Gefangen im Zwang
Von Barbara Reye. Aktualisiert am 19.03.2010
Der 14-jährige Tim kann kein Zettelchen herumliegen sehen, muss es unbedingt aufheben, in die Tasche stecken und vor der Müllverbrennungsanlage retten. Vielleicht ist ausgerechnet der Inhalt dieses Stücks Papier eines Tages noch für irgendetwas nützlich und wichtig. Solche Gedanken lassen ihn nicht mehr los. Die Vorstellung, dass Dinge einfach achtlos entsorgt und vernichtet werden, für immer, unwiderruflich, ist für ihn unerträglich.
«Es blieb nicht nur beim Sammeln von unzähligen Zetteln», erklärt Susanne Walitza, Ärztliche Direktorin des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes des Kantons Zürich. Der Befund war alarmierend: Tim litt unter einer Zwangsstörung. Denn er habe auch Mülleimer nach Brauchbarem inspiziert und hob alles in seinem Bettkasten auf, weshalb es in seinem Zimmer letztlich stark stank. Dies habe dazu geführt, dass die Situation mit seinen Eltern eskalierte.
Gegen den eigenen Willen
Zwangsstörungen sind relativ häufig vorkommende psychische Störungen, bei denen sich bestimmte Gedanken und Verhaltensweisen gegen inneren Widerstand immer wieder neu aufdrängen.
Einige Kinder müssen sich ständig die Hände waschen, andere mehrere Tuben Zahnpasta in der Woche verputzen, permanent etwas berühren, unablässig offene Fenster und Türen kontrollieren, andauernd irgendetwas sammeln oder vor anderen Personen in Sicherheit bringen, zum Beispiel Müll. Zumeist werden die Handlungen von den Betroffenen selbst als unsinnig, übertrieben und quälend erlebt. Experten schätzen, dass in der Schweiz bis zu 30 000 Kinder und Jugendliche davon betroffen sind.
Zwänge beeinflussen den Alltag
Anhand moderner bildgebender Verfahren zur Untersuchung der Hirnaktivität sowie gezielter Analysen des Transportmechanismus bestimmter neuronaler Botenstoffe im Gehirn können Neurowissenschaftler die Krankheit nun besser verstehen und auch behandeln. «Manchmal treten Zwangsstörungen überfallartig von einem Tag auf den anderen auf», erklärt Susanne Walitza. Oft entwickeln sich die Zwangshandlungen aber schleichend und behindern dann mehr und mehr den gewöhnlichen Tagesablauf etwa im Kindergarten oder in der Schule.
Zum Beispiel habe ein fünfjähriges Mädchen sich jeden Morgen stets gleich anziehen wollen, genau wie am Vortag mit genau den gleichen geringelten Socken, dem gleichen Pullover, der gleichen Hose und der gleichen Unterwäsche. Und dies alles stets in der gleichen Reihenfolge, unbedingt faltenfrei und glatt am Körper anliegend. Damit habe es angefangen, sagt die Ärztliche Direktorin. Dann durften die Anziehsachen auf keinen Fall mehr schmutzig werden. Daraus entstand ein neuer Zwang gegen Verunreinigungen. Das Mädchen hatte Angst davor, dass nicht nur ihre Kleidung irgendwann nicht mehr sauber sein könnte, sondern auch ihr Zimmer und die Wohnung.
Wut und Verzweiflung
Die Eltern waren verzweifelt und ratlos. Am Schluss verweigerte das Mädchen sogar bestimmte Nahrungsmittel, die ihrer Ansicht nach verunreinigt sein könnten. Da ihr beim Anziehen keiner helfen durfte, konnte sie den Kindergarten nicht mehr besuchen, wurde aus Verzweiflung zunehmend aggressiv, schlug zuletzt regelmässig ihre Eltern und blieb schliesslich halb bekleidet zu Hause.
Auch Tim konnte aufgrund seiner psychischen Erkrankung die Schule nicht mehr besuchen und blieb für mehrere Wochen dem Unterricht im Gymnasium fern. «Bis kurz vor der Einlieferung in die Notfallaufnahme war er noch ein guter Schüler», sagt Walitza. Eine Zwangsstörung komme quer durch alle sozialen Schichten vor und werde nicht durch die Erziehung verursacht.
Mithilfe von funktionellen bildgebenden Verfahren konnte gezeigt werden, dass bei Zwangsstörungen eine Überaktivität in bestimmten Hirnregionen vorliegt. Dadurch wird der komplexe Informationsaustausch zwischen Hirngebieten wie dem Thalamus, Striatum und korrespondierenden Cortex-Arealen der Grosshirnrinde gestört. Wie aus Studien an erwachsenen Patienten hervorgeht, die mit Medikamenten als auch einer Verhaltenstherapie erfolgreich behandelt wurden, gingen die Auffälligkeiten im Gehirn nach der Behandlung wieder zurück. Des Weiteren haben Untersuchungen ergeben, dass die erkrankten Kinder und Jugendlichen im Durchschnitt vermehrt aktivere Serotonin-Transporter besitzen. Dies bedeutet, dass sie an gewissen Orten im Gehirn einen niedrigeren Spiegel dieses Neurotransmitters besitzen können.
Familiäre Häufigkeiten
Anhand von Blut- und Speichelproben liess sich zeigen, dass die meisten Patienten für die aktiveren SerotoninTransporter eine genetische Veranlagung haben. Dies kann erklären, warum die dort in die Stoffwechselvorgänge eingreifenden Medikamente unterschiedlich gut wirksam sind.
Trotz dieser Ergebnisse bleibt die genaue Ursache der Krankheit aber nach wie vor unklar, weil es nur einer von vielen Faktoren ist. Vermutet wird von der Wissenschaft unter anderem ein ungünstiges Zusammenwirken von Veranlagung und psychosozialen Faktoren.
Ähnlich wie bei anderen psychischen Erkrankungen, etwa der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, gibt es familiäre Häufigkeiten. Aber auch eine Streptokokken-Infektion kann bei Kindern zu Zwangserkrankungen führen.
Verhaltenstherapie kann helfen
Die Verhaltenstherapie ist heute bei Kindern die wichtigste und wirksamste Behandlungsform von Zwangsstörungen. In einigen Fällen, wie etwa bei Tim, ist dies aber nur mit einer zusätzlichen Behandlung mit Medikamenten möglich. Auf diese Weise ist es gelungen, ihn schrittweise an einen vernünftigen Umgang mit Müll heranzuführen. «Wir haben in seinem Zimmer Abfallsäcke aufgehängt und konnten mit ihm zuletzt auch eine Mülldeponie besuchen», sagt Susanne Walitza. Heute sei er wieder gesund.
Tim hat erfolgreich auf die Verhaltenstherapie reagiert; dies ist jedoch bei weitem nicht die Regel. Leider gibt es laut Susanne Walitza auch eine Vielzahl von Patienten, deren Zwangsstörung einen chronischen Verlauf nimmt. (Der Bund)
Erstellt: 19.03.2010, 08:49 Uhr
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