Versuchen, das Kopfkino zu steuern
Von Juliane Lutz. Aktualisiert am 09.11.2009
An die Fakten halten, rät Psychologe Herbert Kubat. (Bild: zvg)
Beim Bundesamt für Gesundheit geht man davon aus, dass sich in der Schweiz ein bis zwei Millionen Menschen mit der Schweinegrippe anstecken könnten. Wie schafft man es da, nicht panisch zu werden?
Herbert Kubat: Indem man sich an den Fakten orientiert. Bislang sind gemessen an der Zahl der Fälle nur sehr wenige Menschen an dieser Grippe gestorben. Wenn man erkrankt, kann man sich in Behandlung begeben. Man sollte gezielt versuchen, den Film im Kopf, der die Grippewelle zu einer Art Horrorszenario aufbauscht, zu steuern. Das lässt sich ganz gut trainieren.
Wie denn?
Indem Sie genau überlegen, welche Gedanken Angst auslösen. Woran Sie denken, wenn Sie das Wort Schweinegrippe hören? Gehen Sie jeden einzelnen Gedanken durch und überlegen Sie, ob das Szenario überhaupt realistisch ist. Nach dieser Analyse wäre es in einem zweiten Schritt gut zu überlegen, ob man in Sachen Schweinegrippe künftig nicht etwas nüchterner reagieren könnte.
Schafft das jemand, der eherängstlich veranlagt ist, alleine?
Natürlich ist es gut, wenn man mit Kollegen darüber reden kann, wie gross die Wahrscheinlichkeit ist, dass man tatsächlich krank wird. Und wie hoch das Risiko ist, dass die Schweinegrippe zum Tod führt. Nämlich nicht hoch. Und die Risikogruppen lassen sich stark eingrenzen.
Und wenn das Panikgefühl dennoch bleibt?
Ein gewisses Angstgefühl ist gar nicht so schlecht, denn dadurch bleibt man vorsichtig. Erst wenn die Furcht wirklich übertrieben ist und einen so lähmt, dass das Leben dadurch eingeschränkt ist, sollte man sich Hilfe holen.
Was raten Sie, um besser mental mit der Schweinegrippe klar zu kommen: So viele Informationen wie möglich aufnehmen oder lieber die ganze Schweinegrippe-Problematik ausblenden?
Der Mittelweg ist wohl ideal. Man sollte die Fakten zur Kenntnis nehmen und die Vorsichtsmassnahmen befolgen, wie häufiges Händewaschen oder in Hochzeiten der Grippe Menschenansammlungen zu meiden. Gleichzeitig sollte man sich aber von all den Meldungen wirklich nicht den Tag vermiesen lassen.
Und wie vermeide ich eine Überreaktion, sobald jemand in meiner Nähe niest oder sonstwie grippekrank wirkt?
Dazu ist es wieder nötig, das Kopfkino entsprechend zu steuern. Und es wäre wichtig, nicht ständig die Umgebung abzuscannen, ob da jemand vielleicht die Grippe hat. Sollten die Zahlen weiter steigen, könnte ich mir vorstellen, dass sich das soziale Verhalten der Leute ändert und Zwangserkrankungen, die sich etwa in extremen Reinlichkeitsdrang äussern, zunehmen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 09.11.2009, 10:26 Uhr
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