Mit Roboterhilfe zum neuen Gehör

Am Inselspital ist erstmals weltweit einer tauben Patientin mit einer neuen Robotertechnik eine Hörprothese implantiert worden. Den hochpräzisen OP-Roboter haben Chirurgen und Ingenieure der Uni Bern gemeinsam entwickelt.

Arbeit im Millimeterbereich: Inselspital-Chirurg Marco Caversaccio operiert einen Patienten, assistiert von einem Roboter. Quelle: Youtube


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Fall war ernst. Die Patientin hörte wegen einer Krankheit immer schlechter. Noch nicht einmal 60-jährig, war sie bereits nahezu taub. Für solche Fälle hat die Medizin schon seit Jahren eine Lösung bereit: Ein Implantat, das in die Gehörschnecke (Cochlea) eingesetzt wird, gibt den Pa­tienten in den meisten Fällen ihr Hörvermögen zurück (vgl. auch Kasten).

Doch die Implantation dieser Hörprothese ist ein aufwendiger Eingriff. Der Chirurg muss hinter der Ohrmuschel manuell einen Zugang durch den Schädelknochen bis ins Innenohr herstellen. Dabei kommt er nicht darum herum, reichlich Knochen zu entfernen – eine heikle Sache. Denn beim Ausräumen des Knochenmaterials besteht die Gefahr, dass Gesichts- und Geschmacksnerven verletzt werden.

Computer und Roboter

Ein Berner Forschungsteam von Inselspital und Universität um Ingenieur Stefan Weber (44) und Chirurg Marco Caversaccio (56) tüftelt deshalb schon seit zehn Jahren an einem weniger invasiven und sichereren Operationsverfahren.

Mit Erfolg. Wie Inselspital und Universität Bern jetzt mitteilen, sind inzwischen die ersten Operationen nach einer neuartigen Methode durchgeführt worden. Eine zentrale Rolle spielen dabei Computer und Roboter; sie helfen dem Chirurgen, den Zugang zum Innenohr möglichst klein und präzise zu halten.

Und so funktioniert das neue Operationsverfahren: Zunächst plant der Chirurg den Verlauf des Bohrkanals anhand von Computertomografiebildern. Vom Eingang hinter der Ohrmuschel bis zur Cochlea beträgt der Durchmesser gerade einmal 1,8 Millimeter. Der Roboter bohrt danach den so vorgezeichneten Minitunnel.

Weil der Arzt dabei keine direkte visuelle Kontrolle hat, sind mehrere Sicherheitsmechanismen ins System eingebaut: Eine Kamera überwacht die Position des Patienten und des Bohrers. Ausserdem werden die Bohrkräfte erfasst und mit der erwarteten Knochenstärke verglichen sowie schwache elektrische Rückkopplungen im Knochen gemessen.

Im Blindflug zum Innenohr

«Nur aus allen Informationen zusammen können wir ableiten, ob der Roboter auf dem richtigen, vorgeplanten Weg ist», sagt Projektleiter Stefan Weber. «Man kann unsere Technologie mit dem Autopiloten eines Flugzeugs vergleichen – der macht das Fliegen ohne Sicht im Dunkeln ja auch möglich.»

Erfolgreiche Zusammenarbeit

Ingenieurwissenschaft und Medizin: Für Chirurg Marco Caversaccio ist das neu entwickelte Operationsverfahren ein erfolgreiches Beispiel von interdisziplinärer Forschung und Zusammenarbeit. Er möchte das Verfahren nun weiter optimieren. «Unser Ziel ist es, den Eingriff in Zukunft sogar ambulant durchzuführen – der Patient kommt am Morgen ins Spital, und am Abend kann er wieder nach Hause ­gehen.»

Dabei sollten die vier bisher nach dem neuen Verfahren operierten Patienten, darunter auch die eingangs erwähnte Endfünfzigerin, bereits von kleineren Operationswunden und verkürzten Rehabilitationszeiten profitieren. Und das Wichtigste: Sie alle können natürlich auch wieder hören.

Das Berner Forscherteam stellt diese Woche seinen neuen OP-Roboter zudem im internationalen Fachblatt «Science Robotics» vor. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.03.2017, 17:08 Uhr

Vorne dabei: Chirurgieprofessor Marco Caversaccio. (Bild: Gianni Pauciello/zvg)

Cochlea-Implantat

Wer sein Gehör verliert, muss sich nicht zwingend damit abfinden. Sofern der Gehörnerv, der sich im Zentrum der Hörschnecke (Cochlea) befindet, noch intakt ist, können Medizin und Technik durchaus helfen.

Bereits 1978 wurde in Australien erstmals ein Cochlea-Implantat operativ eingesetzt – ein kleines Wunderwerk an Elektrotechnik und Medizin. Diese Hörprothese ermöglicht in den meisten Fällen Gehörlosen und schwer Hörbehinderten eine zumindest akzeptable Hörqualität. In der Schweiz wurden bisher nach herkömmlicher Methode pro Jahr jeweils gut 200 Implantate eingesetzt (mit einigen Tagen Spitalaufenthalt).

Die jetzt von den Berner Forschern entwickelte minimal­invasive und roboterassistierte Operationstechnik verringert das Risiko, schont die Patienten und verkürzt die Rehabilitationszeit.

(Klicken zum Vergrössern)

Artikel zum Thema

Insel eröffnet OP-Säle der Zukunft

Dank drei neuen Operationssälen können die Chirurgen am Inselspital noch während des Eingriffs das Resultat überprüfen und allenfalls eingreifen. Am Dienstag wurde der OP-Bereich eingeweiht. Mehr...

Der Roboter verteilt jetzt Medikamente

VIDEO Die Spitäler fmi geben jährlich rund 1,5 Millionen Einzeldosierungen ab, Tabletten, Pillen, Tropfen. Die müssen für die Patienten abgezählt und abgepackt werden. Seit einiger Zeit hat man diesen Prozess automatisiert. Mehr...

Inselspital: Und morgen operieren Roboter

Am Berner Inselspital ent­stehen die Operationssäle der Zukunft. Sie legen die Basis für operierende Roboter. Chefarzt Andreas Raabe nimmts ­gelassen. Er operiert längst mit technischen Assistenz­systemen. Mehr...

Kommentare

Blogs

Foodblog Die perfekte Salatsauce

Echt jetzt? Bürokratische Grenzerfahrung

Werbung

60anni Primitivo Di Manduria

Qualitätswein und ein attraktiver Preis müssen sich nicht widersprechen. Jetzt im OTTO’S Webshop!

Die Welt in Bildern

In einem Land vor unserer Zeit: In einer abgelegenen Küstenregion Westaustraliens finden Forscher Spuren von verschiedenen Dinosauriern. (27. März 2017)
(Bild: University of Queensland / Damian KELLY) Mehr...