«Es zerquetschte es einigen Leuten regelrecht die Lunge»

Von Anke Fossgreen. Aktualisiert am 27.07.2010 1 Kommentar

Desorientierung und Beklemmung führen zu Massenpanik wie in Duisburg, sagt der Katastrophen-Forscher Martin Voss.

Ein geringer Anlass kann in einem Gedränge wie an der Love-Parade zu völlig unkontrolliertem Verhalten führen.

Ein geringer Anlass kann in einem Gedränge wie an der Love-Parade zu völlig unkontrolliertem Verhalten führen.
Bild: Keystone

Wie kommt es zu einer Massenpanik wie in Duisburg?
Die Auslöser können ganz unterschiedlicher Natur sein. In Duisburg waren die Besucher mit einem positiven Ziel unterwegs. Sie hatten Freude und Spass am Tanzen, waren mit Freunden beim Fest und haben sicherlich auch Alkohol oder andere Drogen zu sich genommen. In solch einer Menschenmenge kann es zu einem Kollektivrausch kommen.

Das klingt positiv. Wie kippte dann die Stimmung?
Je voller und enger es wird, desto leichter verliert man die Orientierung. Das geht einem nur schon so, wenn man zu fünft zu einem Restaurant geht. Wenn einer den Weg weist, passen die anderen nicht mehr wirklich auf. In einer grossen Masse werden die Menschen richtig desorientiert. In Duisburg war es am Ein- und Ausgang der Love-Parade so eng, dass niemand mehr selbst kontrollieren konnte, wo er hinging. Es war eine Situation, in der die Menschen nicht mehr selbstständig entscheiden konnten. Sie wurden vom Subjekt zum Objekt.

Es war zu lesen, dass Leute, die vor dem Tunneleingang einen Abhang hochgeklettert waren, hinunterfielen und so die Panik auslösten.
Das kann sein. Vielleicht sind die Menschen auch den Abhang hochgeklettert, weil sie Erstickungsangst hatten, also schon vorher Panik im Tunnel herrschte und sie wegwollten. Das ist noch nicht geklärt. Die Gefahr ist, dass in solchen Situationen ein ganz geringer Anlass ausreicht, ein unkontrolliertes Verhalten hervorzurufen.

Zum Beispiel?
Es reicht, wenn jemand in der Menge auf ein Glas tritt, das am Boden liegt, und sich erschrickt und dann auch der Nachbar erschrocken reagiert.

Wieso bekommen die Menschen in einer Masse plötzlich Angst?
Sie haben keine Kontrolle mehr. Sie fühlen sich ganz alleine, haben Beklemmungszustände und bekommen ganz konkret keine Luft mehr. Da in Duisburg immer mehr Menschen nachdrängten, zerquetschte es einigen Leuten regelrecht die Lunge. Da entstand ein Druck, als ob ein Lastwagen gegen die Menge geschoben hätte. Hinzu kam, dass einige Leute zu schreien anfingen. Das heisst: Die Menschen konnten nicht mehr atmen, hörten nur noch Lärm, sahen nichts mehr.

Wie hätten die Verantwortlichen eine solche Situation verhindern können?
Die Zugänge und Abgänge, die auf ein Veranstaltungsareal führen, dürfen nicht zusammengelegt werden. In Duisburg diente der Tunnel als Ein- und Ausgang zum Festivalgelände. Die Besuchermassen hätten besser kanalisiert werden müssen. So etwas muss flexibel gestaltet sein. Sobald sich Massen verdichten, muss eine Möglichkeit vorhanden sein, Tore oder Fluchtwege zu öffnen.

In Duisburg scheint der Tunnel irgendwann abgesperrt worden zu sein, sodass zwar niemand mehr hineinkam, aber auch niemand mehr heraus.
Falls dem tatsächlich so war, wäre das ein Desaster. Man muss den Zulauf stoppen und den Rücklauf der Massen abfliessen lassen.

Es kamen wohl viel mehr Menschen, als das Festivalgelände fassen konnte. Hätten das die Veranstalter wissen können?
Es gibt zumindest die Möglichkeit, frühzeitig abzuschätzen, wie viele Leute kommen. Dafür kann man zum Beispiel die Zahl der verkauften Bahntickets hinzuziehen oder das Verkehrsaufkommen auf der Autobahn.

Dennoch scheint nicht ganz klar zu sein, wie viele Menschen tatsächlich in Duisburg waren. Wie kann man das berechnen?
Das ist eigentlich einfach: Ein gutes Luftbild gäbe eine ziemlich genaue Auskunft. Um zu verlässlichen Zahlen zu gelangen, muss man nur in einem räumlich klar definierten Bereich die Anzahl der Menschen zählen und dann hochrechnen.

Hätten die Menschen, als sie im Tunnel panisch reagierten, durch ruhige Musik oder sachliche Ansagen beruhigt werden können?
Sicherlich nicht. Eine Menge, die Musik und Party erwartet, wird nicht reagieren, wenn die Polizei sie über Megafon aufruft, sich bitte aufzulösen.

Ist eine Massenpanik eher bei einer Technoveranstaltung zu erwarten als bei einem Kirchentag?
Nein. Eine Massenpanik kann jederzeit auftreten. Ein Beispiel ist Mekka. Dort kommen regelmässig Pilger zu Tode. Es ist einfach die Menge an Menschen, die ausser Kontrolle gerät.

Im Nachhinein werden Stimmen laut, die sagen, dass Duisburg zu klein sei für eine Veranstaltung wie die Love-Parade. Zürich ist auch relativ klein, führt aber regelmässig Grossanlässe durch.
Was zählt, ist nicht die Grösse der Stadt, sondern der Infrastruktur. Eine grosse Wiese in einer kleinen Stadt mit guten Zugängen kann ausreichen.

In Zürich könnte es also auch enge Stellen geben, wo eine Massenpanik ausbrechen könnte?
Bei solchen Grossveranstaltungen muss man immer damit rechnen, dass etwas passiert. Wir Forscher versuchen deshalb im Vorfeld, die Gefahren zu sehen und zu helfen, diese möglichst zu minimieren.

Was in Duisburg nicht geklappt hat.
Nein, es liegt auch in der Natur des Menschen, immer die Grenzen zu testen. Und leider muss erst etwas so Schlimmes passieren, bis es wieder einen Schritt zurückgeht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2010, 23:11 Uhr

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1 Kommentar

sandro HARTMANN

27.07.2010, 08:27 Uhr
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Dass man dies in Duisburg nicht vorausgesehen hat ist mir komplett schleierhaft. Auch dieses Interview hat keine Aussagekraft. Für diese Fragen braucht man keinen Soziologen beizuziehen. Zu diesen Schlussfolgerungen kommt auch jeder normal denkende Mensch. Loischerweise hat nicht die grösse einer Stadt sondern das zur Verfügung stehende Areal über die Durchfürbarkeit zu entscheiden Antworten


Joachim Heitkamp

11.07.2011, 13:18 Uhr
Melden

Jetzt weiß ich endlich,warum ich solche Menschenansammlungen hasse wie die Pest.Und in Zeiten der Globalisierung wird das ja immer schlimmer.mfg Antworten



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