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Gewitter im Kopf mit bösen Folgen

Von Juliane Lutz. Aktualisiert am 04.07.2011

47 Prozent der Erwachsenen in Europa leiden unter wieder kehrenden Kopfschmerzen oder Migräne. Die richtige Behandlung könnte ihr Leben verbessern und viel Geld sparen.

Hämmernd oder dröhnend fährt der Schmerz in eine Kopfhälfte, wo er bis zu 72 Stunden anhalten kann. Viele Migräniker legt eine Attacke völlig lahm.

Hämmernd oder dröhnend fährt der Schmerz in eine Kopfhälfte, wo er bis zu 72 Stunden anhalten kann. Viele Migräniker legt eine Attacke völlig lahm.
Bild: Colourbox

Peter Sandor ist Migräne-Experte und Leitender Arzt am Kantonsspital Baden (Bild: zvg)

Marylou Selo gründete die Werner-Alfred-Selo-Stiftung im Gedenken an ihren Vater, der das ganze Leben unter Migräne und Depressionen gelitten hatte. (Bild: zvg)

Warum Migräniker an Stimmungstiefs leiden

Marylou Selo, deren Vater an Migräne und Depressionen litt, unterstützt die Forschung in diesem Bereich. Der in Zug lebende Erz- und Metallhändler Werner Alfred Selo (1908–1993) hatte seit seinem 15.Lebensjahr mit chronischer Migräne zu kämpfen, die ihm das Leben zur Hölle machte. Dank Schmerzmitteln und eiserner Disziplin gelang es ihm dennoch, eine grosse Karriere zu machen und ein guter Vater zu sein. Zusätzlich litt Selo unter nicht erkannten Depressionen, die bei Migränikern gehäuft auftreten. Im Alter von 85 Jahren nahm er sich schliesslich das Leben.

1994 gründete seine Tochter Marylou, die der Meinung ist, dass kurzfristige Kampagnen gegen Depression nicht genug bringen, die Werner-Alfred-Selo-Stiftung. Deren Ziel ist es, in der Schweiz und international die Erforschung und Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen weiter voranzutreiben. Die Stiftung engagiert sich heute intensiv in der Aufklärungsarbeit rund um diese Krankheitsbilder.

«Gesetze jedoch führen mehr als alles andere dazu, dass sich die öffentliche Meinung ändert», sagt Marylou Selo und hofft auch in der Schweiz auf ein Equivalent zum «Parity Law» in den USA. Danach müssen Psychischkranke gleich behandelt werden wie physisch beeinträchtigte Menschen.

Auch rief Marylou Selo zusammen mit anderen die Selbsthilfeorganisation «Equilibrium» für Depressive und deren Angehörige ins Leben, die bis heute von der Selo-Stiftung finanziell unterstützt wird.

Ein besonderes Anliegen ist es der 67-jährigen Diplomdolmetscherin, dass der Zusammenhang zwischen Kopfschmerzen und Depression weiter beleuchtet wird. So fanden beispielsweise 2010 Forscher der niederländischen Universität Leiden in einer Studie mit 2600 Teilnehmern heraus, dass das Risiko einer Depression bei Migräne mit Aura (neurologische Phänomene wie Augenflimmern kurz vor einer Attacke) um 70 Prozent erhöht war und bei einer Depression ohne Aura immerhin noch um 30 Prozent. Derzeit unterstützt die Selo-Stiftung den Wissenschaftler Martin Preisig vom Universitätsspital CHUV in Lausanne, der eine grosse Untersuchung zum Thema «Stimmungsstörungen und Migräne» durchführt.

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Lange galt Migräne als Ausrede lustloser Frauen. Dabei verhält sich ein Anfall, den schon ein heisser Sommertag auslösen kann, wie ein heftiges Gewitter im Kopf. Dazu gesellen sich noch Übelkeit und eine Überempfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen. Betroffene beschreiben die Schmerzen, «als würden Drähte durch das Hirn gezogen oder der Kopf in einen Schraubstock gezwängt».

Kopfweh kostet Millionen

«47 Prozent aller Erwachsenen leiden unter wiederkehrenden Kopfschmerzen oder Migräne.» Das ist das Fazit von Migräneforscherin Colette Andrée. Sie leitete am luxemburgischen Center of Public Health Research von 2008 bis 2011 das europäische Forschungsprojekt «Eurolight», an dem 9362 Personen teilnahmen, und stellte neulich erste Zahlen bei einem Kopfwehkongress in Berlin vor. «80 Prozent der Betroffenen leiden unter so schweren wiederkehrenden Schmerzen, dass sie den täglichen Aufgaben nicht mehr nachkommen können», so Andrée.

Auch die wirtschaftlichen Auswirkungen sind beträchtlich: «Durch Kopfschmerzen gehen in Europa jährlich 190 Millionen Arbeitstage verloren, und Kosten in Höhe von rund 224 Millionen Franken entstehen», führt Andrée weiter aus. Obwohl Kopfschmerzen die am weitesten verbreitete Krankheit des Gehirns sind – jeden Moment erleidet etwa eine Million Menschen in Europa eine Migräneattacke –, würden sie oft nicht ernst genommen. Die Folge: Sie werden nicht richtig behandelt.

«In der Schweiz weiss von den Migräne-Betroffenen etwa die Hälfte nicht, was sie eigentlich so quält», sagt Peter Sandor. Der Leitende Arzt Neurologie am Kantonsspital Baden und Leiter der Akutnahen Neurorehabilitation von RehaClinic, war ebenfalls an der Eurolight-Studie beteiligt. Er und Andrée fordern von Politik, Ärzten und Apothekern die Einsicht, dass man einem ernst zu nehmenden Gesundheitsproblem gegenüberstehe. Und bessere Behandlungsbedingungen zu schaffen.

Migräniker sind oft depressiv

Allein um das Leiden einigermassen erträglich zu halten, benötigen Migränepatienten eine entsprechende Therapie. Darüber hinaus leiden sie öfter als andere unter Begleiterkrankungen wie Angst- und Schlafstörungen und haben ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte. Internationale Untersuchungen belegten noch einen weiteren Zusammenhang: Menschen, denen wiederkehrende Kopfschmerzen zu schaffen machen, sind häufiger depressiv als jene ohne Gewitter im Schädel (siehe Box). Umgekehrt leiden Depressive häufiger an Migräne als andere.

Da Migräne auf genetischer Veranlagung beruht, ist sie nicht heilbar. «Doch mit der richtigen Behandlung ist eine gute Lebensqualität möglich», sagt Sandor. Die liegt jedoch nicht in einer möglichst strikten Lebensführung, bei der auf vermeintliche Auslöser wie Alkohol, Käse oder Schokolade verzichtet wird. «Lebensmittel sind viel weniger häufig Verursacher von Attacken als angenommen», erklärt der Neurologe. Er rät zu einer möglichst ausgeglichenen Lebensweise und zu regelmässigem Ausdauersport mit einem Puls zwischen 120 und 140 Schlägen in der Minute. Zahlreiche Untersuchungen wiesen nach körperlicher Betätigung im aeroben Bereich im Gehirn Abbauprodukte des «Glückshormons» Serotonin nach. Es könnte eine Schlüsselrolle spielen bei der Entstehung von Migräne. «Auch hebt Sport die Laune und senkt die Gefahr eines Herz- oder Hirninfarkts», sagt Sandor.

Bei den Medikamenten werden heute Antidepressiva und Herzmedikamente erfolgreich eingesetzt. Sogenannte CGRP-Antagonisten helfen nun Patienten, die aufgrund eines Herz- oder Hirninfarkts keine Triptane (bewährte Migränemittel) nehmen dürfen. Vielleicht wird hierzulande auch bald Botox bei quälenden Kopfschmerzen verwendet. In Grossbritannien und den USA ist das Nervengift seit 2010 dafür zugelassen. Peter Sandor hält es «aufgrund der guten Datenlage durchaus für eine sinnvolle neue Therapieoption». (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.07.2011, 08:17 Uhr

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