Hautkrebs wird oft nur per Zufall entdeckt
Von Felix Straumann. Aktualisiert am 14.05.2011 1 Kommentar
Hautcheck-Aktion
Zwiespältige Diagnosehilfe
Auf den ersten Blick eine sinnvolle Sache: Bis zum 15. Juni kann jeder und jede digitale Fotos von verdächtigen Muttermalen auf der Website www.myskincheck.ch hochladen und so durch Hautärzte kostenlos beurteilen lassen. Innerhalb von wenigen Tagen erhält man per E-Mail eine Antwort, ob das Muttermal harmlos oder eine genauere Abklärung durch einen Dermatologen notwendig ist. Es ist eine von La Roche-Posay organisierte und bezahlte Aktion, die Kosmetikfirma hat dafür Reinhard Dummer, stellvertretender Direktor der dermatologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich, ins Boot geholt. Dermatologe Ralph Braun, der an der gleichen Klinik arbeitet, jedoch nicht an der Aktion beteiligt ist, steht dem Ganzen zwiespältig gegenüber. «Das Problem ist, dass der Patient eine Vorselektion trifft und der Arzt dadurch nur ein paar wenige Muttermale sieht», sagt er. Die eigentlich gefährliche Hautveränderung könne dadurch leicht übersehen werden. Ausserdem dürfte in vielen Fällen die Bildqualität mangelhaft sein. «Für junge, agile Menschen, die mit digitalen Fotos umgehen können und selten zum Arzt gehen, kann die Hautcheck-Aktion aber sicher nützlich sein.» (fes)
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In den Sprechstunden von Ralph Braun ist nicht selten auch «Doktor Zufall» mit anwesend. Der Dermatologe vom Universitätsspital Zürich erinnert sich beispielsweise an einen Patienten mit kurzen Hosen, bei dem er erst beim Hinausgehen hinten am Bein ein Melanom entdeckte. Eigentlich war der Mann gekommen, um eine verdächtige, aber schlussendlich harmlose Hautveränderung bei seinem Kind zu zeigen.
Ärzte entdecken immer wieder gefährliche Hautveränderungen bei Patienten, die sich wegen etwas ganz anderem haben untersuchen lassen. Allerdings könnten solche Zufallsbefunde öfter vorkommen. «Vor allem Hausärzte sehen bei ihren Untersuchungen viel nackte Haut», sagt Ralph Braun. Sie würden deshalb eine wichtige Position bei der Früherkennung einnehmen. Erst recht, weil sie häufig auch die erste Anlaufstelle sind für Patienten, die bei sich ein verdächtiges Muttermal vermuten. Gerade jetzt nach den Sensibilisierungskampagnen der Krebsliga für den Hautkrebstag vom vergangenen Montag prüfen viele Menschen ihre Haut eingehender und eilen wegen der einen oder anderen verdächtigen Hautveränderung zum Arzt.
Jährlich 2000 Erkrankte
Auf der anderen Seite stehen die Dermatologen, die wegen der steigenden Häufigkeit von Hautkrebs an ihre Grenzen stossen. Laut Krebsliga erkranken in der Schweiz heute jedes Jahr rund 2000 Patienten neu an Hautkrebs. 290 – die Hälfte unter 70-jährig – sterben jährlich daran, was rund 2 Prozent aller Krebstodesfälle entspricht. Der Trend zeigt nach oben. «Der künftige Bedarf an Hautuntersuchungen wird die Kapazität der Hautärzte sprengen», glaubt Braun. Hinter vorgehaltener Hand heisst es zudem, dass sich heute immer mehr Hautärzte lieber mit der lukrativeren ästhetischen Medizin beschäftigen als mit der dermatologischen Grundversorgung. Wer seine Haut untersuchen lassen will, müsse deshalb lange auf einen Termin warten. Ralph Braun bestreitet diesen Vorwurf allerdings.
Eine Studie des Instituts für Hausarztmedizin der Universität Zürich, die Braun initiiert hat, soll die Hautkrebs-Kenntnis der Allgemeinmediziner verbessern. Die Medizinerin Nina Badertscher will damit eine Fortbildung untersuchen, die mit einem neuen Ansatz das weitergegebene Wissen der Ärzte längerfristig zu sichern versucht. «Das Interesse ist enorm gross, wir haben zum ersten Mal das ‹Problem›, dass wir mehr angemeldete Hausärzte haben, als wir Studienplätze anbieten können», sagt Badertscher. In den Sprechstunden sei Hautkrebs ein häufiges Thema, bei dem zudem viele Ärzte unsicher seien. In vielen Fällen reiche zwar eine Blickdiagnose. «Frühe Formen des Melanoms erfüllen jedoch noch nicht die Kriterien der Krebsliga», sagt Badertscher. Sie zu erkennen, erfordere viel Erfahrung. In der Studie werden die Hausärzte allerdings vor allem dem viel häufigeren weissen Hautkrebs begegnen. Dieser ist in den meisten Fällen nicht gefährlich, sondern primär ein ästhetisches Problem.
Niemand will für Studie zahlen
Und so läuft die Studie ab: 78 Hausärzte besuchen einen ganztägigen dermatologischen Fortbildungskurs am Unispital Zürich und erhalten eine Untersuchungslupe sowie eine Digitalkamera, mit denen sie auffällige oder interessante Hautveränderungen ihrer Patienten fotografieren und an einen Dermatologen am Unispital schicken können. Dieser gibt den Ärzten dann ein individuelles Feedback und schult sie damit weiter. Nach einem Jahr überprüft Badertscher das Wissen der Hausärzte in einem Test und vergleicht die Resultate mit Studienteilnehmern, die nur den eintägigen Kurs ohne anschliessende kontinuierliche Schulung absolviert haben. Sollte die Studie positiv ausfallen, dann will man das Angebot flächendeckend etablieren.
Zwar kann das rund 250'000 Franken teure Projekt jetzt starten, doch finanziert ist es erst teilweise. «Alle finden das Projekt spannend, aber niemand will Geld geben», sagt Badertscher. Sogar die Krebsliga habe abgelehnt. «Es gibt wenig Finanzierungsmöglichkeiten für diese Art von Versorgungsforschung», beklagt sich auch Dermatologe Braun. Nur für Grundlagen- oder Medikamentenforschung habe man Geld. «Dabei ist die Hautkrebs-Diagnostik etwas, das direkt Leben rettet», sagt Braun, der die von den Hausärzten eingesandten Bilder unentgeldlich erst nach Feierabend beurteilt, wie er sagt. Für Braun ist der stärkere Einbezug der Hausärzte erst der Anfang. «Eigentlich müssten alle Berufsgruppen, die nackte Haut sehen, für das Problem Hautkrebs sensibilisiert werden», sagt Braun. Physiotherapeuten würde man bereits in der Ausbildung mit dem Thema konfrontieren. Doch müssten beispielsweise auch Coiffeure über rudimentäre Kenntnisse verfügen. «Beim Haarwaschen sieht man die Kopfhaut gut», so Braun. Dabei könnte das eine oder andere Melanom entdeckt werden – mithilfe von «Friseur Zufall».
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.05.2011, 20:54 Uhr
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1 Kommentar
Was soll den der Hausarzt noch alles für Wunder vollbringen? Dafür bilden wir doch Spezialisten aus. Ob die so teuer sein müssen ist eine andere Frage. Und Coiffeure könnten, aber das könnte doch der Bademeister.... Nein! Nicht jeder soll am Ende alles überall immer wissen. Und letztlich ist das Leben eben gefährlich. Antworten
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