Der nächtliche Schrecken

Von Christian Sartorius. Aktualisiert am 16.03.2009

Alpträume können einem ganz schön zusetzen. Vorab Kleinkinder verfolgt der böse Traum oft auch noch nach dem Aufwachen. Aber was verbirgt sich eigentlich hinter dem Alpdrücken und vor allem: Wie wird man es wieder los?

Der hässliche Kobold hockt auf dem Brustkorb der Schlafenden: «Nachtmahr», Alptraumgemälde von Johann Heinrich Füssli.

Der hässliche Kobold hockt auf dem Brustkorb der Schlafenden: «Nachtmahr», Alptraumgemälde von Johann Heinrich Füssli. (Bild: zvg)

Kalter Schweiss rinnt über die Stirn. Unter den geschlossenen Lidern rollen die Augen in ihren Höhlen wie wild hin und her. Das Atmen fällt immer schwerer, kaum noch frische Luft strömt in die Lungen nach. Der Horror ist nun auf seinem Höhepunkt angelangt. Der kleine hässliche Kobold, der auf dem Brustkorb der Schlafenden hockt, lächelt selbstgefällig und zufrieden in das Dunkel der Nacht: Er hat sein Ziel erreicht – wieder einmal.

Böser Dämon

Diese Vorstellung ist es, die frühere Generationen mit dem sogenannten Alpdrücken, also dem Albtraum, verbinden. Alp nennt sich schon im Althochdeutschen der dämonische Nachtmahr, der sich auf den Schlafenden niederlässt und ihnen so mit seinem Gewicht die Luft abdrückt. Böse Träume sind das Resultat. Der Künstler Johann Heinrich Füssli (1741–1825) hat diese Szenerie in seinem Gemälde «Nachtmahr» vor über 200 Jahren eindrucksvoll festgehalten.

Heute wird das Phänomen Albtraum meist nüchterner gesehen. Das schnelle Hin-und- her-Rollen der Augen nennen Traumforscher REM (Rapid Eye Movement, englisch für schnelle Augenbewegung). Die sogenannte REM-Phase ist der Zeitabschnitt des Schlafs, in dem wir träumen. Vier bis fünf dieser REM-Phasen hat jeder schlafende Erwachsene Nacht für Nacht. Sie machen zusammen etwa 20 bis 25 Prozent des gesamten Schlafs aus. Lediglich Neugeborene träumen während des grössten Teils ihrer Schlafzeit.

Sinnloses Neuronenfeuer

Nach der Bedeutung eines Traumes beziehungsweise Alptraumes befragt, antworten vor allem Neurophysiologen besonders prosaisch: Für sie ist das alles nichts anderes als das sinnlose Feuern der Neuronen im Gehirn. Nicht mehr und nicht weniger. Es steckt demnach also kein tieferer Sinn hinter unseren Träumen und Alpträumen. Bilder und Sinnzusammenhänge entstehen rein zufällig. Das mag so sein.

Dennoch will sich ein Grossteil der schätzungsweise 350000 Menschen, die in der Schweiz mehr oder weniger regelmässig unter Alpträumen leiden, damit nicht zufriedengeben. Sie vermuten einen tieferen Sinn hinter dem nächtlichen Schrecken. Vor allem Verfolgungsträume machen vielen zu schaffen. Der oder die Träumende versucht einem Verfolger zu entkommen, meist mit mässigem Erfolg: Füsse scheinen am Boden festzukleben, Beine ziehen sich kaugummiartig in die Länge.

Wer jetzt aufwacht, kann sich an den Traum sogar oft noch erinnern. Während Erwachsene spätestens in diesem Moment wissen, dass sie nur geträumt haben, kann kleinere Kinder ein böser Traum auch noch nach dem Aufwachen weiter verfolgen. Bis zum sechsten Lebensjahr fällt es ihnen in der Regel schwer, Realität und Traum zu trennen.

Steckt denn nun aber ein tieferer Sinn hinter den Verfolgungsträumen und all dem anderen Alpdrücken oder nicht? Für Sigmund Freud (1856–1939) ist der Traum eine Via Regia (lateinisch: königliche Strasse) ins Unbewusste. Die Traumdeutung ist für ihn eines der wichtigsten Werkzeuge der psychoanalytischen Theorie. Wünsche, Verdrängtes, Triebregungen: All das will im Schlaf vom Unterbewusstsein ins Bewusstsein vordringen.

Scheinbare Ohnmacht

Weil das oftmals sehr beunruhigend und beängstigend sein kann, kommt es zu einer Zensur, einer Traumentstellung. So erklären sich die Bilder der dunklen Gebäude und merkwürdigen Gegenstände und Tiere im Traum. Letztlich ist aber jeder Traum für Freud eine Wunscherfüllung, also auch der Albtraum. Bei diesem liegt der Wunsch nach Bestrafung eines verbotenen unbewussten Impulses zu Grunde.

Genau das ist der Punkt, an dem viele Kritiker Freuds sich zu Wort melden. Sie teilen diese Meinung nicht und sind vielmehr der Auffassung, dass uns das Unbewusste mit den Angstträumen auf Konflikte und Probleme im Alltagsleben aufmerksam machen will. Auffällig dabei ist, dass von Träumenden immer wieder das Gefühl einer scheinbaren Ohnmacht genannt wird. Wie die Zusammenhänge nun im Detail sind, darüber gibt es wieder viele verschiedene Meinungen.

Psychotherapeuten wie Siegfried Lorenz gehen davon aus, dass sich hinter bestimmten Traumsymbolen ganz konkrete Alltagsprobleme verbergen. Im jeweiligen Kontext geben die Traumsymbole dem Experten wichtige Anhaltspunkte für seine Arbeit. So kann ein Abgrund für eine Krise stehen, ein Erdbeben für die Warnung vor plötzlichen Veränderungen und eine Baustelle für Existenzaufbau, Lebensplanung und Persönlichkeitsentwicklung. Einbrecher können ein Hinweis auf die Angst vor der eigenen Triebhaftigkeit sein. Eine im Traum erscheinende Tür kann, je nachdem ob sie offen oder geschlossen ist, anzeigen, wie der Träumende mit Problemen umgeht. Geht er offen auf sie zu oder verschliesst er sich ihnen? Wer im Traum vor jemandem wegläuft, läuft laut Lorenz eigentlich vor sich selbst weg, vor den eigenen Eigenschaften, die er überhaupt nicht oder nur schwer annehmen kann.

Nächtliche Sinnesreize

Traumforscher wissen: Speziell der Fluchttraum ist vor allem bei kreativen und sensiblen Menschen verbreitet. Sie leiden besonders häufig unter Alpträumen. Veranlagung kann hier durchaus eine wichtige Rolle spielen. Alpdrücken tritt aber auch als Nebenwirkung bestimmter Medikamente auf. Stress, Leistungsdruck und Überforderung führen ebenso zu Angstträumen wie Reizüberflutung, Probleme des Alltags und sogar nächtliche Sinnesreize, beispielsweise Blasendruck.

Solange die bösen Träume nur vereinzelt hin und wieder auftreten, besteht kein Grund zur Panik. Manchmal hilft hier schon eine Tasse Orangenblüten- oder Melissentee vor dem Zubettgehen. Schlimmer wird das Ganze, wenn den Alpträumen traumatische Erlebnisse, wie schwere Unfälle, vorausgangen sind.

Professionelle Hilfe

Kehren die Träume immer und immer wieder, führt kein Weg an einem Fachmann vorbei. Den Experten stehen verschiedene Möglichkeiten der Therapie beziehungsweise Medikamentenbehandlung zur Verfügung. Die Alpträume werden zusammen mit dem Psychotherapeuten aufgearbeitet. Hilfreich kann es zum Beispiel sein, den Angst machenden Traum aufzuschreiben und ein glückliches Ende zu erfinden. Diese geänderte Variante des Traums wird dann unter Anleitung des Psychologen systematisch eingeübt. In der Traumsituation läuft dann der Traum quasi automatisch mit dem neuen, glücklichen Ende ab.

Mit Kindern vor dem 6.Lebensjahr kann unter anderem ein Gespräch geführt werden, in dem man Geisterwesen und Monster ganz eindeutig aus der realen Welt verbannt. Sogar ein symbolisches Verscheuchen der Monster und Dämonen kann angebracht sein.

Alte Hausmittel

Alpträume, die einem richtig zusetzen, sind wie gesagt immer etwas für einen Fachmann. Für die einfacheren Fälle genügen oftmals das Abbauen des Stresses und das Klären der Alltagsprobleme – auch wenn beides leichter gesagt als getan ist. Vor dem Schlafengehen sollte man einige Zeit immer an etwas Positives denken und sich vor allem nicht mit Problemen und Sorgen beschäftigen. Oft genügt das schon, um sich von den Alpträumen zu befreien. Alte Hausmittel, wie das Tragen nasser Strümpfe während des Schlafes, kann man ebenso wie die Monster und Riesenspinnen getrost aus seinem Schlafzimmer verbannen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.03.2009, 15:48 Uhr

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