Schweinegrippe: Weshalb sich ausgerechnet Ärzte und Pflegepersonal nicht impfen lassen
Von Sarah Nowotny. Aktualisiert am 27.11.2009 125 Kommentare
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Es sind gute Zeiten für Verschwörungstheoretiker und Impfgegner: Die Pharmaindustrie habe die Schweinegrippe erfunden, um Geld zu machen, können sie verkünden. Doch auch Menschen, die solche Theorien abstrus finden und einen besonders guten Grund haben, sich impfen zu lassen, verzichten in vielen Fällen auf den Pieks. So haben an einem Berner Spital die meisten Hebammen beschlossen, die Spritze auszulassen, einige Ärzte im Kanton sprechen sich gegen die Impfung aus, und auch das Pflegepersonal in Altersheimen übt seinen Beruf oft ungeimpft aus. Dabei legt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Impfung gerade allen im Gesundheitswesen Tätigen nahe, denn Kranke, Schwangere und Säuglinge unter sechs Monaten riskieren bei einer Ansteckung Komplikationen. Ärztinnen, Pfleger und Hebammen konnten sich denn auch schon vor zwei Wochen impfen lassen. Die CVP der Stadt Bern fordert zum Schutz der «öffentlichen Gesundheit und Ordnung» gar ein Impfobligatorium für diese Berufe.
Spitalleitung übte Druck aus
«Ich will mir aber keine Impfung verpassen lassen – wie die meisten meiner Kolleginnen», sagt eine Hebamme aus Bern, die anonym bleiben möchte. Der Hauptgrund dafür sei, dass sie keine Angst vor der Schweinegrippe habe. Zudem sei der Impfstoff überstürzt zugelassen worden und enthalte Quecksilber. «Wenn ich von der Grippe bleibende Schäden davontrage, kann ich dem Schicksal die Schuld geben. Sollte dies aber wegen der Impfung geschehen, würde ich es mir nie verzeihen.» Sie sei dem Impfen gegenüber kritisch eingestellt, lehne es aber nicht ab. «Klar war etwa, dass ich mich gegen Hepatitis impfen lasse.» Im Fall der Schweinegrippe empfinde sie ihre Weigerung den Schwangeren und Babys gegenüber nicht als fahrlässig. «Ich meide Menschenansammlungen, habe ein gutes Immunsystem – deshalb werde ich das Virus wohl gar nicht aufschnappen.» Als Hebamme sei sie zudem sensibilisiert und bleibe bei den ersten Anzeichen einer Krankheit zu Hause.
«Natürlich, man ist schon ansteckend, bevor Symptome auftreten.» Aber auch die Impfung biete keinen 100-prozentigen Schutz vor einer Ansteckung. «Ein Restrisiko bleibt immer.» Die Schulmedizin stelle sie mit ihrer Haltung nicht infrage: «Wenn sich eine schwangere Frau impfen lassen will – und das wollen bei uns fast alle –, kann ich das verstehen.» Obwohl es keinen Impfzwang gibt, habe die Spitalleitung zuerst Druck auf das Personal ausgeübt. «Jetzt haben sie unsere Haltung aber akzeptiert.»
«Reiseverbot wäre klug gewesen»
Sie sei gegen fast alles geimpft, sagt Sibylle Kunz-Krebs, die in der Tilia-Stiftung für Langzeitpflege in Köniz als Pflegefachfrau arbeitet. «Aber im Fall der Schweinegrippe oder der saisonalen Grippe war mir schon immer klar, dass die Impfung nichts bringt, auch wenn ich meine Überzeugung nicht mit Zahlen und Fakten untermauern kann.» Impfungen machten Grippen nur häufiger und aggressiver, weil das Immunsystem des Körpers danach nicht mehr herausgefordert werde. «Ausserdem kenne ich viele Menschen, die nach der Spritze halb krank wurden.» Den Vorwurf, Risikopatienten zu gefährden, lasse auch sie nicht gelten. «Es steht schliesslich jedem von ihnen frei, sich impfen zu lassen.»
Das grösste Problem sei, dass es den Impfstoff überhaupt gebe, sagt Viktor Jenni, Hausarzt in Bern, Mitglied der Arbeitsgruppe für differenzierte Impfungen (Impfo) – und nicht gegen Schweinegrippe geimpft. Gewisse Bestandteile seien völlig veraltet und könnten Allergiker sogar töten. Zudem sei der Stoff nicht an einer ausreichenden Anzahl Menschen getestet worden, deshalb könnten plötzlich Nebenwirkungen auftreten, die man heute noch gar nicht kenne. Es sei nicht einmal besonders fahrlässig, Menschen mit der Schweinegrippe anzustecken: «Das Virus verursacht nicht viel mehr als Schnupfen, und im Moment hätten wir sowieso eine Grippewelle.» Trotz alldem mache das BAG den Ärzten furchtbar viel Arbeit, ändere die Vorschriften dauernd. «Dieselben Experten, die das BAG beraten, sind halt mit der Pharmaindustrie verflochten.» Und so komme es, dass er statt der bestellten 10 Dosen 20 erhalte, aber nur zwei «Opfer» für die Impfung finde, und die restlichen Dosen nach 24 Stunden wegwerfen müsse. Um die Pandemie zu verhindern, wäre es klüger gewesen, im Frühling Reisen nach Mexiko zu verbieten. «Aber das hätte die Leute natürlich aufgebracht.» Er kenne übrigens einige Kollegen, die so dächten wie er – «ganz normale Schulmediziner notabene».
Nach der Impfung gegen die Schweinegrippe ist es bei zahlreichen Menschen in Kanada zu schweren allergischen Reaktionen gekommen. Die Behörden mussten eine Ladung des Impfstoffs Pandemrix von GlaxoSmithKline zurückrufen. Die Schweiz sei nicht betroffen, weil ihre Impfstoffe nicht in Kanada produziert würden, heisst es beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Allerdings gibt die eidgenössische Kommission für Impffragen zu, die Nebenwirkungen der Impfung noch nicht genau zu kennen, schliesslich sei sie neu. Rötungen an der Injektionsstelle, Kopf-, Gelenk- und Muskelschmerzen sowie Schwitzen können offenbar bei jedem 10. Geimpften auftreten. Ein bis zehn von 10 000 Menschen reagieren gar allergisch auf die Impfung. Dennoch ist das Risiko einer schweren Nebenwirkung durch die Impfung laut der Kommission viel kleiner als das Risiko einer Komplikation der Grippe. Diese hat in der Schweiz denn auch ein viertes Todesopfer gefordert, wie gestern bekannt wurde: Am Samstag verstarb in Obwalden ein 45-jähriger Mann, der zu einer Risikogruppe gehörte.
Inzwischen könnten alle Schweizer einen Stich haben, aber die 13 Millionen Impfdosen, die der Bund gekauft hat, gehen nicht weg wie warme Semmeln – offenbar gibt es viele Skeptiker. «Der Ansturm hält sich in Grenzen», heisst es etwa beim City-Notfall in Bern. Der Bund überlegt sich nun bereits, 10 bis 20 Prozent der Schweizer Impfdosen ans Ausland weiterzugeben. (sn) (Der Bund)
Erstellt: 27.11.2009, 09:03 Uhr
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125 Kommentare
Selber lange Jahre in der Pflege tätig, kann ich die Haltung von Hebammen und Pflegenden, sowie ÄrztInnen sich nicht impfen zu lassen nicht verstehen. Die Wohlstandsdiskussion über, die in der Regel milden Nebenwirkungen einer Grippeimpfung, kann sich nur eine Gesellschaft leisten, die aufgrund des langjährigen Einsatzes von Impfungen den Schrecken und Angst vor Epidemien verloren hat. Antworten
Ich wurde geimpft. Keine Rötung, keine Beschwerden. Sehr viel anders als bei der saisonalen Grippeimpfung, die ich auch nicht mitmache. Ich verstehe nicht die Haltung sich gegen H1N1 nicht impfen lassen zu wollen Es ist doch klar, dass die Auswirkungen der Schweinegrippe sehr viel schwerwiegender sind, wie all die erdichteten Impfprobleme Antworten
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