«Das Organ ist eine Art Prothese»
Von Brigitte Walser. Aktualisiert am 11.09.2009
Alberto Bondolfi (Bild: Keystone)
Zur Person:
Alberto Bondolfi ist Professor für Ethik an der Universität Genf. Er ist Mitglied der nationalen Ethikkommission in Bern.
Ist man mit einem fremden Herzen noch derselbe Mensch? Alberto Bondolfi: Selbstverständlich. Sie verändern sich ja auch nicht, wenn Sie eine Brille tragen. Das Organ ist eine Art Prothese.
Aber ein Herz ist doch mehr als eine Prothese. Es hat zweifellos eine tiefe symbolische Bedeutung. Bei uns gilt es als Sitz der Gefühle. Doch das ist nicht in allen Kulturen so. Im Alten Testament war das Herz der Sitz der Gedanken, die Gefühle wurden der Niere zugeordnet.
Prinzipiell ist es also kein Unterschied, ob man ein Herz oder eine Niere transplantiert? Es gibt einen emotionalen Unterschied, aber keinen prinzipiellen. Es stimmt, es ist keine leichte Sache, ein fremdes Herz zu akzeptieren. Deshalb werden Transplantierte gut vorbereitet. Aber im Grunde ist es eine psychologische Frage, daraus sollte man nicht voreilig eine moralische machen.
Haben alle ein Recht auf ein Herz oder ein anderes Organ? Jeder hat ein Recht auf optimale medizinische Behandlung. Aber einen Rechtsanspruch auf ein Organ gibt es nicht, es gibt nur eine Norm für den Staat, nämlich, dass die Organe gerecht verteilt werden.
Und was ist gerecht? Das Gesetz sagt, dass ausschliesslich medizinische Kriterien eine Rolle spielen dürfen. Es ist eigentlich hypothetisch, dass ein Herz gleich für mehrere Empfänger passen würde. Dann müsste man eine Entscheidung treffen. Hier gibt es zwei Ansichten: Entweder lässt man das Los entscheiden, oder man berücksichtigt die sozialen Verpflichtungen des Empfängers, etwa Elternpflichten.
Und wenn das Organversagen selbstverschuldet ist? Wenn die Leber eines Alkoholikers versagt? Bisher gab es das medizinische Argument, dass eine Leber-transplantation bei Alkoholikern nicht wirksam genug ist. Aber nun gibt es Studien, bei denen man alkoholkranke Transplantierte mit anderen Transplantierten verglich und sah, dass die Lebenserwartung mehr oder weniger die gleiche ist. Das Argument der Wirksamkeit wurde also entkräftet. Darum stellt sich jetzt diese Frage auf moralischer Ebene.
Haben Sie eine Antwort? Ich versuche das Thema zu entdramatisieren, indem ich darauf hinweise, dass bei Lebertransplantationen Lebendspenden möglich sind. Wer lebend einen Teil seiner Leber spendet, tut dies immer zielgerichtet für eine bestimmte Person. Die Frage nach gerechten Verteilungskriterien stellt sich gar nicht.
Alkoholiker müssten also selber einen Spender finden? Das will ich damit nicht postulieren, ich erwähne nur die Möglichkeit. Leberspenden sind nicht ganz ungefährlich. Hier stellt sich die Frage: Darf man das Leben des Spenders riskieren? Man muss ganz sicher gehen, dass die Spende freiwillig ist. Sie darf allein aus Nächstenliebe geschehen.
Wenn ich im Krankheitsfall ein Organ erhalten möchte, ist es dann meine Pflicht, auch Spenderin zu sein? Es wäre konsequent. Ich würde dies allen empfehlen, die vielleicht einst ein Organ brauchen. Aber daraus eine rechtliche Bedingung zu machen, damit hätte ich Mühe.
Was halten Sie vom Modell, dass alle als Organspender betrachtet werden und widersprechen müssten, wenn sie im Todesfall keine Organe spenden wollen? Ich fände das moralisch legitim. Allerdings könnte der Organmangel wohl eher durch eine bessere Zusammenarbeit zwischen Intensivmedizin und Transplantationsmedizin entschärft werden als durch ein neues Modell. Als die Organspende kantonal geregelt war, hatte das Tessin ein striktes Modell mit Vetorecht der Verwandten. Trotzdem standen dreimal mehr Organe zur Verfügung als in der restlichen Schweiz.
Wo sind die Gefahren der Organspende? Bei der Kommerzialisierung oder Instrumentalisierung des Körpers, wenn also Geld ins Spiel kommt. In der Schweiz besteht diese Gefahr nicht, wir müssen aber kämpfen, dass dies nicht anderswo passiert.
Keine Bedenken bei der Transplantation von Tierorganen? Das ist aus medizinischen Gründen noch nicht möglich und deshalb kein Thema. Sollte es eins werden, gibt es folgende spezielle Situation: Die qualitativ besten Organe, jene von Menschen, sind kostenlos, qualitativ schlechtere Organe werden für Geld erhältlich sein, weil sie von Tieren kommen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 11.09.2009, 08:04 Uhr
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