Wissen
Wie gut «Nixdrin forte» den Patienten hilft
Von Martina Frei. Aktualisiert am 21.11.2009 2 Kommentare
«Mein lieber Herr Professor», begann der Brief auf rosa Papier. Darin bedankte sich eine Patientin bei ihrem Neurologen. Die junge Frau hatte an Lähmungen und Schmerzen gelitten. Nichts half – bis der Professor ihr «Nixdrin forte» verordnete. Es wirkte Wunder. Aber nicht lange.
Die Mutter der Patientin liess nicht locker. Sie wollte wissen, was es mit «Nixdrin forte» auf sich hatte. Als die Wahrheit herauskam, hörte das Mittel auf zu wirken: «Nixdrin forte» war «nur» ein Scheinmedikament. Es enthielt nix, absolut keinen Wirkstoff.
Gewissenkonflikt für Ärzte
Diese Anekdote zeigt, wie wirkungsvoll Placebos sein können. Und in welches Dilemma sie die Ärzte bringen: «Wenn wir die Wahrheit sagen, machen wir unter Umständen die Wirkung zunichte. Lügen wir, ist dies mit unserem Ethos als Arzt nicht vereinbar», brachte es Markus Gnädinger vom Zürcher Institut für Hausarztmedizin auf den Punkt. Gnädinger war einer der Referenten einer Tagung zum Thema Placebo, die diese Woche in Zürich stattfand.
Laut Andreas Zeller von der Universitäts-Poliklinik Basel haben Placebos «grosses Potenzial, das Vertrauen zwischen Patient und Arzt zu stören». Verabreicht werden sie trotzdem. Zwischen 40 und 99 Prozent der Ärzte geben manchmal ein Scheinmedikament oder Scheinbehandlungen. Das zeigen Umfragen in Dänemark, Schweden, den USA und im Kanton Zürich.
Bessere Laune, weniger Pein
Kein Wunder: Richtig eingesetzt, bewirken die wirkstofffreien Medikamente Erstaunliches. In Studien haben sie bei Parkinson-Kranken die Bewegungsstörungen markant verbessert oder Beschwerden bei Reizdarm gelindert. Sie halfen Asthmatikern, freier zu atmen. Bei Depressiven hoben sie die Stimmung. Etwa jeder dritte Patient mit Migräne oder Depression spricht auf sie an. Ihr Haupteinsatzgebiet aber sind Schmerzen.
Ihre wohl berühmteste Wirkung beschrieb der US-Narkosearzt Henry Beecher. Er war im Zweiten Weltkrieg hinter der Front in Italien stationiert. Als ihm das Morphin ausging, spritze er den Kriegsverletzten simple Kochsalzlösung gegen die Schmerzen – mit bemerkenswertem Erfolg, wie er später schrieb. Seit seiner Publikation «The powerful placebo», auf Deutsch «Das mächtige Placebo», im Jahr 1955 haben die Forscher viele Erkenntnisse hinzugewonnen. Inzwischen wissen sie, wie sich die Wirkung von Placebos steigern lässt.
Zusehen hilft ebenfalls
Kann der Patient beispielsweise zusehen, wie das wirkstofffreie Mittel gespritzt wird, wirkt es besser. Das zeigte ein Experiment mit Patienten, denen ein Weisheitszahn gezogen wurde. Spritzte der Arzt vor ihren Augen wirkungslose Kochsalzlösung in ihre Ader, half dies genauso gut gegen die Schmerzen wie sechs bis acht Milligramm Morphin, die – ohne dass die Patienten dies sehen konnten – über einen dünnen Schlauch in ihre Vene flossen.
Der Preis des Placebos und seine Farbe haben ebenfalls Einfluss auf die Wirkung. In einem anderen Versuch hielten die Teilnehmer schmerzhafte elektrische Schläge besser aus, wenn sie zuvor eine Pseudo-Schmerztablette im Wert von 2.50 Dollar bekommen hatten. Kostete die Tablette angeblich nur 10 Cent, litten die Probanden stärker – obwohl die Pillen dieselben waren und gar kein Schmerzmittel enthielten.
Rote Pillen wirken stark
Farblich täuschen rote und schwarze Pillen «starke» Wirkung vor, weisse dagegen «schwache». Roten, gelben und orangen Tabletten trauen die Patienten eher eine anregende Wirkung zu. Von blauen oder grünen erwarten sie hingegen Beruhigung. Eine wichtige Rolle spielt aber auch die «Droge Arzt»: Dem «Halbgott in Weiss» vertrauen Kranke mehr, als wenn derselbe Doktor in Pullover und Jeans daherkommt. Ganz wesentlich ist, was er sagt. Das zeigte unter anderem ein Experiment, bei dem frisch operierte Patienten auf Verlangen ein starkes Schmerzmittel erhielten. Ausserdem tropfte aus einer Infusion kontinuierlich Kochsalzlösung in ihre Vene.
Gaukelten die Forscher ihnen vor, dass die Salzlösung ein Schmerzkiller sei, benötigten sie 34 Prozent weniger vom echten Schmerzmittel, verglichen mit den Kranken, denen nichts vorgeflunkert worden war. Erzählten die Forscher den Patienten hingegen, dass die Infusion entweder ein Placebo oder ein Schmerzmittel sein könnte, sank der Schmerzmittelbedarf nur um 21 Prozent. Am besten hilft also die Lüge.
Funktioniert auch bei Tieren
Im Körper sind die Effekte der Placebos messbar. Sie erhöhen zum Beispiel im Hirn die Ausschüttung von Nervenbotenstoffen oder führen zu Reaktionen des Immunsystems – auch bei Tieren. In einem Versuch transplantierten Forscher mehreren Ratten ein fremdes Rattenherz. Um die Abstossung des Organs zu verhindern, gaben sie den Nagern Cyclosporin, begleitet von wirkungslosem Süssstoff.
Als die Tiere später nur noch den Süssstoff bekamen, hätten die Herzen abgestossen werden müssen. Doch: «Jede fünfte Ratte konnte ohne Immunsuppression leben», sagt Margrit Fässler vom Zürcher Institut für Biomedizinische Ethik. Ähnliches funktionierte bei Asthmatikern mit Wirkstoff plus Vanillearoma. Es beweist, dass Konditionierung zum Placebo-Effekt beitragen kann. Auch die Erwartung, dass etwas hilft, sowie Zuwendung und Beeinflussung sind wichtig.
Ihre Patienten gezielt zu täuschen, kommt für viele Ärzte aber nicht in- frage – abgesehen davon, dass auch 70 Prozent der Patienten es wissen möchten, wenn ihr Arzt eine «unspezifische» Therapie einsetzt. Das ergab eine Umfrage bei 360 Patienten in Zürcher Hausarztpraxen, die Markus Gnädinger und seine Kollegen durchführten.
Patienten wollen belogen werden
«Wir haben immer ein schlechtes Gewissen, wenn man ein Placebo gibt», bekannte ein Zuhörer an der Tagung. Doch das ist vielleicht gar nicht nötig. Patienten würden den Placebos nämlich mehrheitlich neutral oder positiv gegenüberstehen, fand Gnädinger heraus. Immerhin 42 Prozent fänden es sogar in Ordnung, von ihrem Arzt punkto Placebo-Einsatz gezielt belogen zu werden.
Aber: Kämen sie hinter den Schwindel, wären 54 Prozent der Befragten enttäuscht, falls es sich um ein «reines» Placebo handelte wie Zuckerpillen. 44 Prozent wären enttäuscht, wenn es nur ein «unreines» Placebo wäre. Darunter verstehen Mediziner Scheinbehandlungen, die zwar bei vielen Erkrankungen nichts bringen, aber doch wenigstens irgendeinen Effekt haben wie Vitamine.
Wie können Ärzte das Problem lösen? Der US-Bioethiker Franklin Miller schlägt ihnen unverfängliche Sätze vor: «Diese Medizin ist bei Ihrer Erkrankung nicht sehr gebräuchlich. Sie könnte Ihnen helfen. Wir wissen nicht, warum sie wirkt. Es könnte mit einem psychologischen Mechanismus zusammenhän-gen, der die Selbstheilung fördert. Ich denke, es ist einen Versuch wert.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.11.2009, 04:00 Uhr
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2 KOMMENTARE
Selber nehme ich eher selten Meikamente und bobachte dann ihre Wirkung sehr kritisch. In meiner Umgebung beobachte ich die Wirkung von Alternativer Medizin bis zur Scharlatanerie, die kurzfristig helfen. Die Schulmedizin sollte aber ehrlich bleiben, sich auf Ihr Wissen stützen und das Glauben anderen überlassen. Sie wäre auch verständlicher, wenn sie die Selbstheilung stärker darstellen würde.
"Wir haben immer ein schlechtes Gewissen, wenn man Placebo gibt". Brauchen Sie nicht! Praktizieren Sie Homöopathie. Das ist zumindest Nixdrin mite.
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