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Biologin fordert Rechte für Pflanzen

Von Brigitte Walser. Aktualisiert am 02.09.2008

Pflanzen seien den Tieren ähnlicher als bisher angenommen, sie könnten sogar kommunizieren, sagt die Biologin Florianne Koechlin. Sie fordert deshalb Rechte für Pflanzen. Dazu werden am Samstag Thesen veröffentlicht.

Florianne Koechlin

Florianne Koechlin

Info-Box

Vor einem halben Jahr sorgte die Eidgenössische Ethikkommmission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich (EKAH) für Schlagzeilen: In einem Bericht zuhanden des Bundesrates hielt sie fest, dass man mit Pflanzen nicht völlig beliebig umgehen dürfe. Eine willkürliche Schädigung von Pflanzen sei moralisch unzulässig. Der Bericht wurde kontrovers diskutiert, «Bettseicherli haben Würde», wurde etwa spöttisch kommentiert. Nun aber geht eine Gruppe von 15 Fachleuten aus der Landwirtschaft, der Philosophie, der Biologie und der Gärtnerei, darunter Florianne Koechlin, noch weiter.

Kommenden Samstag veröffentlicht sie die «Rheinauer Thesen zu Rechten von Pflanzen». Darin ist formuliert, dass Pflanzen Anspruch auf Fortpflanzung und auf Eigenständigkeit haben. Pflanzen hätten ein Recht auf das Überleben der eigenen Art, auf respektvolle Forschung und auf Nichtpatentierung. bw

Sprechen Sie mit Pflanzen?

Florianne Koechlin (lacht): Manchmal, aber vielleicht sind das eher Selbstgespräche.

Aber Sie glauben, dass Pflanzen kommunizieren können?

In der Wissenschaft ist das umstritten. Doch es gibt immer mehr Forscher, die dies vermuten. Nehmen wir eine Tomatenpflanze: Wenn sie von Raupen angegriffen wird, produziert sie nebst Abwehrstoffen Methyl-Jasmonat. Mit diesem Duftstoff warnt sie die Nachbarpflanzen. Diese erkennen den Duftstoff, interpretieren ihn richtig und beginnen selbst, Abwehrstoffe zu produzieren.

Sie schliessen auch nicht aus, dass Pflanzen etwas empfinden können?

Man weiss es schlicht nicht. Bis jetzt wurde es in der Wissenschaft als absolut unmöglich bezeichnet. Inzwischen gibt es aber Indizien, die eine Wahrnehmungsempfindung möglich erscheinen lassen. Es ist deshalb genauso spekulativ, zu sagen, sie haben keine Empfindung, wie zu sagen, sie haben eine.

Mit solchen Aussagen kommen Sie der Esoterik nahe.

Alle Naturwissenschaftler haben Angst, in die Esoterik-Ecke gedrängt zu werden, mir geht es intuitiv auch so. In den 70er-Jahren erschien das Buch «das geheime Leben der Pflanzen», es war ein Verkaufsschlager, für die Wissenschaft aber war es eine Katastrophe, denn nebst interessanten Ansätzen findet sich darin purer Aberglaube. Lange Zeit waren Fragen nach dem «Wesen» der Pflanze in der Wissenschaft tabu. Erst seit kurzem wagt sich die Forschung wieder in dieses Gebiet, und seither gibt es laufend neue Entdeckungen.

Etwa?

Man hat herausgefunden, dass Pflanzen elektrische Aktionspotenziale haben ähnlich unserer Nervenzellen, viel langsamer zwar, aber etwa in der Geschwindigkeit niedriger Tiere. Pflanzen haben ein Immunsystem, sie nutzen neuronal aktive Stoffe wie Koffein, Heroin oder Nikotin nicht allein für die Abwehr, sondern auch für interne Vorgänge, und ihre Wurzeln können zwischen Selbst und Nichtselbst unterscheiden.

Erkenntnisse, welche das Bild der Pflanze auf den Kopf stellen?

Ja, denn sie führen weg von der bisherigen mechanistischen Vorstellung der Pflanze. Bisher galten Pflanzen als eine Art lebende Automaten mit programmierten Reaktionen.

Sie sind Mitglied jener eidgenössischen Ethikkommission, die vor einem halben Jahr für die Würde der Pflanze plädierte. Sie ernteten einigen Spott.

Ja, das haben wir auch erwartet. Aber das war vor 30 Jahren nicht anders, als man zum ersten Mal Rechte für Tiere forderte. Wir haben zum Denken angeregt, deshalb wars ein Erfolg.

Die zahlreichen Experten der Kommission haben vier Jahre gebraucht, um zum Schluss zu kommen, dass das grundlose Abreissen von Blumen am Wegrand moralisch unzulässig ist. Nicht das ist der entscheidende Punkt. Alle Mitglieder waren einverstanden, dass Pflanzen eine Würde haben. Bei Tieren ist das klar. Ich darf einer Katze nicht einfach ein Ohr abschneiden. Aber dass es auch bei Pflanzen Grenzen und Verpflichtungen geben soll, das ist wirklich neu.

Die moralische Verpflichtung gilt gleichermassen für Büropflanzen, Pflanzen im Labor und solche beim Bauern auf dem Feld?

Mir geht es nicht um die Pflanzen am Wegrand oder den verdorrten Rosenbusch, sondern um die massenhafte und vollständige Instrumentalisierung der Pflanze, also etwa um die Möglichkeit, diese zu patentieren, oder um die Terminatortechnologie, bei der Pflanzen mittels Gentechnik steril gemacht werden.

In Ihrem neuen Buch zeigen Sie sich offen für ganz viele Ansätze, nur bei der Gentechnik blocken Sie ab. Wieso?

Ich lehne diese Art von Legosteine-Denken ab. Nehmen Sie eine dürreresistente Pflanze. Diese hat ein reiches Wurzelwerk, spezielle Blätter, besondere zellinterne Mechanismen, daran sind vielleicht 400 Gene beteiligt. Ich glaube nicht, dass man einer Pflanze einfach ein Gen hinzufügen kann, um sie dürreresistenter zu machen und dass damit das Problem gelöst ist. Eine Pflanze ist komplexer, man weiss nicht, welche Wechselbeziehungen dadurch ausgelöst werden.

Sie sehen nichts Positives an der Gentechnik?

Doch, im Labor und für die Züchtung soll man dieses Wissen anwenden, nicht aber auf dem freien Feld. Ein weiterer Punkt: Mit der Gentechnik können Pflanzen erstmals patentiert werden. Damit erhalten Firmen Monopole auf unsere Ernährungsgrundlagen. Das finde ich bedenklich.

Sie sind Mitverfasserin von neuen Thesen zu diesem Thema. Wie unterscheiden sich diese von den Schlussfolgerungen der eidgenössischen Ethikkommission?

Wir haben konkret Rechte von Pflanzen formuliert. So weit ist die Ethikkommission nicht gegangen. Wir sind zudem nicht von uns ausgegangen, sondern haben die Pflanzen in den Mittelpunkt gestellt.

Wie wollen Sie wissen, was Pflanzen wollen?

Eine Pflanze schreit nicht und gibt keine Zeichen, das stimmt. Aber bei Tieren ist das nicht viel anders. Kühe, die früher den ganzen Winter im Stall angekettet waren, machten deswegen keinen unglücklichen Eindruck. Heute haben sie das Recht auf Auslauf. Referenzpunkt für artgerechte Tierhaltung ist das Verhalten von Tieren, die in Freiheit leben.

Das soll bei Pflanzen auch so sein?

Viele Entdeckungen zur Pflanzenkommunikation wurden erst im Freien gemacht, nicht im Labor. So produzieren etwa wild lebende Baumwollpflanzen viel mehr Duftstoffe als gezüchtete.

Weltweit werden Nahrungsmittel knapp. Da steht doch an erster Stelle das Recht des Menschen, möglichst viel aus den Pflanzen herauszuholen.

Natürlich. Die Frage ist, wie man das macht. Ein anderes Verhältnis zu Pflanzen bedeutet eine neue Form der Landwirtschaft. Im Weltlandwirtschaftsbericht der UNO steht, dass wir das Hungerproblem – ungeachtet politischer und ökonomischer Hindernisse – am ehesten lösen können durch einen Paradigmenwechsel weg von grossen Monokulturen hin zu Vielfaltskulturen. In vielen Gebieten Indiens etwa gehen die Erträge von Monokulturen zurück, weil der Boden ausgeschwemmt ist, da kann auch der beste Hightechsamen nicht mehr Ertrag geben. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.09.2008, 07:30 Uhr

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