Wissen
Glück – Mixtur aus Weisheit, Witz und Wissenschaft
Von Martina Frei. Aktualisiert am 10.06.2009 1 Kommentar
Das Buch
Eckart von Hirschhausen: Glück kommt selten allein. Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg 2009. Ca. 34 Fr.
Was tötet das Glück? Fünf Dinge: der Wunsch, immer das Beste zu kriegen. Der Vergleich mit anderen. Übermass. Keine wahren Freunde zu haben. Und fehlende Bewegung im Tageslicht.
Auf diesen Nenner liesse sich das neue Buch des Arztes und Kabarettisten Eckart von Hirschhausen bringen – aber das rund 380 Seiten dicke Werk ist viel lustiger. Seine Quintessenz: Man sollte die Suche nach dem Glück nicht so tierisch ernst verfolgen.
Statt auf Tipps, die sowieso niemand befolgt, setzt von Hirschhausen auf – mal derben, mal feinsinnigen – Witz: «85 Prozent aller Frauen finden ihren Arsch zu dick. 10 Prozent aller Frauen finden ihren Arsch zu klein. 5 Prozent aller Frauen finden ihren Arsch so, wie er ist, okay und sind froh, dass sie ihn geheiratet haben.» Zwischen den Witzen finden die Leser leicht verständliche Informationen, wie sie glücklicher werden. Von Hirschhausen fasst locker zusammen, was andere Glücksratgeber im Ernst empfehlen.
Den richtigen Partner finden
Bei der Partnersuche rät er – wie bei fast allem – zur Mittelmässigkeit. «Mal ehrlich: Wie wahrscheinlich ist es, unter sechs Milliarden Menschen den einzig Richtigen zu finden – innerhalb der ersten 80 Lebensjahre?», fragt der Autor. «Nehmen Sie mal alle realen Partner aus Ihrem Leben zusammen... und alle, die sie hätten haben können. Wenn Ihr gegenwärtiger Partner im Vergleich besser ist als der Durchschnitt, sind Sie schon ziemlich gut! Sollte er gar im gefühlten oberen Drittel anzusiedeln sein, dann hören Sie auf, nach etwas Besserem zu suchen!» Wer in der Hoffnung auf einen Märchenprinzen den Frosch an die Wand werfe, erhalte dadurch keinen Prinzen, sondern müsse fortan mit einem schwer traumatisierten Frosch leben.
Statt dem grossen Glück hinterherzujagen, solle man sich am kleinen erfreuen. Das ist viel häufiger und erst noch billiger. Bereits zehn Cent genügen, wie eine Studie belegt. Erwiesenermassen waren Menschen, die kurz vor der Befragung «zufällig» eine (vom Versuchsleiter hingelegte) Münze fanden, mit ihrem Leben insgesamt zufriedener. Zehn Cent nur – und schon erscheint das Bild des eigenen Lebens schöner.
Plädoyer für Genügsamkeit
Mit solchen Bildern plädiert der Autor für Genügsamkeit. Auch bei den Gaumenfreuden: Schokolade wirkt zwar stimmungsaufhellend, aber nur bei dem, der sich mässigt: «Hören Sie in sich hinein, bevor Sie etwas in sich hineinstopfen. Und stellen Sie sich vor dem Mundaufmachen die Frage: ‹Möchte ich daraus bestehen?›»
Die fortwährende Jagd nach dem Kick sei dem Glücklichsein ebenfalls abträglich. Treibende Kraft bei dieser Jagd nach Sensation ist der Hirnbotenstoff Dopamin, kurz Dopa genannt.
Serotonin bleibt zu Hause
«Es verspricht uns Erfüllung und Glück, ohne jemals zu liefern! ...Dopa... ist der Kick, die Neugier, das ‹Raus in die Welt›. Serotonin ist sein gelassener Gegenspieler – zum Beispiel nach einem guten Essen, wo du nur denkst: Morgen verbessere ich die Welt wieder, heute Abend ist sie okay, wie sie ist. Serotonin bleibt zu Hause.» Fehlt Serotonin, «wird es düster – dann werden wir depressiv. Wenn Dopamin zu viel wird, wird es uns zu bunt – dann bekommen wir Halluzinationen.» Das ist eine korrekte und gleichzeitig einfache Erklärung, wie sie das Buch oft bietet.
Dass der Mensch fortwährend den Kick sucht, liegt aber nicht nur am Dopamin, legt von Hirschhausen dar, sondern auch an anderen Botenstoffen wie den Endorphinen. Entscheidend sei das «schnelle Anfluten». «Bungee-Springen wäre nicht so populär, würde man über die gleiche Distanz am Seil langsam über eine rostige Seilwinde heruntergelassen!»
Das Grosshirn hat wenig zu melden
Das Grosshirn habe oft nur wenig mitzureden, schreibt von Hirschhausen. Behaupte etwa ein Raucher, er greife zur Zigarette, weil sie ihm schmecke, sei er sich über die wahren Verhältnisse in seinem Hirn nicht im Klaren: «Die Grosshirnrinde hat... mit der Entscheidung nichts zu tun. Die fiel eine Etage tiefer bei den Hormonen. Der Verstand ist nicht die Regierung des Menschen. Mehr so der Regierungssprecher. Wie in der Politik erfährt der Regierungssprecher als Letzter, was beschlossen wurde, muss es aber nach aussen hin rechtfertigen.»
«Lass mich in der Lotterie gewinnen»
Überhaupt ist der Mensch nur zum Teil seines Glückes Schmied, tröstet die Wissenschaft – und mit ihr von Hirschhausen. Unsere Persönlichkeit sei mindestens zur Hälfte genetisch festgelegt; sie ändere sich wenig über die Lebenszeit. «Besser als jeder Gentest im Labor ist ein Familientreffen. Dort bekommt man schnell ein Gefühl für die ‹Erblast› und die Bandbreite, die gleichzeitig möglich ist. Die Gene sind wie Spielkarten, die wir ausgeteilt bekommen haben. Wie wir damit spielen, liegt an uns. Und manchmal nützen einem auch vier Asse im Ärmel nichts – zum Beispiel beim Schach», schreibt er.
Seine dritte Botschaft, dass man selbst etwas für sein Glück tun kann, ja sogar soll, verpackt von Hirschhausen geschickt. Er zitiert den verzweifelten Moshe, der Gott anfleht, ihm nach all dem Leid nun doch bitte eine Chance zu geben und ihn in der Lotterie gewinnen zu lassen. Nachdem er Tag für Tag gebetet hat, ertönt aus dem Himmel eine tiefe Stimme: «Moshe, ich hab dein Klagelied ein Jahr lang anhören müssen. Jetzt, bitte, gib du mir eine Chance – und kauf dir endlich ein Los!»
Aufs Jammern verzichten!
Zum eigenen Beitrag gehört, aufs ständige Jammern zu verzichten. Die Nervenverbindungen im Gehirn sind plastisch, und wer ständig auf seinen Jammerlappen höre, könne negativen Gedankengängen den Weg bahnen: «Nervenzellen, die gemeinsam agieren, bekommen einen Draht zueinander – und irgendwann eine Standleitung». Das liest sich flott und klingt anschaulicher als der Fachbegriff Neuroplastizität.
Diese Lernfähigkeit der Nervensynapsen lässt sich umgekehrt zum Glücklicher-werden nützen. Den inneren Schweinehund besiegen, sich zum Sport aufraffen, den dadurch ausgelösten Endorphinrausch geniessen – das kann für kleine Glücksmomente sorgen. Sei das tägliche Joggen erst einmal etabliert, schreibt der Kabarettist, «muss man den Körper nicht mehr zwingen, laufen zu gehen, er fordert es von allein, freut sich darauf, kommt wie ein Hund mit wedelndem Schwanz an die Haustür und möchte raus (der Vergleich hinkt heftig, aber Sie wissen hoffentlich, was gemeint ist).»
Gute Freunde und ein Hund
Wer glücklich sein will, suche sich am besten gute Freunde und einen Hund. «Es hat noch nie jemand am Ende seiner Tage gesagt: Ich hätte mehr Zeit im Büro verbringen sollen. Alle sind sich, wenn es hart auf hart kommt, einig: Was zählt, sind die Beziehungen, die Menschen, die Herzen.» Ob es sich dabei um den Partner oder Freunde handelt, sei zweitrangig, denn «gute Freundschaften halten im Schnitt viel länger als Ehen!», behauptet der Schreiber kühn. Der Hund wiederum verhilft dem Herrchen zu (antidepressiv wirkender) Bewegung und Tageslicht sowie zu sozialen Kontakten.
Ein Kardinalfehler der Unglücklichen ist, sich mit anderen zu vergleichen – natürlich immer mit denen, die mehr von dem haben, was man selbst gern hätte. 500 Euro mehr Lohn sind zum Beispiel für die meisten sehr willkommen. Sobald sie aber dann erfahren, dass der Kollege 1000 Euro mehr bekommt, sei die Freude dahin, gibt Eckart von Hirschhausen zu bedenken.
Man dürfe sich nichts vormachen, meint der Kabarettist, Schicksalsschläge seien im Leben nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Dennoch sei das Leben eine viel grössere Chance als ein Sechser im Lotto. Denn: «Sie wurden sorgfältig durch die Eizelle aus einem Pool von 300 Millionen Mitbewerbern ausgewählt. Sie sind das Ergebnis des besten Spermiums in jener Nacht. Sie sind ein Gewinner, so oder so. Machen Sie das Beste draus!»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.06.2009, 09:44 Uhr
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1 KOMMENTAR
Ein wunderbarer Artikel - und das Buch "Glück kommt selten allein" sollten nicht nur im Lehrplan junger Menschen sondern auch in Managerseminaren empfohlen werden.






