Arbeitsunfähigkeit mit Trainingsprogrammen verhindern
Von Juliane Lutz. Aktualisiert am 25.10.2010
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Unsicherheit beseitigen
Die britische Stiftung The Work Foundation untersuchte in 25 Ländern die sozialen und wirtschaftlichen Folgen von sporadisch auftretenden und chronischen Erkrankungen des Bewegungsapparates (EBA). Dabei ergab sich, dass in der Schweiz Arbeitgeber und Ärzte oft unsicher sind, wie die Betreuung und Wiedereingliederung Betroffener aussehen soll. Und auf Seiten der Sozial- und Krankenversicherer herrscht Uneinigkeit über die Zuständigkeiten. Der Verein fitforwork-swiss, dem Fachärzte angehören, will die Behandlung von Menschen mit EBA verbessern und plant 2011 eine grosse Kampagne.
Nach zehn Jahren Tätigkeit im Gepäckverladebereich am Zürcher Flughafen erlitt Luis Furtado* einen Bandscheibenvorfall. Er musste sich operieren lassen und bekam nach einiger Zeit einen Rückfall, der ihn arbeitsunfähig machte. Eine Million Menschen in der Schweiz leiden wie Furtado an einem gesundheitlichen Problem, das sie bis zu einem gewissen Grad am Arbeiten hindert. Zu diesem Ergebnis kamen Fachleute dieses Jahr im Bericht «Swiss Fit for Work», der Teil eines multinationalen Forschungsprogramms ist. Erkrankungen des Bewegungsapparates (EBA) wie rheumatische Beschwerden oder Nacken- und Rückenschmerzen gehören zu den Hauptursachen gesundheitlich bedingter Absenzen. Die Kosten für berufsbedingte EBA werden auf mehr als vier Milliarden Franken geschätzt.
Wieder im Job dank Reha
Doch Luis Furtado arbeitet längst wieder. Dank spezieller arbeitsbezogener Rehabilitation. Er nahm am achtwöchigen «Work Hardening»-Programm der Rheumaklinik und dem Institut für physikalische Medizin des Universitätsspitals Zürich teil. Zu Beginn nahm ein Therapeut den Arbeitsplatz von Furtado in Augenschein, um sich ein Bild von den Tätigkeiten des Flughafenmitarbeiters zu machen. Danach brachte er dem 36-Jährigen bei, wie er beim Wuchten von Koffern den Rumpf besser belastet und andere im Job nötige Bewegungen gelenkschonend und ökonomisch ausführt.
«Wir steigern die Fähigkeiten unserer Klienten hinsichtlich der kritischen Arbeitsanforderungen durch physische Rekonditionierung und Arbeitssimulation», sagt Leiter Andreas Klipstein, der auch Vorstandsmitglied im Verein fitforwork-swiss (siehe Kasten) ist. Unter der Anleitung von Physio- und Ergotherapeuten, Ärzten und Psychologen trainieren Bauarbeiter, Gartenbauer, Maler, Postboten, Pflegepersonal oder Flughafenmitarbeiter schädliche Bewegungen ab. Und lernen neue, weniger belastende. Daher sieht der Trainingsraum im Keller des Zürcher Instituts für Physikalische Medizin ein wenig aus wie ein Spielplatz. Da stellt ein Brettergebäude den Rumpf eines Flugzeugs dar und ein Holzbrett das Förderband. Und in einem Sandkasten liegen Kieselsteine.
Patienten müssen von ihrem behandelnden Arzt angemeldet werden. Aufgenommen werden die, die schon länger unter chronischen muskuloskelettalen Beschwerden leiden, die sich durch den Job noch verschlimmerten. Und denen Arbeitsunfähigkeit droht oder die den Beruf nicht mehr ausüben können. Wichtig ist auch die Motivation, wieder arbeiten und trotz Beschwerden die körperliche Belastbarkeit verbessern zu wollen.
Hohe Wiedereinstiegsrate
Fünf Tage die Woche trainieren sie täglich dreieinhalb Stunden, um wieder arbeitsfähig zu werden. «Falsche Bewegungen abzutrainieren ist aufwendig», sagt Rehabilitationsmediziner Klipstein. Dabei helfe die Gruppendynamik. In Teams von fünf Personen geben sich die Leute gegenseitig Tipps. «Das Ziel ist, dass die Betroffenen ihre körperliche Leistung steigern und sich auch mental wieder etwas zutrauen», erläutert Klipstein. Nach vier Wochen kehren sie, therapeutisch begleitet, stufenweise in den Job zurück. Die Erfolgsquote ist hoch: «Rund 80 Prozent der Teilnehmer können unmittelbar nach dem Programm wieder arbeiten», sagt Klipstein. Die längerfristigen Ergebnisse sind weniger gut. Der Grund: Die Nachbetreuung und Wiedereingliederung vieler Klienten ist im bestehenden System nicht gegeben, was zu schlechteren Voraussetzungen für einen nachhaltigen Verbleib im Arbeitsprozess führt. «Eine bessere Betreuung würde helfen, die erreichten Ergebnisse zu festigen», so Klipstein.
Nicht klar, wer zahlt
Zwar scheinen angesichts der Tatsache, dass eine Frühverrentung dieser Patienten, die zwischen 30 und 50 Jahre alt sind, sehr teuer käme, die rund 9000 Franken für das «Work Hardening»-Programm günstig. Doch sind sich Leistungsträger wie Krankenkassen und IV oft uneins, wer bezahlt. Vielfach gibt es ein Kostensplitting. Und die Nachfrage ist zwar da, doch gibt es ähnliche Programme nur an vier weiteren Schweizer Standorten. Berner können beispielsweise nach Zürich gehen. Oder am dortigen Zentrum für Arbeitsmedizin um ein ergonomisches Coaching am Arbeitsplatz (Ecoa) anfragen.
*Name von der Redaktion geändert (Berner Zeitung)
Erstellt: 25.10.2010, 11:40 Uhr
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