Insulin unter Krebsverdacht

Von Martina Frei. Aktualisiert am 29.06.2009

Das Insulin «Lantus» soll das Risiko für Krebserkrankungen erhöhen. Die Studien dazu sind aber widersprüchlich.

Das umstrittene Insulin «Lantus».

Das umstrittene Insulin «Lantus».

Der Zusammenhang sei mit diesen Analysen keineswegs bewiesen, aber man müsse das im Auge behalten, sagt der Diabetes-Spezialist Giatgen Spinas vom Zürcher Universitätsspital. Grund für die erhöhte Wachsamkeit ist eine Studie an rund 130'000 deutschen Diabetikern. Wer das Analog-Insulin Glargin spritzt, so das beunruhigende Fazit, erkrankt mit grösserer Wahrscheinlichkeit an Krebs. Analog-Insuline unterscheiden sich in ihrer Struktur minim von Humaninsulinen und sollen so schneller und gleichmässiger wirken.

Risiko steigt mit der Dosis

Mit steigender Dosis an «Lantus», so der Handelsname, stieg in der Studie das Krebsrisiko: Bei einer Tagesdosis von zehn Einheiten des Analog-Insulins war es knapp zehn Prozent höher als mit Humaninsulinen; bei einer Dosis von 50 Einheiten lag es 30 Prozent höher. Durchgeführt wurde die Studie vom Kölner Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen – jenem Institut, das seit 2006 bezweifelt, dass die teuren Analog-Insuline besser sind als Humaninsuline und deshalb Ärger mit den Herstellern hat.

Alarmiert durch die neuen Befunde wurden drei weitere Studien in Schweden, Schottland und Grossbritannien veranlasst. Sie erbrachten widersprüchliche Resultate. Nur die schwedische Studie bestätigte den Befund: Dort war das Brustkrebs-Risiko bei Diabetikerinnen, die Lantus spritzten, doppelt so hoch, verglichen mit anderen Insulinen. Dass das Analog-Insulin Krebs fördert, ist theoretisch möglich. Lantus bindet an einen Rezeptor, der auch bei vielen Tumorerkrankungen eine Rolle spielt. Bereits bei seiner Einführung wiesen pharma-unabhängige Fachblätter – gestützt auf Ergebnisse an Tieren – auf diese Möglichkeit hin.

Medikament nicht absetzen

Erklärungsbedürftig ist jedoch, weshalb es in nur 1,6 Jahren – dem durchschnittlichen Beobachtungszeitraum in der Kölner Studie – das Risiko für Krebs derart erhöhen soll und warum dies nicht schon längst aufgefallen ist. Möglicherweise sei das grössere Krebsrisiko unter Lantus damit zu erklären, dass dieses Insulin eher älteren, übergewichtigen Patienten verordnet wurde, schreiben zwei Kommentatoren. In dieser Gruppe tritt Krebs per se häufiger auf.

Angesichts der verwirrenden Befunde wies der Hersteller von Lantus, Sanofi-Aventis, umgehend darauf hin, dass die Studien keine definitiven Rückschlüsse zuliessen. Dem pflichtet Spinas bei: «Die jetzt veröffentlichten Daten sind überhaupt nicht konklusiv.» Einig sind sich momentan alle Fachleute und -gesellschaften in zwei Punkten: Diabetiker sollten das Analog-Insulin nicht absetzen. Und weitere Studien sind dringend nötig. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.06.2009, 20:58 Uhr

Populär auf Facebook Privatsphäre

Meistgelesen in der Rubrik Wissen

Umfrage

Waren Sie schon mal in einem Pfingstlager?




Telefonbuch

Marktplatz