Die WHO auf dem Untersuchungstisch:
Wie eng ist sie mit der Pharma verstrickt?

Aktualisiert am 01.07.2010

Der Tenor der Experten in Genf ist klar: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist zu eng mit der Pharmaindustrie verstrickt. Sie muss transparenter werden. Dem widerspricht nur die Pharmabranche.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in der Kritik: Hauptsitz in Genf.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in der Kritik: Hauptsitz in Genf.

«Die Grenzen innerhalb der WHO zwischen kommerziellen Interessen und wissenschaftlichen Entscheiden sind verwischt», sagte der Europaratsberichterstatter zur Schweinegrippe, der Brite Paul Flynn.

Eine von der WHO eingesetzte Kommission zur Untersuchung der Vorgänge innerhalb der Organisation rund um die Schweinegrippe befragte Vertreter der Industrie, mehrerer Staaten und internationaler Organisationen sowie Fachjournalisten. Die Anhörung am Sitz der WHO war öffentlich.

Namen der WHO-Experten sind geheim

Die Chefredaktorin der Fachzeitschrift «British Medical Journal» (BMJ), Fiona Godlee, bemängelte, dass die Namen der Experten geheim gehalten wurden, die WHO-Direktorin Margaret Chan während der Schweinegrippe-Pandemie beraten hatten.

Godlee forderte die Offenlegung, um die Glaubwürdigkeit der WHO wieder herzustellen. Die WHO müsse künftig unabhängige Experten bezahlen, um eine Einflussnahme der Industrie auf Entscheide zu vermeiden. «Die Pharmaindustrie soll nicht aus den Diskussionen jedoch aus der Entscheidungsfindung ausgeschlossen werden», sagte sie.

Dagegen verteidigte der Vertreter des Pharmakonzerns GlaxoSmithKline, Norbert Hehme, die «enge Zusammenarbeit» zwischen Industrie und WHO. Zur erfolgreichen Entwicklung von Impfstoffen gegen saisonale Grippen oder Pandemien sei eine solche «wesentlich für den Erfolg». Dieser Position schlossen sich die Schweizer Pharmahersteller Novartis und Roche an.

Pandemie-Alarm übertrieben

Scharf kritisiert wurde auch, dass die WHO im Juni 2009 wegen der Schweinegrippe die höchste Pandemiestufe 6 (weltweite Seuche) verhängt hatte, obwohl die Grippe relativ mild verlief.

Flynn vom Europarat zeigte sich «perplex» über die Änderungen der Definition für eine Ausrufung der Stufe 6 - ohne Berücksichtigung der Zahl der Todesfälle. «Das Vertrauen der Menschen in Entscheide von Gesundheitspolitikern wurde damit untergraben», kritisierte er.

Auch die Vertreter der Gesundheitsministerien von Frankreich, Norwegen, Grossbritannien, Kanada, Japan und Mexiko äusserten wegen der Pandemie-Definition Bedenken. Die Diplomaten unterstrichen aber auch die positive Rolle der WHO bei der Bewältigung der Schweinegrippe.

Das Expertengremium «Schweinegrippe» war nach schweren Vorwürfen gegen die UNO-Organisation von WHO-Chefin Chan selbst einberufen worden. Es will im Mai 2011 der Weltgesundheitsversammlung seinen Schlussbericht vorlegen.

Wer profitierte wie viel?

Thema der Anhörung waren auch die Profite der Impfstoffhersteller wegen der Schweinegrippe. Dabei zeigte sich, dass bisherige Schätzungen von 7 bis 10 Milliarden Dollar wohl zu hoch waren.

Diese Schätzung der Bank JP Morgan war im Januar vom «British Medical Journal» (BMJ) veröffentlicht worden und seitdem weltweit in den Medien zu lesen. Sie fand sogar Eingang in den Bericht des Europarats zur Schweinegrippe.

BMJ-Chefredaktorin Godlee erklärte, ihre Zeitschrift werde die Schätzung nach unten korrigieren. Zwar seien die Gewinne der Impfstoffhersteller wegen der Schweinegrippe stattlich, aber nicht so hoch, räumte sie ein. Bei den 7 bis 10 Milliarden Dollar dürfte es sich um die Einnahmen, nicht um die Gewinne handeln.

Ein WHO-Experte schätzte die Umsätze der Hersteller des Schweinegrippe-Impfstoffes auf 5 Milliarden Dollar. Die tatsächlichen Gewinne bleiben im Dunkeln, da sie von den Herstellern nicht veröffentlicht wurden. (bru/sda)

Erstellt: 01.07.2010, 19:10 Uhr

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