.

Lernen von der Sprache

Schon immer hat der Mensch den starken Wunsch verspürt, mit Tieren zu kommunizieren. Herauszufinden, ob insbesondere unsere nächsten Verwandten aus dem Tierreich uns verstehen, sie vielleicht unsere Sprache lernen können. So haben amerikanische Forscher in den 40er-Jahren der Schimpansin Viki ein paar Wörter beigebracht, zum Beispiel «Mama», «Papa» und «Cup».

«Solche Bemühungen führten stets in eine Sackgasse, da Schimpansen unter anderem den Link zwischen Lauten und der Konstruktion eines Satzes nicht machen können», betonte der Schweizer in seinem Vortrag. Kinder würden dies dagegen bereits im zweiten Lebensjahr lernen. Zuberbühler hat deshalb einen anderen Weg eingeschlagen. Anstatt Affen unsere Sprache beizubringen, hat er den Tieren lieber zugehört und dabei immer wieder Neues entdeckt. Dies geht aus einer weiteren Studie hervor, die im vergangenen Dezember in der Fachzeitschrift «BMC Evolutionary Biology» veröffentlicht worden ist.

Wie die beste Freundin

So hat er bei den Campbell-Meerkatzen im Tai-Nationalpark, seinen Studienobjekten seit mehr als zwanzig Jahren, zusammen mit Forschern in Frankreich vor kurzem herausgefunden, dass die Affenweibchen die Spracheigenschaften ihrer engsten Freunde übernehmen. Je enger sie sozial miteinander verbunden waren, umso ähnlicher riefen sie. Das Alter sowie auch der Verwandtschaftsgrad der Tiere hat dagegen keine Rolle gespielt, sondern die soziale Bindung. Das heisst, je mehr sie sich gegenseitig das Fell kraulten.

Zuvor nahm man stets an, dass Rufe von Affen primär genetisch festgelegt sind und somit innerhalb der Familie kaum variieren. Doch wie das Forscherteam nun feststellte, übernehmen Affenweibchen typische Merkmale im Tonfall von ihren engsten Gefährtinnen. «Dies ist bei Menschen nicht anders», betont Zuberbühler. Besonders auffällig sei es bei Teenagern in einer Clique.

In wenigen Wochen steht für den Verhaltensbiologen das nächste Abenteuer an: der Umzug von Schottland in die Romandie. Zuerst werde er allein nach Neuenburg gehen, sagt Zuberbühler. Nach den Sommerferien komme dann seine Frau mit den vier Kindern im Alter von fünf bis elf Jahren nach. Dies wäre ein weiteres spannendes Sprachexperiment. Denn bisher reden sie noch fast kein Wort Französisch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.01.2012, 20:20 Uhr

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1 Kommentar

Stefan Brentari

27.01.2012, 08:28 Uhr
Melden 3 Empfehlung 0

Anmerkung zur deutschen Sprache:
Man ist nicht auf der Lauer vor einer Gefahr (auch nicht vor einer möglichen), sondern auf der Hut.
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