«Gehirn bleibt immer lernfähig»
Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 14.03.2011 5 Kommentare
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Walter Perrig
Der 60-jährige Psychologe leitet seit 1995 die AbteilungAllgemeine Psychologie und Neuropsychologie des Instituts für Psychologie der Universität Bern. Morgen Dienstag referiert er im Rahmen der Brainweek über das Thema«Lernen & Vergessen – Der Kampf gegen das Vergessen» (18.30 Uhr, Aula, Uni-Hauptgebäude). Die Brainweek beginnt heute Montag und endet am Freitag mit einer Nacht im Psychiatrie-Museum. Dazwischen stehen weitere Vorträge, eine Filmvorführung sowie ein Malwettbewerb auf dem Programm. Die Brainweek findet in verschiedenen Schweizer Städten statt und will einer breiten ÖffentlichkeitThemen rund ums Gehirn näherbringen. Weitere Informationen unter
www.brainweekbern.ch.
Walter Perrig. (zvg)
Herr Perrig, kann man Vergessen eigentlich lernen?
Man kann tatsächlich durch Nicht-daran-denken bewirken, dass man sich an bestimmte Dinge weniger gut erinnert. Im Labor wirkt bei Probanden sogar die Anweisung, Wörter aus einer Liste zu vergessen. Bei negativen Ereignissen, die einen sehr stark beschäftigen, ist das aber nicht möglich. Da geht es eher darum, diese Ereignisse in neue Zusammenhänge zu stellen und dadurch vielleicht einen Sinn darin zu erkennen. So werden sie langsam weniger schmerzhaft – das braucht aber viel Zeit.
Ihr Referat an der Brainweek heisst «Der Kampf gegen das Vergessen». Wäre es nicht furchtbar, wenn wir nichts vergessen könnten?
Doch, es geht hier aber um das, was man eigentlich nicht vergessen will oder darf. Es geht um jenes Vergessen, das Lernen erschwert oder zu unangenehmen oder peinlichen Situationen führt. Es geht um die Vergesslichkeit, wegen der man sich mit zunehmendem Alter Sorgen macht. Und es geht auch um krankhaftes Vergessen, welches die Lebensqualität enorm beeinträchtigen kann.
Was passiert im Gehirn, wenn wir etwas vergessen? Ist die Erinnerung dann endgültig gelöscht?
Das kann im Falle von Hirnschäden oder bei weit zurückliegenden Ereignissen der Fall sein. Und es kann sein, dass eine Erfahrung, die kurzfristig verfügbar ist, sich im Gehirn nicht verfestigt. Sehr oft ist es aber so, dass die Erinnerung noch da ist, aber nicht abgerufen werden kann. Wenn man dann Erinnerungshinweise bekommt, sich zum Beispiel an den Ort eines Geschehens zurückbegibt, kommt die Erinnerung zurück. Es gibt eine Erinnerungsspur im Gehirn, auf die man ohne Hilfe keinen Zugriff hat.
Was ist aus neuropsychologischer Sicht der Unterschied zwischen Vergessen und Verdrängen?
Zum Vergessen gibt es gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse. Das psychoanalytische Konzept des Verdrängens ist hingegen wissenschaftlich umstritten. Wenn man mit Verdrängen aber einfach das Vermeiden oder Ablehnen von Gedanken meint, kann das daraus folgende Vergessen ohne Weiteres mit gängigen Gedächtnistheorien erklärt werden.
Kann man sich so lange etwas einreden, bis man selber glaubt, es erlebt zu haben?
Ja, und ich glaube, dass das gar nicht so ein seltener Vorgang ist. Erinnerungen sind nicht einfach objektive Reproduktionen von Sachverhalten, sondern umfassen auch Verzerrungen und Vermischung. Es gibt viele eindrückliche Beispiele von Leuten, die glauben, etwas selbst erlebt zu haben, obwohl sie die Erfahrung nie selbst gemacht haben.
Warum vergessen wir gewisse Dinge und andere nicht?
Ob wir etwas vergessen oder nicht, hängt stark von der emotionalen Bedeutung ab, welche das Ereignis für uns hat. Wir behalten auch Dinge gut, die irgendwie ausserordentlich und seltsam sind sowie Dinge, mit denen wir uns sehr oft auseinandersetzen.
Jeder kennt das: Im einen Moment erinnern wir uns an den Namen des hübschen Fischerdorfs aus dem letzten Urlaub, im nächsten ist er uns entfallen. Warum geschieht das?
Beim Erinnern spielt unsere bewusste Aufmerksamkeit und unser Arbeitsgedächtnis eine grosse Rolle. Wenn wir abgelenkt werden oder uns mit etwas anderem beschäftigen, kann der Zugang zum gesuchten Wissen gehemmt sein. Die Konstellation der Situation und der aktuell verfügbaren Wissensinhalte sind sehr entscheidend, ob wir Zugang zu dem bekommen, was wir suchen.
In der Ratgeberflut geht es mehr um besseres Lernen als besseres Vergessen. Welchen Tipp haben Sie dafür?
Wenn es darum geht, etwas zu behalten, ist man gut bedient, wenn man den Lernstoff in bereits vorhandenes Wissen einordnet und in Zusammenhang mit eigenen Erfahrungen bringt. Dann sollte man sich selbst testen, ob man das Gelernte abrufen kann. Und schliesslich sollte man beide Schritte wenn nötig mehrmals wiederholen.
Welche Fragen müsste ich stellen, damit sich die Leser später an dieses Interview erinnern?
Es wird den Leuten in Erinnerung bleiben, wenn sie eine Anregung erhalten, etwas selbst auszuprobieren, oder eine neue oder erstaunliche Einsicht vermittelt bekommen. Die Frage, ob man sich Erinnerungen auch einreden kann, hat zum Beispiel das Potenzial dazu. Oder die Frage, ob Gedächtniskünstler ein anderes Gehirn haben.
Versuchen wir es: Ist ein fotografisches Gedächtnis angeboren oder antrainiert?
Bei Genies oder Experten wird oft von einem Prozent Begabung und 99 Prozent Übung gesprochen. Alle Untersuchungen zeigen, dass es Technik, Tricks und unendlich viel Übung braucht, um super Gedächtnisleistungen zu erbringen. Tatsache ist aber auch, dass die Gedächtnisexperten oft von bestimmten Fähigkeiten berichten. Sie haben zum Beispiel Synästhesie-Erlebnisse, sehen also beispielsweise bestimmte Farben in Zusammenhang mit Zahlen. Es gibt auch Kinder mit ausserordentlichen zeichnerischen Reproduktionsfähigkeiten. Das deutet auf angeborene Eigenheiten hin, die dann mit Üben kombiniert werden.
Im Internetzeitalter müssen wir kaum noch Fakten lernen. Verändert das unser Gehirn?
Nein, wir müssen ja auch jetzt noch Fakten lernen. Dass wir vermehrt Informationen im Internet suchen oder austauschen, verändert unser Gehirn nicht.
Dennoch: Ich kann mir heute kaum noch eine Telefonnummer merken.
Um sich Telefonnummern zu merken, braucht es eine Absicht und eine Anstrengung. Wenn man diesen Aufwand durch externe Gedächtnisse wie Internet oder Handy ersetzt, hat man eben keine Übung mehr darin.
In der Bildungspolitik wird teilweise wieder auf mehr Faktenbüffeln und Drill gesetzt. Was meint die moderne Neuropsychologie dazu?
Wenn es um Faktenlernen oder den Aufbau kultureller Fertigkeiten geht, helfen tatsächlich eine gute Anleitung und ständiges Wiederholen. Damit erschöpft sich aber Lernen nicht: Selbstentdeckende Erfahrung sowie das Finden intelligenter Lösungen in neuen Umgebungen gehören auch dazu. Für diese Fertigkeiten braucht es andere Lernformen.
Im Beruf ist zunehmend lebenslanges Lernen gefragt. Ist unser Gehirn darauf überhaupt eingestellt?
Auch wenn wir mit zunehmendem Alter immer vergesslicher werden und Lernen schwieriger wird, gibt es die tröstliche Sicherheit, dass unser Gehirn immer lernfähig bleibt – bis ins höchste Alter.
Senioren machen Rechenübungen, um geistig fit zu bleiben. Hilft das?
Wenn sie das freiwillig und gern tun, werden sie davon profitieren. Die Frage ist aber offen, ob sie nicht eben soviel profitieren würden, wenn sie zum Beispiel Spaziergänge machen würden. Tatsache ist, dass eine Fülle von «Gehirntrainings» angeboten wird, deren Wirksamkeit nie nachgewiesen wurde.
Ich bin jetzt 40 Jahre alt und habe das Gefühl, mich an immer mehr Dinge aus meiner Kindheit zu erinnern. Dafür erinnere ich mich manchmal kaum noch an das letzte Wochenende. Wie erklären Sie das?
Unserer episodische Erinnerungsfähigkeit nimmt mit zunehmendem Alter ab. Wenn nun mehr Kindheitserinnerungen aufkommen, heisst das möglicherweise, dass man sich häufiger an die Kindheit zurückerinnern will. Mit zunehmendem Alter werden plötzlich auch Dinge von Bedeutung, für die man sich früher gar nicht interessiert hat. Das alles hat mit der Auseinandersetzung mit der eigenen Identität im Spannungsfeld von Vergangenheit und Zukunft zu tun.
Warum kann sich niemand an seine Geburt erinnern?
Man spricht von Kindheitsamnesie, die bis zum dritten oder vierten Altersjahr dauert. Auch wenn Kinder schon in den ersten Lebensmonaten und -jahren eindrückliche Belege dafür liefern, dass sie durchaus vergangene Episoden im Gedächtnis haben, sind diese später nicht als Erinnerungen nutzbar. Es wird vermutet, dass die Erinnerungsfähigkeit mit der Entwicklung des Konzeptes vom eigenen Selbst zusammenhängt. Ab diesem Zeitpunkt erlebt sich das Kind in einer Situation als «Ich» und kann sich später auch wieder daran erinnern.
Forscher der ETH Lausanne wollen ein menschliches Hirn am Computer simulieren. Was halten Sie davon?
Das ist ein ambitiöser Anspruch, eine Vision, die wichtige Forschung am Laufen hält. Man sollte aber die Erwartungen nicht zu hoch schrauben. Seit es Wissenschaft gibt, versucht man menschliches Erleben und Verhalten mit Worten zu erklären, mit mathematischen Formeln vorherzusagen und technisch nachzubauen. Es gibt dabei in Teilaspekten immer wieder faszinierende Erfolge, obwohl man vom tatsächlichen menschlichen Verhalten noch weit entfernt ist.
Werden wir Lernen, Wissen und Denken irgendwann an einen Computer delegieren können?
Warum sollten wir das tun wollen? Ob wir wollen oder nicht lernen, wissen und denken wir in jedem einzelnen Augenblick. Das heisst wir leben, erleben und lernen, warum sollten wir uns entmenschlichen und das delegieren wollen? Hingegen ist nichts dagegen einzuwenden, wenn wir Computer einsetzen, um Leistungen zu erbringen, welche Maschinen besser können als wir.
Die Frage stellt sich auch, wer sich um das Vergessen kümmern würde.
Eben, auch dieses wollen wir uns in seiner wertvollen und heilsamen Wirkung doch bewahren. (Der Bund)
Erstellt: 14.03.2011, 12:32 Uhr
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