Wenn sich Mathematiker mit verknoteten Haaren beschäftigen
Von Anke Fossgreen. Aktualisiert am 04.03.2010
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Wenn Marc Abrahams zu einer Pressekonferenz einlädt oder Vorträge moderiert, strömen Journalisten und Wissenschaftler gleichermassen in Scharen zu ihm. Der Grund: Es gibt etwas zu lachen. So geschah es auch kürzlich bei der Jahrestagung der amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Wissenschaften in San Diego.
Abrahams gibt die sehr spezielle Zeitschrift «Annals of Improbable Research» heraus. Darin sammelt der studierte Mathematiker obskure Forschungsergebnisse, die auf den ersten Blick lustig, skurril oder aber völlig überflüssig klingen. Sein analytisch-ironischer Blick auf die Wissenschaft ist inzwischen Kult. Weltbekannt ist der 54-Jährige zudem durch seine jährliche Show, bei der er an der Harvard University in Cambridge bei Boston zehn «Ig-Nobelpreise» verleiht. Nobelpreise für die Forschung, die «ignoble», also «unehrenhaft» ist.
«Ich möchte, dass die Leute erst lachen und dann denken», erklärt Abrahams sein Erfolgsrezept. Das beste Beispiel dafür ist die letztjährige Ig-Nobelpreis-Trägerin für «Gesundheit», Elena Bodnar von der Universität in Chicago. Die Medizinerin stellte in San Diego eine von ihr entwickelte aussergewöhnliche Gesichtsmaske vor. «Sie schützt davor, bei Feuer, Explosionen oder bestimmten Bomben giftige Stoffe einzuatmen», so Bodnar.
Körbchengrösse ist egal
Der Vorteil ist, jede Frau kann diese Gesichtsmaske immer dabei haben und zusätzlich einen anderen Menschen schützen. Das Besondere: Der Atemschutz wird in wenigen Sekunden aus einem Büstenhalter gebastelt. Die Körbchengrösse sei dabei egal, Hauptsache der Stoff bedecke gleichzeitig Mund- und Nase.
Das rote Satin-Dessous, das die attraktive Ärztin – nachdem sie geschickt einige Haken und Ösen gelöst hatte – aus ihrem Pullover zog, erfüllte alle Bedingungen. Testperson war Dorian Raymer, Student am Scripps-Institut für Ozeanografie, auch er ein Gast von Abrahams. Raymer hat mathematisch bewiesen, was jeder aus dem Alltag kennt: Schnüre, Bänder oder Haare verknoten sich irgendwann immer.
Bodnar legte dem jungen Forscher das Körbchen über Mund und Nase und fixierte die kleidsame Maske mit dem Schulterträger hinter seinem Kopf.
Die witzige Idee hat einen ernsten Hintergrund. «Bodnar stammt aus der Ukraine. Sie hat nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl Strahlungsopfer behandelt», sagt Abrahams. «Heute wissen wir, dass die radioaktive Strahlung kaum über die Haut eingedrungen ist, sondern die Menschen gefährliche Partikel einatmeten.» Hätten die Betroffenen 1986 schnell verfügbare Gesichtsmasken gehabt, wären sie nicht so schwer erkrankt.
44'000-mal Knöchel geknackt
Donald Unger aus Thousand Oaks in Kalifornien ging es mit seinem aussergewöhnlichen Langzeitversuch um ein persönliches Anliegen. Er widerlegte in einem mehr als 60 Jahre andauernden Experiment seine Mutter. Sie habe zu ihm stets gesagt: «Wenn du mit den Knöcheln knackst, bekommst du Arthritis.» Daraufhin knackte Unger zweimal täglich mit den Knöcheln seiner linken Hand, indem er die einzelnen Finger lang zog, insgesamt knapp 44'000-mal. Die Finger der rechten Hand verschonte er. Erfreulicherweise sind nach wie vor die Gelenke sämtlicher Finger des Immunologen gesund. «Du hattest Unrecht», rief Unger bei der Pressekonferenz pathetisch mit einem Blick in den Himmel zu seiner bereits verstorbenen Mutter. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.03.2010, 06:34 Uhr
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