Eine Herzmedizin, die der Seele wohltut
Von Thomas Meissner. Aktualisiert am 08.09.2010 3 Kommentare
Weniger Herz-Kreislauf-Opfer: Sterberaten in der Schweiz
In der Schweiz gibt es immer weniger Todesfälle wegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber deutlich mehr wegen Demenz und etwas mehr wegen Krebserkrankungen. Dies zeigte eine am Dienstag vom Bundesamt für Statistik (BFS) veröffentlichte Übersicht. Für 22'321 aller Todesfälle im Jahr 2008 (36 Prozent) waren Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems die Ursache. Zehn Jahre zuvor lag diese Zahl bei 25'443 (41 Prozent). Die Sterberate bei dieser Todesursachengruppe ist innert zehn Jahren von 222 auf 155 Todesfälle pro 100 000 Einwohner gesunken. An zweiter Stelle der Todesfälle erscheinen in der Statistik wie in den Vorjahren Krebserkrankungen. Es waren im Jahr 2008 15'953 Todesfälle (26 Prozent), 800 mehr als 1998. Aufgrund der grösseren Wohnbevölkerung sank die Sterberate trotzdem, von 162 auf 142 pro 100'000 Einwohner. Von allen Krebsarten ist der Lungenkrebs mit 19 Prozent der Krebstodesfälle weitaus am häufigsten. 4300 Personen starben wegen einer Demenz als Grundkrankheit, wie das BFS schreibt. Dies entspreche nahezu einer Verdoppelung seit 1998. Grund für die Zunahme der demenzbedingten Todesfälle sei nicht nur die Alterung der Bevölkerung, sondern auch der Umstand, dass heute die Diagnose Demenz von den Ärzten häufiger gestellt werde. (SDA)
Als im dritten Jahrhundert vor Christus der makedonische Prinz Antiochus schwer am Herzen erkrankte, weil er unglücklicherweise in seine Stiefmutter verliebt war, da überliess sein Vater Demetrios ihm seine junge Frau. Und siehe da: Antiochus wurde wieder gesund.
Der Hohlmuskel in unserer Brust galt lange Zeit als Sitz der Seele. Die alten Ägypter unterschieden nicht zwischen Herz und Psyche. Selbst der moderne Mensch «fasst sich ein Herz», hat «ein von Freude erfülltes Herz», ist mit dem Freund, der Freundin «ein Herz und eine Seele». Dass es Beziehungen zwischen dem Herzen und der psychischen Verfassung gibt, ist eigentlich uralte Volksweisheit. Die heutige Medizin hat dieses Wissen lange ignoriert. Doch das ändert sich gerade. Und zwar weniger auf eine romantische als auf eine nüchtern-wissenschaftliche Art.
Depressionen als Vorboten
Zum Beispiel hat man festgestellt, dass vier von zehn Patienten mit schwerer Herzschwäche (Herzinsuffizienz) depressive Störungen aufweisen. Oder dass bis zu jeder fünfte Herzinfarkt-Patient schwer depressiv ist. Zufall? Mitnichten! Depressionen oder Burn-out-Symptome können Vorboten eines Herzinfarkts sein. Lange galt der Herzinfarkt als typische Managerkrankheit. Inzwischen jedoch sind die Mechanismen bekannt, die dies bewirken. Zu viel Stress lässt die Pulsfrequenz und den Blutdruck steigen. Der Herzmuskel benötigt permanent viel Sauerstoff.
In bereits geschädigten Herzkranzgefässen mit Kalkablagerungen treten wegen der erhöhten Gefässwandspannung kleine Einrisse in den Kalk-Plaques auf. Daraufhin wird die Blutgerinnung aktiviert, es bilden sich Gerinnsel, die urplötzlich ein wichtiges Gefäss verstopfen können – Folge: akuter Sauerstoffmangel in einem Teil des Herzmuskels, Infarkt.
Depressiv nach dem Infarkt
Aber nicht nur Manager sind prädestiniert. Armut stresst ebenso. Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status sterben dreimal häufiger an der Verkalkung der Herzkranzgefässe als die Durchschnittsbevölkerung. Ähnliches trifft zu bei schweren Partnerschaftskonflikten oder langjähriger Schichtarbeit. Um den Stress zu kompensieren, wird übermässig gegessen, geraucht oder Alkohol getrunken. Dies schädigt Herz und Gefässe weiter.
Umgekehrt haben alle Herzerkrankungen Folgen für das seelische Befinden und für die Lebensqualität. «Zum Beispiel sind 30 bis 40 Prozent aller Patienten nach einem Herzinfarkt depressiv und stark verunsichert», sagt Jochen Jordan, Leiter einer Klinik für Psychokardiologie in Bad Nauheim, Deutschland. Der Psychotherapeut mit Lehrstuhl an der Universität Frankfurt am Main erforscht seit Jahren die Zusammenhänge zwischen Psyche und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Erfahrung der Todesnähe, das Versagen des Körpers scheinbar aus dem Nichts heraus, der urplötzliche Stopp auf dem bisherigen Lebensweg, all das lässt manchen verzweifeln.
Panikattaken nach Operation
So schildert Jordan, wie ein junger Polizist, Mitglied eines Sondereinsatzkommandos, eine Woche, nachdem er im Dienst ein traumatisches Erlebnis gehabt hatte, einen Herzinfarkt erlitt, den er fast nicht überlebt hätte. Seine körperliche Leistungsfähigkeit betrug danach weniger als 40 Prozent. Der bislang fitte Mann kann nur noch Schreibarbeiten verrichten. Diesem Menschen ein Stück Lebensqualität zurückzugeben, ihm zu helfen, die Krankheit zu akzeptieren und mit ihr zu leben, ist dann Aufgabe des Psychokardiologie-Teams.
Menschen mit spezifischen Herzrhythmusstörungen bekommen einen kleinen Defibrillator (ICD – implantierbarer Cardioverter-Defibrillator) implantiert. Das Gerät löst im Falle eines Herzstillstands automatisch einen elektrischen Schock aus, sodass das Herz wieder anfängt zu pumpen. Patienten, die solche Schocks, oft mehrfach hintereinander, erlebt haben, leiden teilweise unter Panikattacken. Jordan und seine Kollegen haben für diese Patienten eine spezifische Psychotherapie entwickelt.
Angehörige leiden mit
Am Inselspital Bern ist Ende 2005 ein psychokardiologisches Betreuungsangebot installiert worden. «Es geht dabei nicht nur um psychisch kranke Menschen», sagt Cyrill Kälin, klinischer Psychologe und Psychotherapeut im Bereich Herzinsuffizienz/Herztransplantation des Spitals. Auch psychisch gesunde Menschen sind zum Beispiel nach einer Bypass-Operation ein Stück weit traumatisiert. «Das Vertrauen in das natürliche Funktionieren des Körpers ist erschüttert. Aus dem vollen Leben heraus ist schlagartig etwas Unerwartetes passiert», schildert Kälin die Situation. Die Betroffenen fragen sich, welche Belastungen sie sich zumuten können, ob das Herz schon beim nächsten Mal wieder mit einem Infarkt reagiert. Glück hat, wer wie Noch-Bundesrat Hans-Rudolf Merz nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand und einer fünffachen Bypass-Operation behaupten kann, dass er die Krankheit «einfach weggesteckt» habe.
Kälin bietet Gespräche, Entspannungsübungen und Unterstützung an, bevorzugt für Patienten nach Herztransplantation und oft auch für die Angehörigen. «88 Prozent der Patienten sagen, sie hätten dadurch neue Kraft und neuen Mut gefunden», betont er und erinnert an ein altes Sprichwort: «Dem Hertzen hilfts, wan der Mund die Noth klagt!»
Ganzheitliche Therapien
Ähnliche Erfahrungen hat Yves Marchal am Kinderspital Zürich gemacht. Der Kinder- und Jugendpsychiater betreut dort herzkranke Kinder und ihre Familien. Die Eltern müssen die Erkrankung ihres Kindes verarbeiten. Ältere Geschwister fühlen sich nicht selten vernachlässigt. Chronisch herzkranke Jugendliche haben häufig Probleme, mit ihrer verminderten Leistungsfähigkeit umzugehen, oder brechen die Medikamenteneinnahme ab. Spannungen innerhalb der Familie werden tabuisiert, Schuldgefühle und Trennungsängste nicht spontan und offen angesprochen – ein weites Betätigungsfeld für Marchal.
Man kann nicht behaupten, dass psychokardiologische Angebote bereits Routine sind, im Gegenteil. Doch setzt sich innerhalb der Medizin zunehmend die Erkenntnis durch, dass ohne interdisziplinäre Zusammenarbeit der Spezialisten generell in Zukunft keine Fortschritte bei der Behandlung schwerkranker Menschen zu erzielen sind. In ganzheitliche Therapiekonzepte gehören zunehmend psychotherapeutische Interventionen mit hinein. Was nützt Hightech-Medizin, wenn einem schwerkranken Patienten organisch optimal geholfen worden ist, er aus Angst jedoch das Haus nicht mehr verlässt, in Depressionen versinkt oder seinen Beruf nicht mehr ausübt, obwohl dies möglich wäre? (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.09.2010, 22:33 Uhr
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3 Kommentare
...obwohl Herzkrankheiten auf's Gemüt schlagen können? Müsste die Wirkrichtung sinnvollerweise nicht eher umgekehrt beschrieben werden? Trotzdem: Ein wichtiger Beitrag zu einem hochaktuellen Thema: Die Verbindung des Menschen mit seinem Herzen. Wenn wir ihr im Alltag unsere volle Aufmerksamkeit schenken, lösen wir die Probleme unserer Gegenwart im Handumdrehen. Antworten
Es freut mich als Naturarzt, dass die Alopatische - Medizin langsam zur Erkenntniss komt, dass der Mensch auch eine Sele hat. Nur mit dieser Erkentniss ist es möglich den Kranken Menschen zu Therapieren, und zu Heilen. Und wenn wieder vermehrt und vorallem auch vorbeugend Naturheilmittel eingesetzt werden, die ja auch eine Sele haben, kann die Volksgesundheit wieder verbessert werden. Antworten
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