Wissen

Die Erde stand schon sieben Mal am Abgrund

Von Fritz Straumann. Aktualisiert am 22.02.2010

Eine Ausstellung in Zürich zeigt: Mehrere dramatische Umweltkatastrophen löschten beinahe alles Leben auf der Erde aus. Forscher haben ein immer klareres Bild davon, was bei den grossen Massenaussterben der Erdgeschichte genau passiert ist.

So stellt sich Hollywood den Untergang der Welt vor (Film «2012»): Im Lauf der Jahrmillionen gab es auf der Erde tatsächlich schon mehrere Umweltkatastrophen, die beinahe alles Leben auslöschten.

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«Massenaussterben gehören zur Natur»: Der Paläontologe Heinz Furrer bei der Arbeit.

«Massenaussterben gehören zur Natur»: Der Paläontologe Heinz Furrer bei der Arbeit. (Bild: zvg)

Ausstellung, Vorträge, Buch

Die Sonderausstellung «Massenaussterben und Evolution» (siehe Haupttext) ist eine Gemeinschaftsproduktion des Paläontologischen Instituts und Museums und des Zoologischen Museums der Universität Zürich und dauert bis zum 5.September.

Adresse: Zoologisches Museum der Universität Zürich, Karl-Schmid-Strasse 4.

Öffnungszeiten: Dienstag– Freitag, 9–17 Uhr, Samstag/Sonntag, 10–17 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Ein Begleitprogramm mit Führungen, Vorträgen und Familiensonntagen rundet die Sonderausstellung ab und bietet Gelegenheiten, mit den Forschern zu diskutieren.

Zur Ausstellung ist auch ein Buch erschienen (für Fr. 15.– im Museum erhältlich).

Infos: Tel. 044 634'38'38, www.zm.uzh.ch.

Erdbeben, Artenschwund, Klimaerwärmung – überall lauern Katastrophen. Heinz Furrer nimmt es gelassen. «Die Welt wird nicht untergehen», sagt der gestandene Forscher. Er glaubt auch nicht, dass das Leben dadurch verschwinden wird, «aber vielleicht der Mensch». Natürlich hat Naturwissenschafter Furrer Mitgefühl mit Opfern von Unglücken und macht sich Sorgen wegen der Klimaerwärmung. Doch er hat eben auch diesen professionellen Blick. Als Paläontologe beschäftigt er sich sehr oft mit vergangenen Umweltkatastrophen, die sich in ihrer Dramatik jeglicher Vorstellungskraft entziehen.

Das aktuelle Wissen

«Massenaussterben gehören zur Natur», sagt Furrer, während er durch das Paläontologische Museum der Universität Zürich führt. Als Kurator hat er zusammen mit Fachkollegen das aktuelle Wissen zu den verschiedenen Massenaussterben der letzten 540 Millionen Jahre für eine Ausstellung zusammengetragen. Es ist der Zeitraum, in dem sich das Leben von Mehrzellern zu komplexen Wesen wie uns Menschen entwickelte. Davor existierten zwar einfache Lebensformen, doch hinterliessen sie nur spärliche Spuren.

Zu eigentlichen Massenaussterben, bei denen das Leben am Abgrund stand, kam es laut den Zürcher Paläontologen sieben Mal. «Wir reden von einem solchen Ereignis, wenn mindestens 50 Prozent der bekannten Gattungen ausstarben», erklärt Heinz Furrer.

Das grosse Aussterben

Das letzte markante und mit Sicherheit auch das bekannteste Massenaussterben fand am Ende der Kreidezeit vor 65 Millionen Jahren statt. Damals verschwanden nicht nur die bis dahin äusserst erfolgreichen Saurier, sondern auch 50 Prozent aller im Meer lebenden wirbellosen Tiere. Obwohl die Saurier aus heutiger Sicht die unbestrittenen Stars sind, interessieren sich Paläontologen mindestens so stark für die bis zu zwei Meter grossen Ammoniten. Diese urtümlichen Meereswesen hatten ein meist spiraliges Kalkgehäuse, dank dem sie im Wasser schweben konnten.

Weil die Ammoniten weltweit in grosser Vielfalt vorkamen und ihre Schalen gut erhalten blieben, findet man von ihnen besonders viele Fossilien. Den Forschern ermöglicht dies, die Entwicklung genau zu verfolgen. Beispielsweise stellten sie fest, dass die Ammoniten vor ihrem endgültigen Ende vor 65 Millionen Jahren drei Massenaussterben nur knapp mit ein paar wenigen Arten überstanden. Aus diesen entstand jedoch jedes Mal innert kürzester Zeit neue Vielfalt.

Das grosse Sterben vor 65 Millionen Jahren hinterliess eine scharfe Grenze in den Gesteinsschichten. Beispielsweise durch die vorher massenhaft auftretenden planktonischen Algen, aus deren Resten sich die Schreibkreide bildete. Erst nach einigen zehntausend Jahren lagerten sich wieder solche kalkigen Mikrofossilien ab.

100 Theorien

Die Suche nach den Ursachen des Aussterbens der Dinosaurier und ihrer Zeitgenossen ist ein Dauerbrenner. Furrer beobachtet, dass in der Paläontologenzunft immer wieder neue Trends auftreten: «Inzwischen existieren über 100 Theorien.» Eine geht beispielsweise davon aus, dass sich die Saurier wegen ihrer Grösse die eigene Nahrung wegfrassen und dann verhungerten. Andere Schuldige waren abwechslungsweise Viren, Meteoriten und – seit wenigen Jahren – Vulkane. Diese gelten heute als hauptverantwortlich.

Eine 3500 Meter dicke Schicht aus Vulkangestein in Indien zeugt von massiver Vulkanaktivität während rund einer hal-ben Million Jahre. Staubparti-kel, Schwefel- und Kohlendio-xid sorgten für Klimaturbulenzen und eine Versauerung der Meere.

Der Todesstoss

Mitten in dieser schwierigen Phase schlug zu allem Überfluss ein Asteroid mit rund 10 Kilometern Durchmesser auf der heutigen Halbinsel Yucatán in Mexiko ein. «Das war für die Saurier der Todesstoss», erklärt Heinz Furrer.

Dies war wahrscheinlich das einzige Mal, dass ein Einschlag eines Asteroiden an einem Massenaussterben direkt beteiligt war. Lange Zeit hat man die Auswirkungen solcher Ereignisse überschätzt. Nachdem immer mehr Einschlagstellen entdeckt wurden, musste man eingestehen, dass die meisten Asteroiden nur lokal Verwüstung anrichteten.

Die Vulkanausbrüche

Furrer ist sowieso der Meinung, dass bei Massenaussterben immer mehrere Umweltkatastrophen zusammenkommen müssen. So auch beim grössten Aussterbeereignis der Erdgeschichte vor 250 Millionen Jahren. Damals löschten vermutlich gewaltige Vulkanausbrüche im heutigen Sibirien rund 95 Prozent aller Arten aus. Schon vorher hatten plattentektonische Bewegungen zur Bildung eines einzigen grossen Superkontinents namens Pangäa geführt, was das Klima ebenfalls veränderte und zu einem massiven Absenken des Meeresspiegels führte.

Durch die Katastrophe verschwanden ganze Tiergruppen wie die ehemals weit verbreiteten Trilobiten vollständig. Von anderen wie den Korallen, Seelilien und Seeigeln überlebten nur einzelne Arten. Aus heutiger Sicht unvorstellbar. Doch das hat vor allem damit zu tun, dass sich die Katastrophe vor 250 Millionen Jahren wie alle grossen Aussterben über Hunderttausende Jahre erstreckte. Hier kommt die erdgeschichtliche Perspektive von Heinz Furrer wieder zum Zug: Auf geologische Zeiträume hochgerechnet, findet zurzeit nämlich das achte Massenaussterben statt. Diesmal durch menschliche Aktivität. «Beunruhigend», gesteht Furrer, diesmal ohne Paläontologenbrille.

Felix Straumann

> (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.02.2010, 09:11 Uhr

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