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Wollust, in Wachs geritzt

Die Römer benutzten spezielle Griffel zum Schreiben. In Augusta Raurica fand man zahlreiche dieser Schreibinstrumente. Sie erzählen Faszinierendes über das frühere Leben.

Eine junge Frau grübelt auf diesem Wandgemälde aus Pompeji mit Stilus und Wachstafel über ihre Zeilen nach, 79 n. Chr.

Eine junge Frau grübelt auf diesem Wandgemälde aus Pompeji mit Stilus und Wachstafel über ihre Zeilen nach, 79 n. Chr.
Bild: PD

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«AMICA DULCIS LASCIVA VENUS» steht fein eingestanzt auf dem 11 Zentimeter langen Griffel aus Messing. Archäologen fanden das Schreibgerät bei Ausgrabungen in Augusta Raurica. Aus dem Lateinischen übersetzt heisst der Spruch etwa: «Meine süsse Freundin ist eine wollüstige Venus.» Vergleichbar geschmückte Griffel, im Fachjargon Stili genannt, sind aus der römischen Kaiserzeit bisher nur wenige bekannt, erklärt die Basler Archäologin Verena Schaltenbrand Obrecht. Sie ist Spezialistin für römische Schreibgriffel. In den letzten Jahren war sie für ihre Dissertation zum Thema den Stili nicht nur in der Schweiz, sondern von Pompeij bis England auf der Spur.

Ähnlich lockere bis zweideutige Sprüche wie auf dem Griffel aus Augusta Raurica kennen die Forscher aus römischer Zeit bestens, auch von Fibeln, Mauergraffitis oder Keramikinschriften. «Wer Knaben liebt und Mädchen ohne End, mit dessen Beutel geht es bald zu End!», steht etwa auf dem Boden einer im deutschen Remagen gefundenen Keramik-Spardose.

Teures Papyrus aus Ägypten

Dass der Besitzer des Augster AMICA-Stilus mit seinem vierkantigen, verzierten Griffel damit nur Liebesbriefe schrieb, ist unwahrscheinlich. Denn der «stylo» der Römer, der als Wort im französischen Kugelschreiber bis heute überlebt hat, war auch im Alltag ein allseits beliebtes Schreibinstrument. Papier kannte man in der Antike in Europa jedoch noch nicht. Das gab es höchstens für ganz ausgewählten Gebrauch. Es wurde für teures Geld aus Ägypten importiert, wo man sich auf die Herstellung von Papyrusrollen verstand.

Für den täglichen Gebrauch verwendeten Römerinnen und Römer fast immer eiserne Schreibgriffel und Wachstafeln. Diese Täfelchen waren Holzbrettchen mit einem schmalen Rand, deren Innenfläche ausgeschnitzt und mit schwarzem oder rotem Bienenwachs gefüllt wurden. In diese weiche Wachsschicht ritzte der Schreiber mit dem zugespitzten Stilus, was er seiner Liebsten, einem Kunden oder dem Vorgesetzten in der Verwaltung mitzuteilen hatte. «Schick mir so schnell wie möglich die Nagelschuhe, damit wir losmarschieren können!», ist auf einer im Militärlager von Vindonissa gefundenen, bis ins Holz eingeritzten Tafel zu lesen.

Tipp-Ex der Römer

Oft wurden mehrere Holzbrettchen mit einer Schnur zu kleinen Büchlein zusammengebunden. Wollte man geheime Botschaften vor ungehörigen Blicken schützen, verschloss man die Täfelchen mit einem Siegel aus Wachs. Und weil man die Brettchen ja nicht nur einmal vollschreiben wollte, strich man die Wachsschicht nach Gebrauch einfach wieder glatt. Dazu hatte der Griffel am oberen Ende einen kleinen Spachtel, mit dem man wie mit Tipp-Ex auch Schreibfehler korrigieren konnte. Wurde die Wachsschicht mit der Zeit zu dünn, füllte man neuen Wachs ein.

Im Unterschied zu den Griffeln finden Archäologen die Täfelchen heute nur noch ganz selten, da sich ihr Holz im Boden schnell zersetzte. Während in Augusta Raurica über 1200 Griffel zum Vorschein kamen, fanden die Ausgräber in der Römerstadt am Rhein bis heute bloss ein einziges Fragment einer Holz-Wachstafel, wie Verena Schaltenbrand Obrecht sagt. Eine Ausnahme bildet eine historische Abfallhalde beim römischen Legionslager von Vindonissa bei Brugg mit ihren besonderen Konservierungsverhältnissen, in der man zahlreiche Holztäfelchen-Reste fand.

Nicht ganz jugendfreie Graffiti

Schreibgriffel hingegen gibt es quer durchs Römische Reich von England bis Spanien und Kleinasien. Vereinzelt fand man den ganz genau gleichen Typus an weit voneinander entfernten Orten zum Teil sogar mit demselben Herstellerstempel: Wahrscheinlich also, dass in spezialisierten Werkstätten Griffel in grossen Mengen geschmiedet und dann über die Handelswege auch in entfernte Provinzen verkauft wurden, sagt die Stilus-Fachfrau.

Gebrauchen konnte man den Stilus im Übrigen nicht nur zum Schreiben in Wachs. Mit seiner harten Eisenspitze eignete er sich auch bestens zum Kritzeln auf verputztem Gemäuer und zum Ritzen in Holz. Aus Pompeji etwa sind Tausende von Graffitti bekannt, nicht alle davon harmlos und jugendfrei. Aber auch Handwerker und Hausfrauen setzten die Stili zum Teil bei ihrer Arbeit ein, dann, wenn sie ein spitzes, hartes Instrument brauchten. Und berühmt ist schliesslich der verzweifelte Griffeleinsatz des Julius Caesar: Bei seiner Ermordung stach er seinem Mörder Casca in Notwehr mit seinem Schreibgerät in den Arm – der Stilus wurde zum Stilett.

In aller Regel aber schrieb man mit dem Stilus. Doch wer konnte in den Schweizer Römerstädten überhaupt schreiben und lesen? «Man schätzt heute, dass etwa 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung des Römischen Reichs das Alphabet kannten, Latein verstanden und einigermassen schreiben konnte», sagt Verena Schaltenbrand Obrecht. Die Kinder begüterter Eltern besuchten die Schule und lernten dort Rechnen, Lesen und Schreiben. Mädchen und Knaben gingen dabei gemeinsam zur Schule, wobei eine höhere Ausbildung fast ausschliesslich dem männlichen Nachwuchs zuteil wurde.

Schreiben für die Karriere

Die Schulausbildung war in drei Stufen aufgeteilt: Lesen, Schreiben und Rechnen lernten die Kinder etwa ab dem siebten bis zum zwölften Lebensjahr. Der Unterricht erfolgte in Latein. Mit zwölf war die Schulzeit für die meisten vorbei. Mädchen konnten dann, was sie für ihr späteres Leben als Ehefrau, Mutter und Hausvorsteherin brauchten. Nur Knaben aus höheren Familien wurden weiter ausgebildet und lernten neben dem Latein auch noch Griechisch und wurden auch in Literatur, Geschichte, Geografie, Physik, Astronomie und Mythologie weitergebildet.

Mit 15 oder 16 traten die Abkömmlinge der reichsten und mächtigsten Familien dann in die höchste Schulstufe ein, wo sie gezielt auf eine politische oder militärische Karriere vorbereitet wurden. Ohne gute Rede-, Lese- und Schreibkenntnisse war ein erfolgreiches Leben in den römischen Provinzen unmöglich.

Geschrieben haben aber nicht nur die besseren Kreise, sondern vor allem auch die Handwerker. In den Handwerksquartieren von Augusta Raurica fand man sogar besonders viele Griffel. Denn Schreibutensilien waren zum Anschreiben und Rechnen unentbehrlich.

An der Beliebtheit der Griffel besteht, unabhängig von der genauen Verwendung, aber kein Zweifel: Der berühmteste, wohl mit einem Stilus gleich auf drei Hauswände in Pompeji geschriebene Spruch thematisiert die Graffiti-Begeisterung der römischen Sprayervorfahren: «Admiror, o paries, te non cecidisse ruinis, qui tot scriptorum taedia sustineas.» – «Ich wundere mich, Wand, dass du noch nicht zusammengestürzt bist, da du die blöden Kritzeleien so vieler Schreiber ertragen musst.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.02.2010, 06:53 Uhr

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